Politik | Ausland
23.06.2017

EMA: Wien hofft auf das Filetstück des Brexit-Nachlasses

23 EU-Staaten im Wettbewerb um die lukrative EU-Arzneimittelagentur - Österreich hat Chancen.

Noch ehe Großbritannien die EU verlässt, gilt es das erhebliche Erbe dieses Abgangs zu verteilen. Zwei EU-Agenturen müssen London verlassen: Die größere Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) mit insgesamt 900 Mitarbeitern und die Europäische Bankenaufsicht (EBA) mit rund 200 Mitarbeitern. Beide Behörden gelten als Filetstücke des Brexit-Nachlasses.

Entsprechend heftig tobt bereits der Wettkampf unter den 27 EU-Staaten. "Möge der Bessere gewinnen", gab Österreichs Kanzler Christian Kern die Devise aus – und sieht denn auch gute Chancen für Wien, das sich als Standort für die Arzneimittelbehörde EMA bewirbt. Beim EU-Gipfel in Brüssel haben sich die Staats- und Regierungschefs gestern über ein Verfahren geeinigt, wie die neuen Zielorte der Agenturen gekürt werden. Vorgesehen sind mehrere geheime Abstimmungsrunden.

Vor allem eines sollte vermieden werden: Eine Art EU-Basar, ein Mauscheln und Tauschen um die zwei lukrativen Agenturen. Und ein böser Streit unter den konkurrierenden EU-Staaten.

Abgabefrist im Juli

Bis Ende Juli müssen alle Bewerberstaaten – im Fall der EMA sind es 23 – ihre Kandidatur abgegeben haben. Im November soll dann bereits entschieden sein, wohin der Umzug führt. Nach Wien hoffentlich – wenn es nach Wunsch des von der Bundesregierung eingesetzten "Chef-Lobbyisten" für die österreichische Bewerbung geht, den ehemaligen Spitzendiplomaten Gregor Woschnagg. "Österreich ist in der Spitzengruppe der Bewerber", ist er überzeugt.

Denn abgesehen von guten infrastrukturellen Rahmenbindungen, hoher Lebensqualität und Anbindung ans Spitzenforschung biete Wien mit seinen sechs offerierten Gebäudestandorten auch eine Gewissheit: "Wenn die EMA-Mitarbeiter am Freitag um 18 Uhr ihren Computer ausschalten und dann, hoffentlich in Wien, am folgenden Montag um 8 Uhr Früh wieder andrehen, muss alles wie am Schnürchen klappen."

Die EMA ist zuständig für die Überwachung und Beurteilung von Arzneimitteln in ganz Europa. "Über ihre Tische und Labors gehen 26 Prozent der weltweiten Zulassungen von Medikamenten", führt Woschnagg gegenüber dem KURIER aus. 60 Prozent ihrer hochprofessionellen Mitarbeiter sind Frauen. Der künftige EMA-Standort wird deshalb auch für ein umfassendes Krippen- und Kindergartenangebot sorgen müssen, lautet eine der Bedingungen. Was die Europäische Arzneimittelbehörde überdies so attraktiv macht: Mit ihr übersiedeln nicht nur 900 Mitarbeiter und deren Familien. Sondern sie zieht wie eine Lokomotive Pharmavertreter und Kongresse hinter sich her.

Viele Hotelgäste

"In London sind an die 2000 Pharmavertreter rund um die EMA aktiv, vielen von ihnen werden an den neuen Standort wechseln. Und die EMA hält an die 3000 Sitzungen im Jahr ab. Tausende Experten fliegen ein, bleiben mindestens zwei Tage." Es werde also auch auf dem Hotelsektor einen zusätzlichen großen Bedarf geben, sagt Woschnagg.

Dass Österreich mit der Grundrechteagentur schon eine EU-Agentur beherbergt, erachtet Botschafter Woschnagg nicht als Hindernisgrund. Ernstzunehmende Konkurrenz gibt es allerdings einge: Frankreich und Deutschland, ebenso wie Dänemark oder Finnland.