Politik | Ausland
16.10.2017

Familien im Irak: "Die schlimmste Not überbrücken"

Margit und Heinz Fischer unterstützen ein Hilfsprojekt für Irak-Heimkehrer.

Eine derart prominente Unterstützung wie diese würden sich viele Hilfsorganisationen wünschen. Altbundespräsident Heinz Fischer und seine Ehefrau Margit bekommen fast täglich Anfragen, die Patronanz für ein Hilfsprojekt zu übernehmen. Entschieden haben sie sich für ein ganz besonderes – nämlich die Crowdfunding Aktion "Shelter Project-Iraq" auf der Plattform Respekt.net, die bis Ende Dezember läuft.

Das Ziel der Spendenaktion: Mit 500 Euro wird eine Unterkunft für eine Familie in der irakischen Provinz Saladin, wo bis vor kurzem der IS seine Schreckensherrschaft praktizierte, finanziert (siehe Artikel rechts unten). Warum das Ehepaar Fischer gerade dieses Projekt unterstützt, erzählen sie im KURIER-Interview.

KURIER: Frau Fischer, die Initiative ging von Ihnen aus, dieses Projekt zu unterstützen. Warum haben Sie sich für "Shelter Project-Iraq" entschieden?

Margit Fischer: Das hat mit meiner Familiengeschichte zu tun. Meine Eltern mussten im Zweiten Weltkrieg flüchten. Sie waren zehn Jahre im Ausland. Als sich 1949 die Frage stellte, ob sie wieder nach Österreich zurückkommen, war es für sie klar, dass sie am Wiederaufbau ihrer Heimat beteiligt sein wollen. Weil sich meine Eltern in der NS-Zeit für ihre Heimat eingesetzt hatten, wurden sie inhaftiert und mussten fliehen. Diese Situation ist mit den Menschen in Mossul vergleichbar. Wenn man wieder in die alte Heimat zurückkehren will, dann braucht es ein Dach über dem Kopf, wo es ein Minimum an menschenwürdiger Privatsphäre gibt. Etwa für Frauen, wenn sie sich umziehen wollen. Dazu gehört auch, dass ich mein neues Heim zusperren kann und man sich geschützt fühlt.

Herr Fischer, ist die Schaffung eines Eigenheims nicht ganz wichtig, damit in dieser Region nicht gleich wieder ein Nährboden für Extremismus entstehen kann?

Heinz Fischer: Das ist sicher auch ein ganz wichtiger Punkt. Denn der Nährboden für Extremismus ist die Perspektivenlosigkeit. Wenn man ein menschenwürdigeres Leben schaffen kann, reduziert man auch die Wurzeln für Fanatismus. Im Vordergrund steht aber, dass die Menschen in dieser Region unter Bedingungen leben, die man sich heute in Europa gar nicht mehr vorstellen kann. Sie leben in Armut, haben einen mörderischen Bürgerkrieg erlebt. In vielen Fällen haben sie die engsten Verwandten verloren. Die Menschen stehen buchstäblich vor dem Nichts. Wenn man dieses Projekt unterstützt, kann man die schlimmste Not überbrücken.

Wie schaut denn so ein Shelter-Zelt genau aus?

Margit Fischer:Es ist winzig, aber ein Anfang.

Heinz Fischer: Die Unterkunft ist rechteckig und 18 bis 20 Quadratmeter groß. Es wird aus einem stabilen Material aufgebaut, hat ein Fenster und eine absperrbare Tür. Innerhalb der 20 Quadratmeter können für eine achtköpfige Familie getrennte Zonen geschaffen werden. Das Konzept wurde von Ikea entwickelt.

Margit Fischer: Auch die Stromversorgung ist für die primitivsten Bedürfnisse wie Kochen vorhanden. Es hat aber keine Waschgelegenheiten. Dafür sollen extra Zelte aufgebaut werden. Also, es ist absolut kein Luxus.

