2003 kam Mandela nach Wien, für die damalige Außenministerin Benita Ferrero-Waldner war es nicht das erste Treffen.

© AP/Bernhard J Holzner

Erinnerungen
12/08/2013

"Er strahlte die Versöhnung aus"

Österreichische und internationale Politiker über ihre Begegnungen mit Nelson Mandela

von Andreas Schwarz, Konrad Kramar

Es ist die „Herzlichkeit“, die Heinz Fischer sofort in den Sinn kommt, wenn er sich für den KURIER an seine Begegnungen mit Nelson Mandela erinnert: „Sie war nicht aufgesetzt, sondern kam von innen. Man hat sie bei jedem Treffen gespürt.“ Drei Mal hat der Bundespräsident den Südafrikaner getroffen. Zum ersten Mal kurz nach dessen Freilassung nach 27 Jahren Gefängnis. Die „Aura, die einen sofort gefangen genommen hat“, habe ihn schon damals umgeben.

Das politische Nahverhältnis Fischers zu Mandela begann in der Kreisky-Ära. Der Kanzler lud Aktivisten der im Untergrund agierenden Organisation ANC (Afrikanischer Nationalkongress) nach Österreich ein, so auch Mandelas Kampfgefährten Oliver Tambo.

Bruno-Kreisky-Preis

Mandela erhielt 1981 den Bruno-Kreisky-Preis – in Abwesenheit, weil er im Gefängnis saß. Später, in den Umbruchjahren Südafrikas nach Ende der Apartheid, erinnert sich Fischer, habe Mandela ihn auch telefonisch kontaktiert, und um politische Unterstützung gebeten.

1994 flog Fischer zur Angelobungsfeier Mandelas als Südafrikas Präsident. „Bei der Feier stimmten seine Anhänger die Hymne des ANC an“, schildert Fischer die heikle Situation, „aber Mandela griff spontan ein. Er erklärte, dass eine neue Epoche des Zusammenlebens begonnen habe, und brachte die ANC-Aktivisten tatsächlich dazu, die Staatshymne anzustimmen, auch wenn die von Schwarzen als ,Buren-Hymne’ empfunden wurde.“

Tief empfundene Verehrung schwingt auch in den Erinnerungen Benita Ferrero-Waldners mit: „Er war immer der Politiker, den ich am meisten bewundert habe“. Die Ex-Außenministerin hat Mandela mehrmals getroffen und gerät immer noch ins Schwärmen. „Jemand, der so lange im Gefängnis war und dann so sehr für die Versöhnung eintritt, das ist unvergleichlich.“

2002 besuchte sie ihn in Johannesburg. „Er strahlte die Versöhnung einfach aus“, selbst wenn er verärgert über die Entwicklung im benachbarten Zimbabwe und die Vertreibung weißer Farmer durch das Mugabe-Regime sprach, berichtet Ferrero-Waldner von der Begegnung. „Wenn man mit ihm sprach, vermittelte er ein Gefühl, als würde man einander schon lange kennen.“

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Mandela

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REUTERSFormer President Nelson Mandela attends the sixth Annual Nelson Mandela lecture in Kliptown, in this July 12, 2008 file photo. The Nelson Mandela foundation sent out a statement on Wednesday saying former president Nelson Mandela is at Milpark Hosp

ReutersA 1961 file photo of Nelson Mandela, leader of the African National Congress. REUTERS/Handout/Files (SOUTH AFRICA POLITICS)

REUTERSFormer South African President Nelson Mandela meets with the family of the late Tsietsi Mashinini at the Nelson Mandela childrens fund office in Houghton-Johannesburg in this June 13, 2006 file photo. Mandela, affectionately known as "Tata" or gran

The MTV pop channel is using its global reach, the sparkle of its stars and the moral authority of South Africas Nelson Mandela to send a message of AIDS awareness and tolerance to young people worldwide. Video footage from a Cape Town concert on Nov. 23

Mandela

Mandela

South Africa Mandela Birthday

Mandela in Österreich

Ferrero, die ihn aus ihrer Zeit als Protokollchefin des UNO-Generalsekretärs kannte, lud Mandela nach Österreich ein. Was er gerne annahm, aber keine Zeit nennen wollte: „Ich habe ja noch nicht einmal eine Hochzeitsreise machen können“, sagte der damals schon zum dritten Mal verheiratete südafrikanische Ex-Präsident. Ein Jahr später kam Mandela dann aber tatsächlich nach Österreich.

