Rekruten der Schweizergarde vor dem Sitz der Vatikanbank IOR

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Politik Ausland
02/23/2019

Finanzskandale des Vatikan: Was jetzt noch im Argen liegt

Die skandalträchtige Vatikanbank ist heute ein „normales“ Geldhaus. Reformpapst Franziskus stößt dennoch auf Widerstände.

von Hermann Sileitsch-Parzer

Meterdicke Mauern, winzige Gitterfenster, kaum Tageslicht: Der Niccoló-V.-Turm im Nordosten des Apostolischen Palastes versprüht den Charme eines mitteralterlichen Kerkers. Tatsächlich handelt es sich um eine Art Geldverlies: Es ist der Sitz der Vatikanbank, offiziell das „Institut für die religiösen Werke“ (IOR) genannt.

Diese 1942 vom umstrittenen Pius XII., dem Pontifex während der NS-Zeit, gegründete Bank sollte die Konten der Vatikan-Mitarbeiter führen und Spendengelder verwalten. Sie tat aber weit mehr. Jahrezehntelang war dem IOR kaum etwas fremd, das Gott verboten hat: Geldwäsche, Mafiakontakte, Korruption, Steuerbetrug, Waffengeschäfte. Wobei: Die Betonung liegt auf war.

„Heute ist die Bank ziemlich transparent und sauber. Die IOR-Reform hat ganz gut funktioniert“, sagt Vatikan-Experte Ralph Rotte von der RTWH Uni Aachen. Nachsatz: „Was nicht heißt, dass die Reformen bei allen Vatikan-Finanzen gut funktionieren.“ So gebe es bis heute weder klare Zuständigkeiten noch einen Überblick über die Vermögen.

Die IOR-Reformen zeigen somit, wie schwer sich der Vatikan tut, Skandale aufzuarbeiten.

Pleitegefahr

April 2005: Weißer Rauch steigt auf. Benedikt XVI. ist zum 264. Nachfolger Petri bestimmt. Schon bald nach dem Amtsantritt widmet sich der Papst der Bank: Er tauscht die Führung aus.

2010 schafft er eine moderne Finanzaufsicht, das AIF. Ein Fortschritt, aber noch viel zu wenig. Immer öfter beißt Benedikt auf Granit. Mächtige Seilschaften in der Kurie widersetzen sich dem verordneten Kulturwandel.

Doch der Druck nimmt zu. Nach der Finanzkrise geraten Steueroasen weltweit unter Beschuss. Auch der Vatikan; die USA setzten ihn auf eine schwarze Liste. Wer mehr als 10.000 Euro ein- oder ausführt, muss das nun erstmals melden.

Dennoch setzt es im Juli 2012 eine schallende Ohrfeige von den Anti-Geldwäsche-Prüfern Moneyval. Der Heilige Stuhl erfüllt nur 7 von 16 Kriterien im Kampf gegen Geldwäsche, Terrorismusfinanzierung und Steuerflucht.

Es liegt am „Armenpapst“ Franziskus I., ab März 2013 für frischen Wind zu sorgen. Auch Wiens Kardinal Christoph Schönborn steht in der Verantwortung: Er gehört seit 2014 der „Kardinalskommission“ an, die das IOR beaufsichtigt.

Nichts ist mehr tabu. Die vom Papst eingesetzten Kontrollore stoßen auf Untragbares, wie der Journalist Gianluigi Nuzzi dokumentiert:

- Peterspfennig

Von jedem Euro aus der weltweiten Kollekte kommen nur 20 Cent Projekten für die Ärmsten zu Gute. Der Rest stopft die Finanzlöcher der Kurie.

- Pensionsfonds

In der Vorsorge für die Rentengelder klafft eine Lücke von geschätzten 800 Mio. Euro.

- Immobilien

Geschätzt wird der Verkehrswert des vatikanischen Immobilienbesitzes auf mehr als vier Milliarden Euro. Ein Gesamtüberblick fehlt allerdings - unter anderem, weil sich der Besitz auch auf Kongregationen wie das Missionswerk "Propaganda Fide" verteilt.

Zudem sind viele Besitztümer in den Bilanzen geradezu grotesk unterbewertet, um Steuern zu sparen. Tausende Bewohner von Luxusappartments in Roms Innenstadt zahlen gar keine oder nur wenige Hundert Euro Miete pro Jahr.

- Steuerfrei

In den Märkten des Vatikan kaufen viel mehr Personen umsatzsteuerfrei ein, als dürften. Parfum, Tabak und Sprit werden wohl weiterveräußert.

Viele Baustellen behoben

Der Großteil dieser Missstände sei mittlerweile aufgearbeitet, resümierte Kardinal Schönborn schon vor einigen Jahren.

