Marine Le Pen will ihren Vater und FN-Gründer Jean-Marie Le Pen in die Schranken weisen – der hat aber seine Enkelin Marion Marechal-Le Pen bereits in Stellung gebracht.

© REUTERS/POOL

Frankreich
04/12/2015

Die schrecklich nette Familie Le Pen

Das gnadenlose Duell zwischen der Chefin des Front National und dem Parteigründer Jean-Marie Le Pen ist vor allem ein Familiendrama, bei dem auch schon die Enkelin mitmischt.

von Danny Leder

Wie eine epische Familientragödie entfaltet sich vor der französischen Öffentlichkeit Tag für Tag das Ringen zwischen der 46-jährigen Marine Le Pen und ihrem bald 87-jährigen Vater Jean-Marie Le Pen. Beide bescheinigen einander gegenseitig politischen "Selbstmord", einer der beiden Kontrahenten wird auf der Strecke bleiben – danach könnte Frankreichs Politszene anders aussehen.

Die Vorsitzende des "Front National" will den rechtsrechten Parteigründer und ihren ursprünglichen Mentor ("Der Mann meines Lebens", wie sie einst schwärmte) von der politischen Bühne vertreiben und sich bei dieser Gelegenheit als staatstragende Demokratin profilieren. Der rabiate Patriarch will nicht kampflos untergehen: Seine Tochter wünsche seinen "Tod". Aber er werde ihr diesen Gefallen nicht tun. Sie sei dabei, sich dem "System" unterzuordnen und die Partei zu "sprengen", orakelte der alte Mann.

Diesen kaum verhohlenen Drohungen von Jean-Marie Le Pen war ein spektakulärer TV-Auftritt seiner Tochter vorausgegangen: Dabei hatte sie gesagt, ihr Vater werde für ein Disziplinarverfahren vor das Exekutivbüro des FN zitiert – es sei denn, er würde "sich weise verhalten und von sich aus seine politischen Ämter zurücklegen". Einstweilen ist Jean-Marie Le Pen noch "Ehrenpräsident" des FN. Für die landesweiten Regionalwahlen im Dezember sollte er als Listenführer im Südosten Frankreichs antreten.

"Geht mit auf den Keks"

Das erklärt auch, warum Marine Le Pen jetzt quasi gezwungenermaßen gegen ihren Vater losschlug. Den Anlass lieferte ein Interview von Jean-Marie Le Pen in einer rechtsradikalen Zeitung. Darin resümierte er so ziemlich alle seine einschlägigen Sprüche. Das Interview gipfelte im Bekenntnis: "Ich verstehe, dass man die Demokratie bekämpft, das Gerede über die Republik geht mir auf den Keks."

Nach einem solchen Auftritt wäre eine Spitzenkandidatur von Jean-Marie Le Pen im Südosten Frankreichs, einem Hoffnungsgebiet des FN, eine vertane Chance für Marine Le Pen. Diese betrachtet die Regionalwahlen als Probelauf für ihre Präsidentschaftskandidatur 2017. Ein weiterer Vormarsch des FN ist aber nur denkbar, wenn sie nicht als zu radikal erscheint.

Bei dem TV-Auftritt, bei dem sich Marine Le Pen von ihrem Vater de facto lossagte, wirkte sie einigermaßen glaubwürdig, nicht zuletzt als sie das rechtsradikale, antisemitische Blatt, dem Jean-Marie Le Pen das Interview gewährt hatte, als "ekelhaften Drecksfetzen" bezeichnete. Freilich musste sie sich umständlich herauswinden, als Reportagen aus der Vergangenheit eingeblendet wurden, in denen die Provokationen ihres Vaters und ihre vormalige Loyalität ihm gegenüber gezeigt wurden. Aber als der TV-Journalist darauf verwies, dass ihr Vater wegen hetzerischer Sprüche achtzehn Mal gerichtlich verurteilt worden war, reagierte Marine Le Pen klar: "Das nennt man einen Wiederholungstäter".

Das ist bemerkenswert in einer Partei, die von ihrem Gründer als eine Art Familienclan geführt wurde: Ob Reihung in der Führungshierarchie, letztgültige Entscheidung oder Finanzen – in allem galt der Vorrang für die Familie Le Pen und ihrem, die längste Zeit allmächtigen Stammhalter.

Dieser wohnte sogar mit seiner engsten politischen Gefolgschaft, also seinen drei Töchtern und ihren jeweiligen Lebensgefährten lange unter einem Dach, im selben Pariser Palais. Wer politisch in Ungnade fiel, musste ausziehen, wer sich scheiden ließ (unter den Schwiegersöhnen), fiel in Ungnade. Die jüngste und ursprünglich treueste Tochter, Marine, bekam 2011 den Parteivorsitz zugeschlagen.

Opas Liebling

Als Marine flügge wurde, brachte Jean-Marie Le Pen eine Enkelin in Stellung. Die Jus-Studentin Marion Marechal-Le Pen wurde 2012, damals 22-jährig, zur jüngsten Abgeordneten Frankreichs. Sie gilt inzwischen als die eigentliche Polit-Erbin des Parteigründers, weil sie ihm gegenüber nie Distanz anklingen ließ, und weil sie für traditionellere rechte Positionen einsteht. So beteiligte sie sich an den Demos gegen die Homo-Ehe, was Marine Le Pen vermied.

Marion Marechal-Le Pen ist unter FN-Aktivisten beliebt, weil sie jung und attraktiv ist, und weil sie grundsatztreu, dabei aber nicht provokant wirkt. Jean-Marie Le Pen hätte sich auf sie stützen können, um seine unfolgsame Tochter partei-intern mittelfristig zu besiegen. Aber mit dem jetzigen Krach dürfte sich der Patriarch dieser Chance auf Rache beraubt haben.

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