Politik | Ausland
12.10.2018

Fall Khashoggi: Die zwei Gesichter Saudi-Arabiens

Prinz Mohammed bin Salman präsentiert sich mithilfe von PR-Firmen als Modernisierer. Gegen Kritiker geht er zunehmend hart vor.

Gefoltert, ermordet, zerstückelt – stimmen die Anschuldigungen, die anonyme  Zeugen laut Washington Post gegen Saudi-Arabien erheben, ist der am 2. Oktober bei einem Besuch des saudischen Konsulates in Istanbul verschwundene Regimekritier Jamal Khashoggi tot.

Den Beteuerungen aus  Riad, nichts mit seinem Verschwinden zu tun zu haben, dürften nun noch weniger Beobachter Glauben schenken.

Für Prinz Mohammed bin Salman, den saudischen de-facto-Herrscher, ist das ein schwerer Dämpfer – immerhin hat der 32-Jährige es in den vergangenen Monaten dank teurer PR-Kampagnen geschafft, seinem Land einen liberalen Anstrich zu verpassen.

"Vision 2030"

Seit bin Salman im Vorjahr von seinem Vater, Salman ibn Abd al-Aziz Al Saud, zum Kronprinzen ernannt wurde, hat er im Königreich das Sagen.

Er hat es sich zum Ziel gesetzt, sein Land durch die Erschließung neuer Einnahmequellen unabhängiger vom Erdöl zu machen. Zudem will er die Herrschaft seiner Familie durch Zugeständnisse an die großteils junge Bevölkerung absichern (70 Prozent der 34 Mio. Einwohner sind unter 30 Jahre alt).

Seine ambitionierten wirtschaftlichen und sozialen Pläne goss er in die sogenannte „Vision 2030“. Und sorgte mithilfe internationaler PR-Firmen, darunter drei der größten Agenturen in Washington, dafür, dass auch alle davon erfuhren.

Laufend gab es im Frühjahr und Sommer erbauliche Neuigkeiten über Kinoeröffnungen, Musikkonzerte oder Comicmessen im streng islamischen, wahhabitischen Saudi-Arabien, untermalt von Fotos der ersten autofahrenden oder Sport treibenden Frauen.

In weltweit zitierten Interviews präsentierte sich Prinz Mohammed als Liberaler, berichtet von Treffen mit US-Präsident Trump oder Amazon-Gründer Jeff Bezos, dem Besitzer der Washington Post. Er zierte das Time-Magazin und ließ sogar mit israel-freundlichen Tönen aufhorchen.

"Dunkle Seite"

Die Affäre rund um das Verschwinden Khashoggis sorgt nun dafür, dass auch auf die andere, weiterhin „dunkle“ Seite der Monarchie ein Schlaglicht geworfen ist: Repression und Verfolgung von Menschenrechtlern, Dissidenten und anderen kritischen Geistern.

„Der Vorfall in der Türkei schließt an eine bis dahin beispiellose Kampagne gegen friedliche Dissidenten an, die seit Mitte 2017 an Fahrt aufgenommen hat und in deren Folge Khashoggi sich entschloss, ins Exil in die USA zu ziehen“, fasst der renommierte deutsche Nahost-Experte Guido Steinberg die Lage zusammen.

Wenige Wochen, bevor im Juni das Fahrverbot für Frauen fiel, waren beispielsweise mehrere Frauenrechtsaktivistinnen verhaftet worden, laut Washington Post wurde eine davon aus den Vereinigten Arabischen Emiraten verschleppt.

Erst vor Kurzem führte die Verhaftung zweier  Menschenrechtlerinnen zu einem handfesten Streit mit Kanada, weil dessen Außenministerium die Festnahmen kritisiert hatte. Raif Badawi, der 2013 zu 10 Jahren Haft und 1000 Peitschenhieben verurteilte  Blogger, sitzt nach wie vor in Haft.

Verhängnisvolle Kontakte

Die meisten Dissidenten würden die Reformbestrebungen bin Salmans sogar unterstützen, sagt Steinberg, kritisierten aber die zunehmende Unterdrückung. Einer dieser Dissidenten sei Khashoggi gewesen. Ihm könnte zum Verhängnis geworden sein, dass er gute Kontakte zur im Königshaus verhassten Muslimbruderschaft und zu Gegnern bin Salmans in der Herrscherfamilie unterhielt.

So sei er etwa lange vom Unternehmer Walid Bin Talal protegiert worden. Dieser war Ende 2017 eines der prominentesten Opfer der groß angelegten Anti-Korruptionskampagne des Kronprinzen, in deren Folge er Dutzende andere Prinzen in ein Luxushotel sperren und teils enteignen ließ und sich damit einiger Widersacher entledigte.

Khashoggi ging ins US-Exil  und schrieb für die Washington Post über sein Heimatland.

Die Türkei, ein politischer Gegner Riads und  Zufluchtsort für Muslimbrüder, war eines der wenigen Länder in Nahost, die er noch bereisen konnte. Dort fühlte er sich offenbar derart sicher, dass er alle Warnungen von Freunden, sich nicht in das Konsulat zu begeben, in den Wind schlug.