Around 1,000 secondary school students protest against the Hungarian government's higher education reforms in Budapest December 19, 2012. The reforms were launched earlier this month, triggering a series of big student protests. Students say the reforms are unreasonable, and have been implemented too fast, and would shut out many students from higher education. REUTERS/Bernadett Szabo (HUNGARY - Tags: EDUCATION POLITICS CIVIL UNREST)

© Reuters/BERNADETT SZABO

Ungarn
04/06/2013

Exodus der Gebildeten

Immer mehr Auswanderer: Vor allem Junge wollen nicht in Orbans Ungarn bleiben.

Etliche meiner Freunde sind im Ausland“, sagt Marton. „Und wenn junge Ungarn über ihre Zukunft reden, dann kommt schnell einmal der Schluss: Wahrscheinlich werde ich ins Ausland gehen“, sagte der 30-jährige Budapester.

György Matolcsy, der Ex-Fidesz-Wirtschaftsminister und heutige Chef der ungarischen Zentralbank, hat eine kleine Lawine in der nationalen und internationalen Presse losgetreten, als er vor Kurzem erwähnt hat, dass eine halbe Million Ungarn im Ausland leben und arbeiten.

„500.000 wandern wegen des rechtskonservativen Premiers Viktor Orban aus“ , „Größerer Exodus als 1956“ (damals waren es 200.000), las man in Zeitungen. Ein gefundenes Fressen für die Medien.

Der Europaskeptiker und Nationalpopulist Orban ist nicht der einzige Grund, warum Ungarn ihrem Land den Rücken kehren. „Wir müssen die Kirche im Dorf lassen“, sagt Endre Sik vom ungarischen Forschungsinstitut Tarki am Telefon zum KURIER. „Wo Matolcsy die Zahl 500.000 recherchiert hat, weiß ich nicht.“ Das Tarki spricht von aktuell rund 300.000 Ungarn, die im Ausland leben oder arbeiten (Schwarzarbeit und Pendler nicht mitgerechnet).

Immer noch wesentlich mehr als die 170.000, die von der Regierung angegeben werden.

Ungarn ist eines jener europäischen Länder, die von der Wirtschaftskrise am stärksten betroffen sind. Es ist nicht die arme, ungebildete und arbeitslose Bevölkerung, die ihrem Land den Rücken kehrt, wie Sik dem KURIER erklärt. Vielmehr seien es junge, gebildete Ungarn, auch ganze Familien, die trotz guter Bildung keine Zukunftsperspektiven in ihrem Land haben.

Ă„rztemigration

Die Krise, Pessimismus, Perspektivenlosikeit. Auch politische Gründe führen die Ungarn an, die auswandern. Zuletzt hatte die Regierung Orban mit der geplanten Universitätsreform für Aufsehen gesorgt. Studenten, die Unterstützung vom Staat bekommen, sollen sich verpflichten, nach dem Studium mehrere Jahre in Ungarn zu bleiben.

Zuletzt mehrten sich Berichte, dass Ärzte und Krankenpfleger aus Ungarn auswandern. 2012 haben laut Istvan Eger, dem Präsidenten der Ungarischen Ärztekammer, 1108 Mediziner um ein behördliches Zeugnis angesucht, das sie für die Tätigkeit im Ausland brauchen. Auch eine Gehaltserhöhung der Regierung Orban vor zwei Jahren konnte die Auswanderung nicht stoppen. Ärzte, aber auch Krankenschwestern verlassen jedes Jahr zu Hunderten das Land, um nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz zu gehen und dort besser zu verdienen.

Dennoch, räumt Sik vom Tarki-Institut ein, verlassen viele Ungarn ihr Land nicht für immer. Wie viele aber gewillt sind, zurückzukommen, sei schwer zu messen. „Keiner weiß, wann sich die wirtschaftliche Lage bessert“, sagt auch Marton.

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