Politik | Ausland
07.11.2018

"Entweder wir sind schnell, oder wir verlieren Leben"

Wer ist die EU? Für Johannes Luchner, Direktor für den EU-Katastrophenschutz, gibt es ein kaum einen Tag ohne schwere Krisen.

Erdbeben und Tsunamis, Vulkanausbrüche, Feuersbrünste und Fluten – sie halten sich nicht an Ruhezeiten.„Statistisch gesehen geschehen Naturkatastrophen zu 60 bis 70 Prozent an Wochenenden oder in Urlaubszeiten“, weiß Johannes Luchner. Deshalb dreht der Direktor für Katastrophenmanagement bei der Generaldirektion für Humanitäre Hilfe und Zivilschutz (DG ECHO) der EU-Kommission sein Telefon niemals ab. 24 Stunden, sieben Tage die Woche ist der gebürtige Innsbrucker erreichbar. Und die Mehrheit des rund 100 Mitarbeiter umfassenden Teams seiner Direktion in Brüssel ebenso.

Treffen wie im Fall des jüngsten Erdbebens und Tsunamis in Indonesien die ersten Meldungen ein, wird ein Krisenteam zusammengetrommelt. Man eilt ins Koordinationszentrum der Behörde, wo riesige Monitore an der Wand den aktuellen Gefahrenstand anzeigen: Potenzielle Waldbrandgefahr, zu erwartende Fluten und Hurrikane, Bebentätigkeit. „Wir haben hier ein globales Frühwarnsystem. An den Farben grün, orange und rot erkennt man die Höhe des Risikos. Ab dem Moment, wo ein Bereich auf orange dreht, erhält jeder unserer Mitarbeiter ein Warn-SMS“, schildert Luchner.

Ein ganzer Stadtteil ist verschwunden

Erst 36 Stunden nach dem jüngsten Beben auf der indonesischen Insel Sulawesi war das Ausmaß der Katastrophe sichtbar. Auf den Monitoren der Analysten in Luchners Team zeichnete sich sogar noch Schlimmeres ab: Noch ehe die Retter helfen konnten, ermittelten die Experten in Brüssel via satellitengestützter Daten, dass in der Stadt Palu ein ganzer Ortsteil in der Erde versunken war. „Bodenverflüssigung“ nennt sich, wenn sich nach Beben die Erde zu Brei verwandelt und alles verschlingt. Die Experten der DG ECHO wissen, warum: Der Stadtteil war auf einem Flussbett gebaut. An die 500 Häuser sind einfach verschwunden. Über 2.250 Tote wurden seit dem Beben und dem folgenden Tsunami geborgen, Tausende Menschen werden noch vermisst.

Der Katastrophen- und Zivilschutzflügel der EU-Kommission schickt keine Ärzte und Lebensmittelpakete. Aber hier, in der Zentrale in Brüssel, treffen die Informationen zusammen, hier wird pausenlos analysiert und hier wird koordiniert. „Welcher Staat braucht genau was an welchem Ort und zu welchem Zeitpunkt?“, das alles gelte es möglichst rasch zu klären, schildert der 53-Jährige Spitzen-Beamte dem KURIER.

Zahlreiche Katastrophen hat der Tiroler in den vergangenen zwei Jahren, seit er die Abteilung leitet, miterlebt und er weiß: „Für uns ist Bürokratie der Tod. Entweder wir sind schnell, oder wir verlieren Leben.“ Binnen weniger Stunden muss also auch die Finanzierung stehen.  An die 50 Prozent der Transportkosten für Geräte, Material und Rettungsteams übernimmt die EU im Schnitt bei diesen Katastropheneinsätzen.

Handeln kann das „Europäische Zentrum für die Koordination von Notfallmaßnahmen“ aber nur, wenn ein Staat um Hilfe anfragt. Wie Schweden etwa, das heuer im Sommer gegen Waldbrände von nie da gewesenem Ausmaß zu kämpfen hatte. „Dann koordinieren wir, welcher EU-Staat wie viele Löschflugzeuge schicken und welche weitere Hilfe anbieten kann. Das erspart Schweden die Arbeit, mit 27 anderen Staaten in Kontakt zu treten“, schildert Johannes Luchner. Zudem stellt Brüssel hochinformative Satellitenkarten zur Verfügung, die den Einsatzleitern vor Ort die Übersicht über die Katastrophenlage erleichtert.

Im Zentrum von Katastrophen und Krisen

Früher stand der studierte politische Ökonom (Zweitfach: Mittelalter-Geschichte), der seit zwanzig Jahren für die Kommission arbeitet, oft im Zentrum von Katastrophen und Krisen: in Simbabwe, im Nahen Osten, in Afghanistan, Pakistan. Heute sagt, Luchner, „bin ich auch viel unterwegs. Aber ich sehe überwiegend Flughäfen und Büros europäischer Hauptstädte.“

Was sich ein wenig anhört, als wäre der umtriebige Direktor an einen unaufregenden Beamten-Stundenplan gebunden, ist ganz anders gemeint: Er wirbt in den europäischen Staaten dafür, dass die Kommission mehr Möglichkeiten erhält: Mehr Ausrüstung, mehr Flugzeuge, mehr Kapazitäten sollen also immer in den EU-Mitgliedsstaaten für den sofortigen Not-Einsatz bereit stehen. Bisher stießen Luchner und die Kommission mit diesem Plan aber auf einigen Erklärungsbedarf. Die EU-Staaten pochen darauf: Solidarität könne nur freiwillig erfolgen. Im Katastrophenfall wolle man den betroffenen Staat gerne unterstützen, ein Parallelsystem in Brüssel brauche man dabei nicht.

 

Doch Johannes Luchner hat die Grenzen dieses Systems gesehen. Im Sommer des Vorjahres, als verheerende Waldbrände in Portugal wüteten, bat die Regierung in Lissabon um zusätzliche Löschflugzeuge. Doch ausreichende Hilfe konnte nicht gefunden werden, weil zu diesem Zeitpunkt auch bei ihnen daheim die Waldbrandgefahr extrem hoch war. „Wir wollen ja nicht nationale Strukturen ersetzen und schon gar keine Parallelstrukturen schaffen“, sagt er, „sondern durch zusätzliche Kapazitäten die Möglichkeiten verbessern, zu helfen.“

Der Anti-Routinier

Aber für den „kleinen“ Bruder sechs älterer Schwestern sind berufliche Herausforderungen das, was er sucht: „Was mir am besten gefällt, ist Lösungen zu verhandeln und große Probleme zu lösen. Das Verwalten ist nicht mein Lebensinhalt.“ Sein zusätzliches Vergnügen dabei: „Mit den hoch motivierten Leuten hier zusammenzuarbeiten, die aus aller Herren Länder kommen. Ich genieße dieses Kulturmischmasch und wie sich diese Leute immer wieder wunderbar zusammenfinden.“ Nur wenn neu ankommende Experten bei DG ECHO geregelte Arbeitszeiten und eine überschaubare Routine suchen, dann, so sagt der  mittlerweile 27-fache Onkel und Großonkel, „dann rate ich ihnen ab, besser nicht hier bei uns zu arbeiten.“