Expertenwarnung: Krebstherapie scheitert an Personalmangel
Viele Todesfälle könnten künftig verhindert werden, falls der Personalmangel in den Kliniken schwindet, so der Bericht.
Zusammenfassung
- Eine internationale Studie warnt, dass bis 2050 weltweit rund 100 Millionen Fachkräfte für Früherkennung, Behandlung und Nachsorge von Krebserkrankungen fehlen könnten, besonders in Afrika und Asien.
- Angesichts prognostizierter 35,3 Millionen neuer Krebsfälle und 18,5 Millionen Todesfälle pro Jahr bis 2050 wächst der Bedarf an Personal vor allem bei Pflegekräften sowie Diagnostik-Spezialisten massiv.
- Die Autoren sehen in einem umfassenden Ausbau der Versorgungskapazitäten die Chance, bis 2050 Millionen Krebstodesfälle zu verhindern und zugleich große wirtschaftliche Vorteile zu erzielen.
Der Welt geht bei ständig steigenden Krebs-Erkrankungszahlen das Personal für Früherkennung, Behandlung und Nachsorge der vielen Millionen Betroffenen aus. Bis zum Jahr 2050 könnte die Lücke an Fachpersonal rund hundert Millionen Beschäftigte weltweit betragen. Das hat eine internationale Studie ergeben, die vor kurzem beim amerikanischen Krebskongress (ASCO) in Chicago vorgestellt worden ist.
Hedvig Hricak von der Abteilung für Radiologie am in Fachkreisen weltbekannten Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York und ihre Co-Autoren haben ihren Bericht in "Lancet Oncology" zeitgleich zu dem Kongress in den USA veröffentlicht. Die Ergebnisse der Untersuchung klingen mehr als beunruhigend: "Der weltweite Mangel an Fachkräften im Bereich der Krebsbehandlung wird im Jahr 2050 voraussichtlich rund hundert Millionen betragen, wobei der größte Mangel bei Pflegekräften (65 Millionen) und Spezialisten für Diagnostik (Radiologie und Pathologie; 16 Millionen) besteht, insbesondere in Afrika und Asien."
Auch Österreich hat mit steigenden Krebs-Erkrankungszahlen und vermehrten Todesfällen zu rechnen, wie aus der aktuellen "Prognose der Krebsinzidenz, Krebsprävalenz und Krebsmortalität bis 2045" des Gesundheitsministeriums hervorgeht. Dort heißt es unter anderem: "Etwa 46.500 Menschen erhalten in Österreich jährlich die Diagnose Krebs. (...) Der vorliegende Bericht stellt die Krebsinzidenz (jährliche Neudiagnosen pro 100.000 Personen; Anm.), -mortalität und -prävalenz (Menschen mit Krebs; Anm.) der 15 wichtigsten Krebsentitäten (Krebsformen; Anm.) bis zum Jahr 2045 dar. Demnach wird die Zahl der Krebsneuerkrankungen bis 2045 im Vergleich zum Jahr 2023 um 21,6 Prozent steigen. Auch die Zahl der Krebssterbefälle wird um 20,9 Prozent zunehmen, während die Krebsprävalenz voraussichtlich um 53,8 Prozent steigen wird."
Umgekehrt könnte ein umfassender Ausbau des Personalumfangs für spezialisierte Krebsdiagnose, Therapie und Nachsorge aller beteiligten Berufsgruppen 170 Millionen Krebstodesfälle verhindern und zwischen 2030 und 2050 einen Nettonutzen von 120 Billionen US-Dollar generieren, was einer globalen Rendite von vier US-Dollar pro investiertem US-Dollar entspreche, stellten die Fachleute fest.
Stille Pandemie
Dabei wird der Ausbau der auf bösartige Erkrankungen spezialisierten Ressourcen immer wichtiger. "Krebs gilt als stille Pandemie: Bis 2050 werden weltweit jährlich 35,3 Millionen Fälle und 18,5 Millionen Todesfälle prognostiziert. Rund 70 Prozent dieser neu diagnostizierten Krebsfälle treten in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen (LMICs) auf. In Ländern mit hohem Einkommen (HICs) hat sich die Überlebensrate bei Krebs in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verbessert, vor allem dank Fortschritten in der Früherkennung und der Entwicklung neuer Therapien", so die Wissenschafter.
Unter der Annahme konstanter linearer Wachstumsraten der Arzt-, Pflege- und Hebammendichte (das heißt im Verhältnis zur Bevölkerungsgröße) in jedem Land hat beispielsweise die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits für das Jahr 2030 einen Mangel von 18 Millionen Gesundheitsfachkräften bis 2030 prognostiziert. Staaten mit niedrigem bzw. mittlerem Bruttosozialprodukt werden davon rund zwei Drittel ausmachen. International am stärksten steigen laut den Fachleuten die Neuerkrankungszahlen bei HNO-Karzinomen und bei weiterhin schwer behandelbarem Bauchspeicheldrüsenkrebs.