Tatsächlich veröffentlicht die Vatikanbank seit 2013 Bilanzen. 3000 fragwürdige Konten wurden geschlossen, 200 Personen wegen Geldwäsche angezeigt, betonte IOR-Aufräumer Ernst von Freyberg.

Sein Abgang im Juli 2014 hatte trotzdem einen bitteren Beigeschmack: In der Kurie tummelten sich „große Köpfe und große Intriganten“, sagte er.

Tatsächlich beschneiden Franziskus’ bereits umgesetzte und noch geplante Reformen - wie die Zentralisierung der Vermögensverwaltung - die Macht vieler Kardinäle. Und stoßen dadurch auf Hürden.

- Einbruch

Am 30. März 2014 wird zielstrebig ein Tresor aufgebrochen: Dort lagern die geheimen Akten der päpstlichen Reformer.

- Säumige Gerichte

Am 17. Dezember 2018 fällt das erste Geldwäsche-Urteil der vatikanischen Justizgeschichte. Ein italienischer Immobilienunternehmer fasst zweieinhalb Jahre Haft aus.

Der Prozess gegen Angelo Caloia (79), von 1989 bis 2009 IOR-Präsident, läuft noch, seit Mai 2018. Er soll mit dubiosen Immodeals bis zu 60 Mio. Euro Schaden verursacht haben.

- Wirrwarr

Die Aufsicht AIF darf nun doch nicht für die mächtige Güterverwaltung APSA zuständig sein. Das ging manchen wohl zu weit.

- Missbrauch

Just der von Papst Franziskus als Finanzchef bestimmte Kardinal George Pell ist massiv unter Druck: Er wurde im Dezember 2018 in Australien wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt.

Die düstersten Kapitel des IOR liegen indes weiter zurück. Die diskreten Konten waren für zwielichtige Akteure besonders attraktiv. Politiker wie Giulio Andreotti hätten sie zur „Wäsche von Mafiageld bzw. Bestechung, Vetternwirtschaft und Steuerhinterziehung“ genutzt, so Rotte.

Über IOR-Konten soll die Finanzierung der polnischen Gewerkschaftsbewegung Solidarność gelaufen sein. In den 1970ern schrieb die Bank mit dubiosen Investments und schief gelaufenen Bankbeteiligungen hohe Millionenverluste.

Besonders makaber endete die Pleite der Bank Ambrosiano, an der das IOR beteiligt war. Bankchef Roberto Calvi, genannt „Bankier Gottes“ und Mitglied der Geheimloge Propaganda Due, wurde im Juni 1982 erhängt in London gefunden. Was wie ein Selbstmord aussah, ging auf die Kappe von Siziliens Mafia. Und lieferte Anregungen für den Film „Der Pate III“.

"Die IOR-Reform hat gut geklappt. Anderes weniger"

KURIER: Wie steht die Vatikanbank IOR heute da? Ist eine normal beaufsichtigte und transparente Bank daraus geworden?

Ralph Rotte: Für vatikanische Verhältnisse ja, würde ich sagen. Wobei es ja eher eine Art Sparkasse ist, wo katholische Institutionen ihr Geld horten und anlegen. Das wurde stark professionalisiert, es gibt jetzt eine klassische Bilanzführung mit Jahresberichten und es wurden ein paar Tausend Konten abgewickelt. Die Bank ist da schon ziemlich transparent und sauber. Zu 100 Prozent kann man nie sicher sein, dass nicht womöglich Konteninhaber noch Schwarzgeld parken, dessen Herkunft fragwürdig ist. Die Finanzaufsicht AIF veröffentlicht regelmäßig Verdachtsfälle, die dann auch verfolgt wurden. Die IOR-Reform hat also ganz gut funktioniert. Was noch nicht heißt, dass die Reformen bei allen Vatikan-Finanzen gut funktionieren.

Wie konnte die Bank überhaupt so sehr in Skandale verwickelt werden?

Das liegt eben daran, dass sie lange Zeit so intransparent war. Dass es gar keine öffentlichen Informationen gab, wurde von ‚interessierten Kreisen‘ ausgenutzt, wahrscheinlich vor allem Mitgliedern der Kurie, die im italienischen Kontext mit, ich würde sagen, ‚halbscharigen‘ Akteuren  (bayrisch für zwielichtig, Anm.) zusammenarbeiteten. In den 1960er und 70er Jahren wurde zudem gemeint, man müsse groß investieren und eine richtige Vermögensfabrik für den Vatikan werden. Das war völlig überkandidelt, damit hat man sich übernommen - ein wenig ähnlich den Ambitionen deutscher Landesbanken, globale Akteure zu werden. Dazu kam das Grundproblem, dass man innerhalb der Kirche und Kurie ein paar Akteure hatte, die ihre eigenen Geschäfte machten.