Von allen internationalen Staatsmännern hat wohl Bill Clinton die intimsten Erinnerungen an Mandela. Fast regelmäßig sind die beiden zusammengetroffen, zuerst als Präsidenten, später als Pensionisten. Clinton war einer der wenigen ausländischen Gäste, die Mandela im Vorjahr noch als schwerkranker Mann zuhause empfing. „Zwei alte Freunde“, kommentierte Mandelas Enkel Kweku, „plauderten über Weltpolitik und das Leben als Pensionisten.“

Eheberatung für Clinton

Es war eine Freundschaft, die Clinton auch durch seine schwerste persönliche Krise begleitet hat: die Affäre um Monika Lewinsky. Mandela habe seine Ehe gerettet, gab Clinton später zu. Er habe dem US-Präsidenten, der damals gegen Sonderermittler Kenneth Star kämpfte, beraten, wie er mit seinen Feinden umgehen solle. Im Guardian schilderte er Mandelas Ratschlag:„Sie haben mich körperlich und geistig misshandelt. Sie konnten mir alles wegnehmen, außer meine Gedanken und mein Herz. Ich habe beschlossen, sie nicht herzugeben – und das solltest du auch nicht tun.“

Große Trauerfeier

Clinton wird so wie sein Nachfolger George Bush und US-Präsident Barack Obama zur großen Trauerfeier für den Donnerstag verstorbenen Mandela nach Südafrika reisen. Im Stadion von Soweto werden 95.000 Gäste Abschied nehmen. Kommenden Sonntag wird Mandela im Heimatort Qunu beigesetzt.

Nelson Mandela, Bill Clinton

FILE SOUTH AFRICA MANDELA HOSPITAL

SOUTH AFRICA MANDELA OBIT

A woman cleans up outside the South African Embas…

A picture and a letter are placed in front of the

A poster with messages is seen outside on Vilakazi

A man holds candles in front of a mural of former

File photo of African National Congress vice-presi

USA BASKETBALL NBA MANDELA OBIT

Nelson Mandela

Nelson Nandela

File photo of Nelson Mandela wearing a cap present

File photo of South Africa's President Nelson Mand

A wreath of flowers is placed near a banner depict…

A woman with a banner pays tribute to Nelson Mande…

Das Erbe Mandelas steht auf dem Spiel

Die Regenbogennation war seine Vision, in der jeder Südafrikaner, ob Schwarz oder Weiß oder Gemischt, die selben Rechte und Chancen hat. Doch was Nelson Mandela angestoßen hat, trieben seine Nachfolger mit wenig Elan und Erfolg voran. Die Ungleichheit ist nach wie vor eines der zentralen Probleme des Landes.

Zwar sind nach der Wende 1994 einige wenige Schwarze sogar zu sagenhaftem Reichtum gekommen – sie profitierten allerdings von ihren politischen Verbindungen zu den nur allzu korrupten ANC-Granden. Ein unrühmliches Beispiel ist Cyril Ramaphosa, einst Gewerkschaftsboss der Minenarbeiter, heute Multimillionär, der im Vorjahr 2,3 Millionen Dollar für einen Preisstier geboten hat. Und das in einem Land, in dem jeder zweite Schwarze weiterhin mit weniger als zwei Euro pro Tag auskommen muss.

Fast jeder dritte Schwarze ist ohne Job, unter den Weißen ist nur einer von 20 arbeitslos. Die Folge: In einem weißen Haushalt liegt das Einkommen im Durchschnitt sechs Mal höher als in einem schwarzen. Und die Wirtschaft ist nach wie vor fest in der Hand der Weißen.

Tristesse im Township

Daher wuchs in den vergangenen Jahren der Unmut der Mehrheitsbevölkerung (80 Prozent Schwarze) mit den Erben Mandelas enorm. In den Townships (Schwarzenvierteln) fehlt es an ordentlichen Unterkünften, einer adäquaten Trinkwasser- und Stromversorgung – und an guten Schulen. Zwar hat sich in den vergangenen 17 Jahren die Zahl der schwarzen Studenten vervierfacht, dennoch schafft nur jeder zehnte schwarze Schüler den Sprung an eine Universität. Bei den Weißen, die nur neun Prozent der gut 50 Millionen Südafrikaner ausmachen, liegt dieser Wert bei mehr als 50 Prozent.

Diese Missverhältnisse lassen alte Ressentiments wieder auferstehen, die die reichen Weißen für die Misere verantwortlich machen. Und so mancher Politiker der Regierungspartei ANC („African National Congress“) schürt diese gar, um einen Sündenbock präsentieren zu können. Immerhin stehen im April des kommenden Jahres Präsidentschafts- und Parlamentswahlen an.

Es gehe jetzt darum, „das Vermächtnis Mandelas“ umzusetzen und seine Vision der Regenbogennation voranzutreiben, sagte der 27-jährige Polizist Joseph nach dem Tod der Freiheitsikone. Denn „die Rassenzugehörigkeit ist heute leider wieder viel wichtiger als sie 1994 (dem Jahr der Wende) war“.