Anne Hidalgo

© Reuters/PHILIPPE WOJAZER

Frankreich
03/08/2014

Zwei Frauen kämpfen um Paris

Eine soziale Aufsteigerin und ein inszenierter Star stehen Ende März zur Bürgermeister-Wahl.

von Danny Leder

Die Männer, die vor dem Pariser Nordbahnhof herumstehen, drehen sich um. Begleitet von einem Pulk Journalisten spaziert eine Dame mit Mandelaugen und pechschwarzem Haar vorbei. "Fesch. Wer ist das?", fragt ein Passant. Auf Anhieb erkennen sie nur wenige. Dabei hat Anne Hidalgo, die 54-jährige Sozialistin mit der franko-spanischen Doppelstaatsbürgerschaft laut Umfragen gute Aussichten, Ende März zur neuen Bürgermeisterin von Paris gekürt zu werden.

Hidalgo, die zwölf Jahre als energische Vizebürgermeisterin im Hintergrund wirkte, fällt es noch immer schwer, aus dem Schatten des scheidenden Rathaus-Bosses Bertrand Delanoe zu treten. Der Sozialist hatte 2001 die französische Hauptstadt zum ersten Mal seit 1871 den Bürgerlichen entrissen und war 2007 wiedergewählt worden. Der sozialliberale Pragmatiker und erste Politiker Frankreichs, der sich zu seiner Homosexualität bekannt hatte, verkörperte eine Symbiose mit einer gewandelten Stadt: Seine konservativen Vorgänger hatten das Rathaus in einen Pfründestadl verwandelt. Vor allem aber hatten sie den Vormarsch der neuen urbanen Mittelschichten und ihren Wunsch nach mehr Lebensqualität verschlafen.

Umgekrempelte Stadt

Delanoe krempelte die Stadt um: In der dichtestbewohnten Metropole Europas entstanden neue Grünflächen, darunter kollektive Schrebergärten. Dort, wo seine Vorgänger Boulevards zu Autobahnen degradiert hatten, wurde der Individualverkehr zugunsten von Bus- und Radtrassen zurückgedrängt.

Städtische Enge und nie versiegende Nachfrage machen zwar die Wohnungssuche in Paris auch für Durchschnittsverdiener zur Qual. Aber die rot-grüne Stadtverwaltung konnte eine Linderung herbeiführen: Der Anteil der Sozialwohnungen wurde auf ein Rekordniveau von über 20 Prozent hochgeschraubt.

Auch Hidalgos persönlicher Werdegang weckt Sympathien: Der spanische Vater, der aus Gegnerschaft zur Franko-Diktatur nach Frankreich geflüchtet war, holte seine Familie aus Andalusien in eine Arbeitersiedlung bei Lyon. Anne erkämpfte sich ein Uni-Studium, obwohl ihr ein Gymnasialprofessor davon abgeraten hatte: "Du hast das Niveau, aber die soziale Umstellung wäre zu hart." Sie wurde Inspektorin für Arbeitsrecht.

Ausdauer und Tarnung

Als sie noch in der Siedlung wohnte und sich aufdringliche Burschen vom Hals halten wollte, täuschte sie einen Hinkefuß vor. Ihre Unterstützer bewundern diesen Wesenszug Hidalgos: Ausdauer und Tarnung um Widrigkeiten zu überdauern.

Ihre bürgerliche Rivalin ätzt hingegen über Hidalgo als eine angepasste SP-Funktionärin, die sich bloß bei Delanoe brav hochgedient habe. Diese Rivalin, Nathalie Kosciusko-Morizet, die wegen ihres schwer aussprechbaren Familiennamens unter dem Kürzel NKM prominent wurde, bietet einen furiosen Kontrast zu Hidalgo.

Praktikum auf U-Boot

Die 40-Jährige mit dem fein ziselierten Madonnengesicht und den wallenden rotblonden Haaren ist ein Medienstar. Sie stammt aus einer franko-polnischen Politikerdynastie. Ihre Prominenz verdankt sie aber ihrem eigenen Mut. Als eine von wenigen Frauen absolvierte sie eine Eliteschule für Spitzen-Ingenieure, die dem Verteidigungsministerium untersteht. Ihr Praktikum leistete sie, als einzige Frau, auf einem U-Boot. Später, als Umweltministerin unter Präsident Nicolas Sarkozy, fiel sie durch Ausritte gegen Regierungskollegen auf. Ihr Ruf als Eigenbrötlerin verstärkte sich, als sie sich den Protesten der Opposition gegen die Homo-Ehe nicht anschloss.

Diese Haltung macht sie mit den gebildeten Pariser Mittelschichtlern kompatibel. Dort versucht sie zu punkten, indem sie die Bürokratie aufs Korn nimmt. Vor allem aber verheißt sie für Paris mehr Glanz, das gewisse Etwas, das, so suggeriert sie, bei ihrer biederen SP-Rivalin nicht vorhanden sei. Ein rutschiges Parkett: In ihrem weniger vorsichtigen Parteiumfeld zirkuliert der Satz vom "Star" (NKM) und der "Hausbesorgerin" (Hidalgo).

Solch soziale Verachtung könnte jene Mehrheit der Pariser (über 55 Prozent), die gegen Sarkozy gestimmt hatte, wieder für die Linke mobilisieren, obwohl viele von SP- Staatschef François Hollande enttäuscht sind.

Außerdem wirkt die bürgerliche Kandidatin, wenn sie durch angesagte Pariser Lokale tourt, in Jeans, Lederjacke, Zigarette im Mundwinkel, oft affektiert und überheblich. Wärme verstrahlt sie keine, aber das wird ja auch nicht unbedingt von einer Politikerin erwartet.

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