Politik | Ausland
19.05.2018

Erdoğans Wahlschlacht im Ausland

Bosnien/Herzegowina: Türken-Präsident am Sonntag in Sarajewo, das sich dem Land am Bosporus – wieder – stark zuwendet

Die Lieder in der Retro-Bar Kuća sevdaha im Großen Basar in Sarajewo beschwören ein Istanbul, das es nicht mehr gibt: Das dort längst aus der Mode gekommene Rosensorbet ist hier Highlight der Getränkekarte. Auch die vielen türkischen Einsprengsel der bosnischen Sprache gehören in eine andere Zeit. In das Osmanische Reich, dessen Provinz Bosnien Mitte des 15. Jahrhunderts wurde. Eine mit Privilegien: ein Eyalat.

Anders als die Nachbarn, die nach der Besetzung Christen blieben, konvertierte in Bosnien die Mehrheit der Bevölkerung – eingewanderte Südslawen, die sich mit den autochthonen Illyrern vermischt hatten – zum Islam. Allen voran die Eliten. Sie konnten ihre Besitzstände nur durch Übertritt wahren. Alles Land gehörte nun dem Padischah, der es als timar – als Lehen – vergab. Für Kriegsdienste, zu denen nur Muslime herangezogen wurden. Die Lehen waren nicht erblich, die Söhne der timarli – der Lehensmänner – wurden erst nach eigenen militärischen Leistungen im Besitz bestätigt.

Mit Timar-System, straffer Machtvertikale und einer flexiblen Schlachtordnung – beides von Dschingis Khans Mongolen abgekupfert – rollten die Osmanen Europa auf, dem sie damals auch wissenschaftlich und technisch haushoch überlegen waren. Identitätsstiftend für den Vielvölkerstaat war nicht Nationalität, sondern Zugehörigkeit zum sunnitischen Islam. Auch bosnischen Konvertiten standen daher im Staatsdienst alle Wege offen: Sie wurden Diplomaten, Generäle und Wesire.

Habsburger-Dominanz

Der Stolz, Teil einer Supermacht zu sein, hat sich tief ins kollektive Gedächtnis der bosnischen Muslime – der Bošniaken – eingebrannt. Ebenso die Demütigung, die mit dem Niedergang des Osmanischen Reiches im 17. Jahrhundert begann. 1878 wurde Bosnien Provinz der Habsburger Doppelmonarchie. Sie erkannte damals – als einziger Staat Europas – den Islam offiziell als gleichberechtigte Religion an.

Sehnsüchte nach Wiederherstellung ihrer Eigenstaatlichkeit, wie sie die Bošniaken mit anderen slawischen Völkern teilten, erfüllten sich indes für sie auch nach Ende Österreich-Ungarns 1918 nicht. Ihr Gebiet wurde – ohne Autonomierechte – dem serbisch dominierten Königreich Jugoslawien zugeschlagen. Zwar wertete der von Tito geführte Antifaschistische Rat zur Volksbefreiung Jugoslawiens Bosnien-Herzegowina zur Teilrepublik auf, als er 1943 das künftige sozialistische Jugoslawien als Föderation konfigurierte.

Doch der Atheist Tito verfolgte in Bosnien zunächst die Verschmelzung der Muslime mit den dort lebenden Serben und Kroaten. Der Versuch misslang, auch weil die Wirtschaftsleistung des Bundesstaates nicht reichte, Bosnien auf das Niveau Serbiens oder Kroatiens zu hieven. 1968 erkannte ein Dekret die Bošniaken als Nation an. Gegen den Widerstand der Serben.

Blutiger Bosnien-Krieg

Blutig entlud sich der Konflikt im Krieg Anfang der Neunzigerjahre. Das von der Staatengemeinschaft vermittelte Dayton-Abkommen schuf 1995 Frieden. Kalten. Nation building? Fehlanzeige! Parteien organisieren sich nach ethnischem Prinzip. Serben und Kroaten wollen Anschluss an die Mutterländer, die Bošniaken suchen eines. Wirtschaftlich potent, gemäßigt islamisch. Favorit: Die alte Schutzmacht am Bosporus.

Mehr als 10.000 Türken – kleine und mittelständische Unternehmer, die Arbeitsplätze schaffen – leben schon in Bosnien. Der Vortrupp für die Balkan-Offensive von Neo-Osmanist Erdoğan will morgen, Sonntag, auch prominent präsent sein bei dessen Wahlkampf-Showdown in der Zetra-Halle in Sarajewo. Sie hat, abhängig von der Bestuhlung, 12.000 bis 20.000 Plätze.

Auch die Jugendorganisation der Bošniaken-Partei will dafür sorgen, dass keiner leer bleibt. Die Nachfrage sei groß, sagt ein Funktionär aus der Stadt Bijeljina. Weil Erdoğan die Busfahrt in die Hauptstadt und das Iftar, das Fastenbrechen nach Sonnenuntergang, zahlt? Das sei eine Provokation, bellt der Funktionär ins Handy. „Erdoğan ist der beste Führer, den die muslimische Welt seit langem hat. Bosnien ist Teil von ihr.“