Die Aktion läuft noch bis Dezember. Haben Sie schon Informationen, ob die ersten 500 Häuser auch gebaut werden können?

Heinz Fischer: Es gibt Sponsoren. Die erste Etappe von 500 Häusern wird sicher aufgebaut werden können. Der weitere Ausbau wird davon abhängen, wie gut das Crowdfunding läuft.

Margit Fischer: Ein Shelter-Zelt kostet 1000 Euro. Wenn man 500 Euro spendet, dann wird der Betrag von Sponsoren verdoppelt.

Kann eine Initiative wie diese dazu beitragen, dass irakische Familien, die nach Österreich geflohen sind, auch wieder in die Heimat zurückgehen?

Heinz Fischer: Davon sind wir überzeugt. Angela Merkel hat bei der TV-Konfrontation vor der Wahl mit Martin Schulz gesagt, dass es eine Bewegung bei Rückkehrwilligen in die befreiten Gebiete gibt. Das gilt auch für Österreich.

Margit Fischer: Mein Vater hat immer gesagt, man will ja nicht unbedingt im Ausland bleiben als Flüchtling. Man hat Wurzeln in einem Land und Ort, dort will man auch seine Kinder aufziehen.

Frau Fischer, Sie haben jetzt mehrmals betont, dass Sie wissen, was Flucht bedeutet. Wie schwer ist der Neustart eines Lebens?

Margit Fischer: Die Flucht verfolgt einem das ganze Leben lang. Man denkt an diese Zeit immer wieder. Auch in der Literatur haben viele Betroffene wie Christine Nöstlinger ihr Schicksal aufgearbeitet. Nöstlinger beschreibt die Trümmerfrauen und wie sie selbst verschüttet war. Der Wunsch nach dem Wiederaufbau war auch in Österreich sehr groß. Auch im Irak ist er sicherlich groß und das muss man unterstützen.

Sie unterstützen das Projekt medial. Wird das Ehepaar Fischer auch zumindest ein Shelter-Zelt finanzieren?

Heinz Fischer: Eines sicher, aber wahrscheinlich werden wir zwei Unterkünfte finanzieren.

Krisen und Kriege haben die Menschen im Irak über die vergangenen Jahrzehnte zu Genüge erlebt. Der Aufstieg der Terrormiliz IS aber hat auch nach seinem faktischen Fall tief greifende Spuren hinterlassen. Millionen Iraker mussten fliehen.

Kaum eine Stadt, kaum ein Dorf hat der IS kampflos aufgegeben. Auch wenn der IS aus weiten Gebieten zurückgedrängt wurde, die Schäden an Bausubstanz und Infrastruktur sind enorm – und eine Rückkehr schwierig. Hinzu kommt das tiefe Misstrauen zwischen Schiiten, Sunniten und Kurden im Land.

Die Idee hinter der Aktion „Shelter Project-Iraq“ ist es, Familien eine Übergangsunterkunft bereit zu stellen, die Rückkehrer in naher Umgebung ihrer eigenen Häuser aufbauen und nutzen können, während sie ihre eigentlichen Häuser wieder instand setzen. Es handelt sich um leicht zu transportierende, einfach aufzubauende Container aus Stahlrohren, verkleidet mit Kunststoff-Paneelen, die über eine Solarzelle beleuchtbar sind. Jeder Container ist groß genug für eine achtköpfige Familie (siehe Bild). Die Container sind keine Dauerunterkunft, aber eine billige Möglichkeit, um eine Rückkehr der Menschen und damit eine Rückkehr zur Normalität in Gang zu bringen.

Das Projekt umfasst 500 Shelter für ebenso viele Familien und wird vom Verein Respekt.net, in dessen Vorstand etwa Karl Sevelda ist, unterstützt. Die Kosten belaufen sich auf knapp 500.000 Euro. Die Hälfte davon ist durch Großspender gedeckt. Die andere Hälfte soll durch Spenden finanziert werden.

Spenden im Internet unter shelterproject.net