Politik | Ausland
14.05.2017

Macron zwischen Etikette und Entrümpelung

Frankreichs neuer Präsident legte auch bei seiner Amtsübernahme einen Dauersprint zwischen Kontinuität und Tabubruch hin.

„Au boulot“ (Ans Werk). Diese eher umgangssprachliche Formulierung bemühte Emmanuel Macron am Sonntag mehrfach, um sich von Freunden und Anhängern im Spalier auf den Champs-Elysée, die seine Hand nicht mehr hergeben wollten, doch noch loszueisen.

Frankreichs 39 jähriger Neo-Präsident absolvierte auch sonst seine feierliche Amtsübernahme mit einer Mischung aus erfrischender Lässigkeit und wohl einstudiertem, zeremoniellem Ernst. Am sichtbarsten wurde diese Zweigleisigkeit gleich bei seiner Ankunft im Innenhof des Elysée am Sonntag-Vormittag. Während Francois Hollande auf den Eingangsstufen des Hauptgebäudes wartete und schon nicht mehr recht wusste, wie lange er noch seinem Nachfolger entgegenlächeln sollte, stolzierte ihm Macron auf dem, rund hundert Meter langen roten Teppich mit steifem Schritt und in provokantem Schneckentempo entgegen.

Eine Stunde später, nachdem die beiden ein unüblich langes Vier-Augengespräch absolviert hatten, kam es zu einem Stimmungs-Wechsel: Hollande umarmte die in der Eingangshalle wartende Frau von Macron, Brigitte. Das gegenseitige Beklopfen des jeweiligen Oberarms zwischen Macron und Hollande schien keine Ende zu nehmen.

Und abermals eine Stunde später – der neue Präsident hatte inzwischen seine Antrittsrede gehalten – gelang es einem TV-Team Macron bis an die Stufen ins Obergeschoss zu verfolgen: und da sah man den schlanken Staatschef urplötzlich in unglaublichem Tempo die Stiegen emporsprinten, so als hätte er ein paar Akten oben noch vergessen, während seine Frau ihm verdutzt nachblickte.

Bubenhaftes Dauerlächeln

Damit wurde am Sonntag das bisherige Erfolgsrezept von Macron auch fast schon körperlich sichtbar: das blitzschnelle Hin- und Her-Sprinten zwischen traditioneller Etikette und dem beinhartem Willen, Frankreichs Gepflogenheiten zu entrümpeln, die rasende Gratwanderung zwischen konventionellen Loyalitäten und unverschämten Tabubrüchen – und alles noch mit einem charmanten, bubenhaften Dauerlächeln als Draufgabe.

So teilte Macron gleich in der Antrittsrede im Ehrensalon des „Elysée“ gehörig aus: Frankreich habe durch seine Wahl „Hoffnung und Eroberungsgeist“ bewiesen, andernfalls hätte sich das Land „aus dem Lauf der Geschichte verabschiedet“ und den „Werten der Aufklärung den Rücken gekehrt“. Jeder verstand wen Macron meinte, auch wenn er Marine Le Pen nicht namentlich erwähnte. Er wolle den Franzosen das „Selbstvertrauen zurückerstatten, dass schon lange geschwächt wurde“. Auch da gab es keine Namensnennung der Missetäter, aber seine Vorgänger, Hollande inbegriffen, waren ohne viel Mühe erkennbar.

Hollande hatte sich in den Tagen vor der Amtsübergabe mehrfach als väterlicher Freund und sogar als eine Art „Coach“ (so Le Monde) von Macron präsentiert. Dabei berief sich Hollande darauf, dass ihm Macron bis 2014 als Kabinettschef gedient und anschließend als Wirtschaftsminister der SP-Regierung bis August 2016 amtiert hatte. „Ich musste ja nicht das Präsidentenamt einem Oppositionspolitiker übergeben, das wäre schwerer gewesen“, gestand Hollande.

Macron, der 2016 von sich aus die sozialistische Regierung verließ und seine Präsidentschaftskandidatur gegen den Willen von Hollande startete, darf aber jetzt auf keinen Fall, den Eindruck einreißen lassen, er sei der geheime Spross des unpopulären, sozialistischen Ex-Staatschefs. Er hofft die Parlamentswahlen im Juni, als partei-übergreifender Erneuerer zu gewinnen.

Ein bürgerlicher Premierminister?

Aus der SP hat er bereits die allermeisten pragmatischen Kräfte, die für seine Bewegung „La République en marche“ in Frage kommen, abgesaugt. Jetzt will er die bürgerlichen „Republikaner“ spalten, indem er Spitzenpolitiker aus ihren Reihen ködert. Bisher ist ihm das nicht gelungen, aber er könnte einen Überläufer aus ihren Reihen am Montag zum Premierminister ernennen. Dazu passend hat er den Gewerkschaften, die die von ihm sofort beabsichtigte weitere Liberalisierung des Arbeitsrechts bekämpfen wollen, indirekt beschieden, er werde „bei den, vor den Franzosen eingegangenen Engagements keine Kompromisse machen“.

Klartext sprach er auch wieder in Sachen EU: Er werde für eine „effizientere“ EU sorgen. Die EU verschaffe Frankreich „Schutz“ und „Souveränität“. Montag wird Macron auch zum bereits üblichen Antrittsbesuch eines französischen Staatschefs in Berlin, bei Angela Merkel, erwartet.