Vermutlich war die frühere Aufsichtsstruktur für solche Geschäfte nicht geschaffen, oder?

Richtig. Einerseits weil das Aufsichtsgremium nicht mit Fachleuten, sondern Kardinalen besetzt war, die sich selbst bei bestem Willen zu wenig in der Finanzbranche auskannten. Und andererseits hatten jene, die ihre Pfründe verteidigten, kein Interesse, daran etwas zu ändern.

Wo genau hat das IOR Geld versenkt?

Fast in allen Bereichen. Das IOR hat mit Banken, die in 1980ern Pleite gingen, zusammengearbeitet. Das hat einen Haufen Geld gekostet, wenngleich der Vatikan nie eine Schuld eingeräumt und Entschädigungen gezahlt, sondern immer rein aus Kulanz gehandelt hat. Teilweise war man in Geldwäsche verwickelt, weshalb seit Benedikt XVI. neue Gesetze eingeführt wurden. Und in den 1960ern hatte man in Immobilienfirmen investiert, von denen ebenfalls viele Pleite gingen. Eine richtig vorsichtige Geschäftsführung war das nicht.

Wurde je aufgeklärt, welche Rolle der Vatikan und das IOR in der spektakulären Pleite der Banco Ambrosiano Ende der 1980er spielten?

So richtig weiß man das bis heute nicht, abgesehen von dem, was aus Memoiren oder anderen Quellen bekannt wurde. Einen offiziellen Prüfbericht kenne ich nicht, eine kriminalistisch abschließende Bewertung fehlt. Ein Problem der Aufarbeitung ist – wie etwa der Fall (des abgelösten Kardinalstaatssekretärs Tarcisio) Bertone zeigt – dass man sich innerhalb der kurialen Justiz noch immer nicht getraut, an die ganz Oberen heranzugehen. Wenn es jemanden trifft, dann Personen, die keine große Rolle mehr spielen, etwa pensionierte Kardinäle. Wenn es sich aber um einen Kardinalstaatssekretär handelt, der gute Beziehungen hat, scheut man davor zurück. Und stellt eher die Kleineren vor Gericht. Das ist ein strukturelles Problem.

Also wird in der gerichtlichen Aufarbeitung eher auf Zeit gespielt?

Ja, so könnte man das sehen. Das hat den Vorteil, dass viele der betroffenen Kardinäle schon recht alt sind.

Formell ist für das IOR jetzt die vatikanische Finanz-Aufsichtsbehörde AIF zuständig. Genügt diese den internationalen Standards?

Ich bin mir zwar nicht sicher, ob die AIF wirklich alle Kriterien erfüllt. Aber sie arbeitet in diesen internationalen Gremien mit und wird somit evaluiert, das ist schon eine recht professionelle Behörde. Das Hauptproblem sehe ich darin, dass nach Benedikt und jetzt unter Franziskus nicht klar ist, wer welche Kompetenzen hat und wofür zuständig ist. Das AIF sollte ursprünglich auch die Vermögensverwaltung beaufsichtigen, das wurde aber wieder revidiert. Selbst wenn das Thema IOR einigermaßen gelöst ist, so war das vielleicht sogar das kleinere Problem in Bezug auf die vatikanischen Finanzen.

Welche anderen Probleme gibt es da?

Franziskus wechselt hin und her, einmal sollen die Immobilien beim Wirtschaftssekretariat angesiedelt sein, dann wechselt die Zuständigkeit wieder an die APSA, die Güterverwaltung des Apostolischen Stuhls, zurück.  Das Wirtschaftssekretariat funktioniert momentan ohnehin nicht, nachdem (der momentan freigestellte Vatikan-Finanzchef George) Pell in Australien vor Gericht gestellt wurde.

Die allgemeinen Finanzen sind noch immer intransparent. Dazu kommt noch „Propaganda Fide“, die großen Immobilienbesitz hat (gemeint ist die 1622 gegründete Kongregation für die Evangelisierung der Völker, die einen Missionsauftrag verfolgt, Anm.) Die AIF-Kompetenzen sind da extrem beschränkt. Deshalb würde ich sagen: Ja, die IOR-Reform können wir als Erfolg verbuchen. Das heißt aber nicht, dass der Vatikan mit all seinen Finanzen besonders transparent oder - unter Anführungszeichen - „sauber“ wäre.

Ralph Rotte ist Professor für Internationale Beziehungen an der RWTH Aachen und hat etliche Publikationen und Bücher zu den Finanzreformen im Vatikan verfasst.

 

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