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Politik Ausland
02/19/2020

Künstliche Intelligenz: Wer kontrolliert hier wen?

Künstliche Intelligenz braucht Regeln, sagt Bestsellerautor Tom Hillenbrand. Die EU-Kommission will sie heute vorlegen

von Ingrid Steiner-Gashi

Es müssen ja nicht gleich Killer-Roboter sein. Oder hyperintelligente Cyborgs, also Mischwesen aus Maschinen und lebendigem Organismus, die in Zukunft die Menschheit beherrschen werden. „Sie meinen dieses Zauberlehrlingsszenario, wenn die Computer die Kontrolle übernehmen?“ Tom Hillenbrand muss lachen. Der deutsche Besteller-Autor hat ähnlich dystopische Zukunftsvisionen in seinen Büchern beschrieben.

In der Realität sieht Hillenbrand die nächsten Jahrzehnte bei Weitem nicht so düster. Sicher aber ist: Künstliche Intelligenz (KI) spielt längst in unseren Alltag hinein.

Auf Facebook oder Spotify schlagen uns die Algorithmen vor, was wir sehen oder hören sollen. Automatische Einparkhilfen gehören für viele Menschen ebenso schon dazu wie der von Google Maps berechnet schnellste Weg zum Ziel. Die auf eine Unmenge von Daten basierenden Computerprogramme können selbstständig entscheiden und handeln. Aber sie könnten eines Tages Dinge tun, die ihre Erschaffer nie vorgesehen hatten. Sie könnten beginnen, die Fesseln abzuwerfen und eigene Ziele zu verfolgen.

„Noch ist nichts schief gegangen“, sagt Hillenbrand im KURIER-Interview. Doch der Erfinder visionärer, von KI beherrschter Zukunftswelten weiß auch: Regeln müssen her. Und zwar genau jetzt, zu einem Zeitpunkt, wo die Superintelligenz noch rechtzeitig eingehegt werden kann. „Um jedes Auto herum ist absolut alles bis ins kleinste Detail geregelt. Umso erstaunlicher finde ich“, wundert sich Hillenbrand, „dass es für eine potenziell so mächtige Technologie bisher fast keine Regelungen gibt.“

Brüssels Weißbuch

Das soll nun anders werden. In Brüssel präsentiert die EU-Kommission an diesem Mittwoch erstmals ein Weißbuch für eine Strategie zur Künstlichen Intelligenz. Verbote sind dabei nicht zu erwarten. Zu sehr befürchtet man, die weitere Entwicklung von KI zu behindern, während die USA und vor allem China immer schneller voranpreschen.

Zur Debatte war gestanden, ob Gesichtserkennungstechnologie zumindest für drei bis fünf Jahre angehalten werden sollte. Doch ein derartiges Moratorium scheint vom Tisch. In China, wo Gesichtserkennung nahezu flächendeckend eingesetzt wird, geht man schon viel weiter: KI-basierte Technologie kann auch Emotionen erkennen.

Für Autor Tom Hillenbrand ein absolutes No-Go: „Dann sehen die Behörden nicht nur: Aha, der läuft da, sondern auch: ah, der plant auch was!“

Überhaupt könne er sich vorstellen, für ein Verbot bestimmter KI-Anwendungen einzutreten, meint der deutsche Sci-Fi-Autor. Soziale Bewertungssysteme wie in China nennt er als Beispiel ebenso wie autonome Waffen.

Bessere Krebsdiagnosen

Andererseits tun sich über KI riesige Bereiche positiver Anwendungen auf. In der Medizin etwa – wo mit unzähligen Daten gefütterte Computer-Programme heute in der Lage sind, Brustkrebs manchmal schon früher oder besser zu diagnostizieren als ein Arzt. Oder bei Energiesparmaßnahmen. „Ein Energieprogramm, das Google benutzt, hat es geschafft, die Energie in seinen Datenzentren um vierzig Prozent zu reduzieren“, erzählt Hillenbrand.

Problematisch findet der Autor hingegen Programme, die eine Vorauswahl für Jobbewerber treffen. „Nehmen Sie an, Sie haben alle Datensätze von allen je gemachten Prüfungen an allen Unis der besten Bewerber. Und dann trifft der Algorithmus eine Vorauswahl: Da gibt es einen brillanten jungen Mann, aber er hatte mit 25 eine depressive Störung. Und so rechnet das Programm aus, dass er mit Mitte 40 zu 15-prozentiger Wahrscheinlichkeit wieder in die Midlife-Krise kommt. Die Empfehlung des Programmes lautet daher: Nicht einstellen.“

Lernfähige Bots

Wie ein KI-Programm entscheidet, bleibt intransparent. Künstliche Intelligenz kann an Probleme anders herangehen, als sich Menschen das vorstellen. Ein Beispiel: In einem Labor der Facebook-Forschungsabteilung sollten zwei Bots (Programme) lernen, miteinander zu verhandeln. Die beiden Bots waren wohl lernfähig – entwickelten aber ihre eigene Sprache. Die Forscher verstanden nichts.

Ein oberstes Prinzip hat die Europäische Kommission schon im Vorjahr ausgegeben: Die Maschine soll dem Menschen dienen, nicht umgekehrt. Künstliche Intelligenz soll nur unter menschlicher Aufsicht und Einhaltung von menschengemachten Sicherheitsvorgaben eingesetzt werden. Kurz gesagt: Im härtesten Fall muss der Stecker gezogen werden.

Schöne neue Arbeitswelt

Wie also wird Europa zur Mitte des Jahrhunderts aussehen? Wird die Künstliche Intelligenz alles übernommen haben?

„Ich glaube nicht daran, dass es dann schon Maschinen mit Bewusstsein geben wird“, gibt Tom Hillenbrand zu bedenken. „Aber in 30 Jahren wird es nur ganz, ganz wenige Jobs geben, die nicht von Computern gemacht werden – seien es Journalisten, Anwälte oder Musiker. Und das wird ein großer Schock für uns werden und einen gewaltigen Knick für unser Selbstbewusstsein bedeuten. Das werden wir noch erleben, wenn wir uns fragen müssen: Wieso sind wir noch besser? Und sind wir nicht eigentlich obsolet?“

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