"Eure Uniform passt mir nicht"

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Foto: AP/Karlheinz Schindler Dem Journalisten Deniz Yücel wird unter anderem Terrorunterstützung vorgeworfen

Der deutsche "Welt"-Journalist Yücel sitzt seit einem Jahr in der Türkei im Gefängnis – ist aber ungebrochen.

Auch 365 Tage in türkischen Gefängnissen – teilweise unter menschenunwürdigen Bedingungen – konnten ihn nicht brechen. Stolz und kämpferisch, weil offenbar mit reinem Gewissen, bietet der deutsche Welt-Journalist Deniz Yücel den Behörden die Stirn, beteuert seine Schuldlosigkeit (Vorwurf der Terror-Unterstützung sowie der Volksverhetzung) und bezeichnet sich als "Geisel". "Schmutzige Deals" lehnt der 44-Jährige aber kategorisch ab und spielt damit auf einen kolportierten Tauschhandel an: Seine Enthaftung gegen neue deutsche Rüstungsexporte an die Türkei. Niemals, sagt er, das würde seine Freiheit beflecken.

Diese endete für den Reporter aus Leidenschaft am heutigen Valentinstag vor einem Jahr. Es folgten Isolationshaft und Demütigungen. Stifte und Papier bekam Yücel erst später. In der Zwischenzeit versuchte es der Unbeugsame mit einer abgebrochenen Plastikgabel und roter Soße – bis er bei einem Arztbesuch einen Kugelschreiber abzweigen konnte. Wieder in der Zelle machte sich der U-Häftling Notizen auf den freien Stellen und Zeichnungen einer türkischen Ausgabe des "Kleinen Prinzen" – "Häfenelegie" einmal anders. Seine Frau Dilek sieht der Autor bis heute maximal eine Stunde pro Monat ohne Trennscheibe.

"Ja nicht zum Spaß hier"

Den Humor, schneidenden Sarkasmus und politischen Mut hat Yücel dennoch nicht verloren (wie weiland Johann Nepomuk Nestroy, der ebenfalls ein paar Tage im Gefängnis verbringen musste). Was sich schon am Titel seines Buches ablesen lässt, das heute erscheint: "Wir sind ja nicht zum Spaß hier" (Nautilusverlag, 224 Seiten, 16 Euro). Es handelt sich um eine Sammlung überarbeiteter alter Texte, aber auch um Unveröffentlichtes, wie etwa das Kapitel "Die Nummer mit dem Sittich", in dem er den Alltag im berüchtigten Knast Silivri beschreibt und die Repräsentanten des "Regimes" in Ankara als "Gangster" bezeichnet.

Erdoğan: "Deutscher Agent"

Während der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan Yücel als "deutschen Agenten" und "Terroristen" gebrandmarkt hatte, zeigte sich dessen Außenminister Mevlüt Cavusoglu im Rahmen seiner jüngsten Charme-Offensive Richtung Europa "nicht sehr glücklich darüber, dass es noch immer keine Anklage (gegen den Welt-Korrespondenten) gibt". Bissige Replik des Journalisten: "Wenn ich mich daran gewöhnt habe, dann schafft er das auch." Sollte ihm doch irgendwann der Prozess gemacht werden, werde er jedenfalls nicht in grauem Overall erscheinen, was jetzt alle Terrorverdächtigen vor Gericht tragen müssen: "Jungs, eure Uniform passt mir nicht. Niemals."

Der 44-Jährige, der kurz vor Weihnachten den Dr. Karl Renner-Solidaritätspreis des Österreichischen Journalisten Clubs erhielt, ist mittlerweile eines der größten Hindernisse einer Wiederannäherung zwischen Ankara und Berlin. Dramatisch verschlechtert hatten sich die bilateralen Beziehungen nach den Auftrittsverboten von türkischen Politikern in Deutschland (und auch Österreich). Diese wollten dort für die Annahme der neuen Verfassung beim Referendum im April 2017 werben. Erdoğan hatte der Bundesrepublik gar Nazi-Methoden vorgeworfen. Eine ähnliche Suada ging damals auch über Österreich nieder.

Türken-Premier in Berlin

Seit Jahresbeginn setzen die Verantwortlichen am Bosporus aber auf Entspannung (auch um die wirtschaftliche Erfolgsstory der vergangenen Jahre nicht zu gefährden). Bisheriger Höhepunkt: Morgen wird der türkische Premier Binali Yildirim die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Hauptstadt Berlin besuchen.

Aus der Ferne empfahl Deniz Yücel der Regierungschefin schon einmal sein Lebensmotto als Richtschnur für die Begegnung (ein Gedicht des türkischen Dichters Nazim Hikmet): "Es geht nicht darum, gefangen zu sein, sondern darum, sich nicht zu ergeben."

(kurier) Erstellt am
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