Enormer Bedarf an Versorgungskapazitäten
Der enorme Bedarf an Versorgungskapazitäten von Screening und Frühdiagnose bis hin zur Nachsorge kann sich nur noch vergrößern. Immerhin werden auch im Jahr 2050 die Fünf-Jahres-Überlebensraten in Afrika erst bei 34,4 Prozent liegen. In Asien werden nicht mehr als 38,7 Prozent der Krebspatienten länger als fünf Jahre überleben, in Lateinamerika 55,1 Prozent und in Europa 62,2 Prozent. In Nordamerika hingegen wird ein Rückgang von 64,3 Prozent (2025) auf 63,9 Prozent erwartet.
Um aber allein schon mit der demografischen Entwicklung mit Bevölkerungswachstum und steigender Lebenserwartung und somit mehr Krebsfällen allein nur Schritt halten zu können, müsste das damit beschäftigte medizinische Personal zahlenmäßig weltweit stark zulegen: So wird laut den Berechnungen die Zahl an mangelnden Facharbeitskräften im Jahr 2050 global 99,9 Millionen Personen betragen. In Afrika wird es an 34 Millionen medizinischen Fachkräften fehlen, in Asien an 57 Millionen, auch in Europa dürfte es 1,750 Millionen Beschäftigte zu wenig geben. Lateinamerika weist eine Lücke von 5,8 Millionen auf, Nordamerika ist mit 367.000 offenbar recht gut "aufgestellt".
3,3 Millionen Hausärzte fehlen
Weltweit gehen die Autoren der Studie von im Jahr fehlenden fast 3,3 Millionen Hausärzten (Europa: 114.000) aus. Der Bedarf diplomierter Krankenschwestern wird im Jahr 2050 rund 65 Millionen weltweit betragen. Weltweit dürften dann rund 16 Millionen Spezialisten in Pathologie und Bildgebung fehlen, dazu fast 6,2 Millionen Apotheker sowie 6,7 Millionen Fachärzte für die medizinische Behandlung, weiters 3,6 Millionen Chirurgen und Spezialisten für die Betreuung von Krebspatienten rund um chirurgische Eingriffe.
"Unseren Modellrechnungen zufolge ist mit Fachkräftemangel in allen Bereichen des Gesundheitswesens und hinsichtlich des Ausbildungsniveaus zu rechnen. Der größte Fachkräftemangel im Jahr 2050 wird voraussichtlich bei Grundversorgungskräften (mit weniger als drei Jahren Ausbildung) auftreten, mit einer Lücke von 68 Millionen Personen (Differenz zwischen prognostizierter und angestrebter Personalstärke). Im Jahr 2050 wird ein Mangel von 15 Millionen Fachkräften im technischen und verwandten Gesundheitswesen (mit drei bis fünf Jahren Ausbildung) prognostiziert, bei fortgeschrittenen klinischen Spezialisten (mit sechs bis zehn Jahren Ausbildung) eine Lücke von sechs Millionen und bei Fachärzten (mit mehr als zehn Jahren Ausbildung) von insgesamt zehn Millionen", heißt es in der Studie.
35 Millionen Todesfälle vermeidbar
Am stärksten könnte die Krebssterblichkeit durch "eine Erhöhung der Anzahl von Diagnosespezialisten (z. B. Pathologen, Radiologen, Nuklearmedizinern, medizinisch-technischen Laborassistenten, MRT-Technologen und Radiologieassistenten)" verringert werden, so die Wissenschafter. "Das könnte dazu führen, dass zwischen 2030 und 2050 rund 35 Millionen Krebstodesfälle vermieden werden könnten. Ein umfassender und finanziell tragfähiger Ausbau der Personalkapazitäten aller Berufsgruppen könnte die krebsbedingte Sterblichkeit weltweit um etwa 40 Prozent senken (...), heißt es in der wissenschaftlichen Arbeit.
Auch Österreich hat mit steigenden Krebs-Erkrankungszahlen und vermehrten Todesfällen zu rechnen, wie aus der aktuellen "Prognose der Krebsinzidenz, Krebsprävalenz und Krebsmortalität bis 2045" des Gesundheitsministeriums hervorgeht. Dort heißt es unter anderem: "Etwa 46.500 Menschen erhalten in Österreich jährlich die Diagnose Krebs. (...) Der vorliegende Bericht stellt die Krebsinzidenz (jährliche Neudiagnosen pro 100.000 Personen; Anm.), -mortalität und -prävalenz (Menschen mit Krebs; Anm.) der 15 wichtigsten Krebsentitäten (Krebsformen; Anm.) bis zum Jahr 2045 dar. Demnach wird die Zahl der Krebsneuerkrankungen bis 2045 im Vergleich zum Jahr 2023 um 21,6 Prozent steigen. Auch die Zahl der Krebssterbefälle wird um 20,9 Prozent zunehmen, während die Krebsprävalenz voraussichtlich um 53,8 Prozent steigen wird."
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