Politik | Ausland
09.04.2017

Erdoğans perfekte Show mit Prügel für Europa

Der türkische Präsident Erdoğan lässt sich vor Referendum als Garant der Sicherheit feiern.

"Wollen wir Europa eine Lektion in Sachen Zivilisation erteilen?", ruft der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan von der riesigen Bühne im Istanbuler Stadtteil Yenikapı in die Menschenmenge. "Evet" (Ja) ist der Widerhall aus Hunderttausenden Kehlen. "Wollen wir Europa eine Lektion in Sachen Menschenrechten erteilen?", legt er nach und genießt sichtlich das neuerliche Ja. "Dann lasst uns (am Ostersonntag beim Verfassungsreferendum, mit dem dem Staatschef weitgehende Machtbefugnisse eingeräumt werden sollen, Anm.) genau diese Antwort geben", fordert er.

Erdoğans Auftritt ist perfekt inszeniert. Von mehreren Kameras aus wird die One-Man-Show auf Videowände übertragen, sogar eine Drohne kommt zum Einsatz. Der Regisseur wechselt dramaturgisch geschickt zwischen dem "Meister", den Menschenmassen samt Luftbildern, Nahaufnahmen von Fans mit "Evet"-Transparenten und zurück zu Erdoğan.

"Wir brauchen euch nicht"

Das Europa-Bashing kommt bei einem Paar, beide 40, gut an. "Ihr akzeptiert den Islam nicht und hetzt Hunde auf unsere Leute", sagt er in Anspielung auf den Polizeieinsatz gegen Türken in den Niederlanden nach dem Auftrittsverbot für türkische Politiker. "Ich mag die EU nicht, wir brauchen euch nicht", fährt der Mann forsch fort. Er ist Beamter und will ungenannt bleiben.

Dass Erdoğan sein großes Idol ist, daraus macht er kein Hehl: "Ich würde zu seinen Veranstaltungen selbst dann kommen, wenn er gar nichts sagte. Denn ich liebe das, wofür er steht – den Islam, den Konservatismus, der im Osmanischen Reich wurzelt." Seine Ehefrau, die kein Kopftuch trägt, nickt. Den Handschlag zur Verabschiedung verweigert sie dem Reporter lächelnd.

Viele streng gläubige Muslime

Generell sind hier viele Anzeichen eines strenggläubigen Islam erkennbar: Tief verschleierte Frauen, Männer mit langen Bärten, und immer wieder erheben Erdoğan-Anhänger vier Finger einer Hand (mit angelegtem Daumen) – ursprünglich das Zeichen der ägyptischen Muslimbruderschaft, die eine islamistische Ausrichtung hat. Später, auf dem Weg zur U-Bahn, ruft einer: "Sie töten Muslime, lasst uns alle Märtyrer werden."

In seiner knapp einstündigen Rede trommelt Erdoğan sein gesamtes Repertoire ins Volk. Gegen Europa, gegen die Opposition, gegen den Terror. Die Botschaft: Ich alleine bin der Garant für Sicherheit und Stabilität, deswegen brauchen wir die neue Verfassung. Immer wieder bricht seine Stimme, wenn er laut wird – die vielen Auftritte fordern ihren Tribut.

Nationalistischer Kitt

Bisweilen zeigt sich der Präsident im Schmollwinkel ("Immer, wenn ich etwas Großes für unser Land plane, stellen sie sich dagegen"), dann wieder kämpferisch: "Sie wollten (im vergangenen Juli, Anm.) einen Putsch. Wir haben es verhindert." Die dramatischen Ereignisse von damals, bei denen fast 300 Menschen getötet wurden, werden dann als nationalistischer Kitt angerührt, um die Türken hinter Erdoğan zu versammeln. Großflächig und in Riesen-Lettern ist jeder einzelne "Märtyrer" an der Längsseite des Veranstaltungsgeländes aufgeführt. Aus "Respekt zu ihnen, müssen wir ,Ja‘ sagen", schließt der Staatschef den Bogen.

Die Leute hier braucht er allerdings nicht zu überzeugen. Die stehen fest an seiner Seite, so wie die 32-jährige Burcu Hira. Für die Kopftuchträgerin, die auch ihre Kinder mitgenommen hat, ist ein Nein zwar völlig ausgeschlossen, aber selbst wenn es dazu kommen sollte, würde sich nichts ändern: "Erdoğan ist ja jetzt schon unser Präsident – und er wird es bleiben."