© Kurier/Juerg Christandl

Reportage
08/22/2020

Früher Badeschluss an der kroatischen Adria

Seit Montag gilt für Kroatien eine Reisewarnung. Die meisten Österreicher sind abgereist, dennoch ist einiges los.

von Uwe Mauch, Jürg Christandl

Aleks ist aus London eingeflogen und zeigt sich begeistert: Über die Wärmebildkamera am Eingang des Fünf-Stern-Hotels Ambasador, die für 12.000 Euro angeschafft wurde und die Temperatur aller Eintretenden misst; über die strikten Abstandsregeln; über die Hotelangestellten, die alle Masken tragen, und am Buffet zusätzlich Handschuhe.

An ihrem vierten Tag in Opatija meint die britische Filmschaffende: „Gegen die Disziplin der Kroaten ist die Londoner U-Bahn ein Zoo.“

„100 Prozent sicher“

Aleks kann das schöne Wetter an der nördlichen Adria in vollen Zügen genießen. Die Reisewarnung der österreichischen Regierung für ganz Kroatien hält sie für nicht gerechtfertigt: „Es gibt drei Cluster in Zagreb, südlich von Split und in Šibenik. Doch hier in Opatija haben wir derzeit keine Infizierten. Ich fühl’ mich zu 100 Prozent sicher.“

Die neue Verordnung hat am vergangenen Wochenende 10.000 Österreicher zum vorzeitigen Abbruch ihres Sommerurlaubs am Meer gezwungen. Neue Gäste aus Österreich sind seither nur mehr wenige eingetroffen.

Auf dieser Recherchereise fällt jedoch sofort auf, dass dadurch der für Kroatien lebenswichtige Tourismus noch nicht zusammengebrochen ist: Die Hotels und Campingplätze an der oberen Adria sind gut gebucht, die Strände nur etwas weniger frequentiert als im Rekord-Vorjahr.

Das Glück der Kroaten im globalen Unglück beschreibt der erfahrene Hotelier Kruno Kapetanović so: „Wir haben in diesem Jahr weniger österreichische Gäste, dafür deutlich mehr Deutsche, Polen, Tschechen, Ungarn.“ Der Besitzer von zwei beinahe ausgebuchten Hotels in der Kvarner Bucht hat dafür auch eine Erklärung: „Kroatien hat eine halbwegs gute Saison, weil viele andere Sommerdestinationen in der Coronakrise einfach nicht erreichbar sind.“

Doch auch Italien und Slowenien warnen vor Reisen nach Kroatien. Deutschland hat für  Šibenik-Knin und Split-Dalmatien eine Reisewarnung ausgesprochen.  Ausländische Gäste fingen an, das Land zu verlassen oder Reservierungen zu stornieren, berichtete der kroatische Rundfunk HRT am Samstag.

Kapetanović ist mit seinen Freunden in Österreich, darunter Hotelbesitzer, täglich in Kontakt. Er versteht die Sorge von Gesundheitsminister Rudolf Anschober. Die Antwort von Außenminister Alexander Schallenberg auf die Frage, ob es nicht auch eine partielle Reisewarnung für Kroatien getan hätte, hält er für falsch: „Wenn er sagt, dass die Österreicher bei uns im ganzen Land hin- und herfahren, heißt das doch nur, dass er die Gewohnheiten seiner Landsleute nicht kennt.“

Auch Reinhard Grill, der Inhaber der Grazer Firma Yachttechnik, versteht die Warnung für ganz Kroatien nicht: „Unvorsichtiges junges Partyvolk gibt es überall auf der Welt. Aber man muss doch auch sehen, dass es in Istrien deutlich weniger Infizierte gibt als etwa in Tirol.“

Die ersten Zahlen vom Krisenstab in Wien, wo sich Kroatien-Rückkehrer bis Freitag freiwillig testen lassen konnten, bestätigen Grills These. Die meisten Infizierten waren  in der Makarena-Bar in Makarska und auf einem Partystrand auf der Insel Pag. Andere haben ihre Verwandten besucht.

Enttäuscht sind auch Franz und Pia Rosa Schuster, die in der Marina Funtana ihr Segelboot frühzeitig fit für den Winter machen. Der Theologe und die Lehrerin, beide im Ruhestand, sind heuer nicht viel zum Segeln gekommen. Für sie nicht nachvollziehbar: „Wenn wir zwei auf dem Wasser sind, sind wir sicherer als in der Innenstadt von Graz.“

Auf dem benachbarten Camping Ressort der Marina und auf einem Campingplatz in Vrsar findet man nach dem Exodus vor acht Tagen Österreicher nur mit der Lupe. Und die wollen auch nicht reden. Aus gutem Grund: „Ich habe mir von meiner Familie und von Arbeitskollegen einiges anhören müssen“, sagt einer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte.

Eindeutige Diagnose

An jedem Morgen wiederholt sich derweil in jener Straße, die in der kroatischen Hauptstadt Zagreb zum Friedhof Mirogoj führt, dasselbe Ritual: Menschen parken ihre Autos ein, füllen ein Formular aus, zahlen umgerechnet 100 Euro pro Nase, lassen geübte Virologen mit einem Stäbchen in den rechten Nasenflügel fahren, sind nach weniger als einer Stunde wieder weg.

Unter jenen, die sich hier testen lassen, ist auch die österreichische Ärztin Andrea Schleich, die im Management der Zagreber Niederlassung einer Versicherung arbeitet. Ihre Diagnose ist eindeutig: „Diese neue Reisewarnung ist für mich eine Schikane.“

Gereizte Stimmung zwischen Wien und Zagreb

Besonders der Satz von Bundeskanzler Sebastian Kurz „Das Virus kommt mit dem Auto“ hat in Kroatien für Verärgerung gesorgt. Er wurde von den meisten so wie von einem hochrangigen Zagreber Diplomaten interpretiert: „Nehmt euch in Acht! Das Virus lauert bei denen dort unten – am Balkan.“

Ministerpräsident Andrej Plenković, dessen HDZ so wie die ÖVP in der Europäischen Volkspartei beheimatet ist, bemüht sich nun, nicht zusätzlich Öl ins Feuer zu gießen. Interviewanfragen des KURIER nicht zuletzt bei der neuen Tourismusministerin wurden abgelehnt.

Plenković gilt in seinem Land als erfahrener EU-Diplomat. Er weiß zum einen, dass sich der finanzielle Schaden durch das Ausbleiben der österreichische Urlauber derzeit noch einigermaßen verkraften lässt. Es wurde ihm zum anderen auch zugetragen, dass Kroaten und Kroatien-Urlauber in den vergangenen Tagen in Österreich regelrecht gemobbt wurden.

Als Speerspitze der neuen Abwehrkämpfer hat sich ein Grazer Wirt ausgezeichnet. Der Mann hat Kroatien-Urlaubern den Zutritt zu seiner Gaststätte untersagt. In der kroatischen Botschaft in Wien hat man darüber hinaus von etlichen verbalen Attacken gehört. Nun sorgt man sich um die  gut-nachbarschaftlichen Beziehungen.

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