Politik | Ausland
01.08.2018

Ein Wirtschaftsraum, in dem sie die Regeln mitschreibt

Wer ist die EU? Irmfried Schwimann ist die derzeit ranghöchste österreichische Beamtin in der EU-Kommission.

Es ist so was wie Speed-Dating mit politischem und wirtschaftlichem Hintergrund: Im kleinen Garten der steirischen Vertretung in Brüssel mischen sich die Besucher aus der Steiermark, angeführt von Landeshauptmann Hermann Schützenhofer,  beim abendlichen Empfang unter die   in der Hauptstadt der EU arbeitenden  Experten. Vor allem eine wollen sie sehen: Irmfried Schwimann.
Die gebürtige Linzerin ist die derzeit  ranghöchste  österreichische Beamtin in der EU-Kommission. Als Vize-Generaldirektorin der  für Binnenmarkt, Industrie und Unternehmertum zuständigen Generaldirektion GROW entspricht ihr Rang etwa jenem eines stellvertretenden Generalsekretärs in einem Ministerium. Auf europäischer Ebene aber bedeutet Schwimanns Wirkungsbereich  unendlich viel mehr Einfluss. Denn die promovierte Juristin ist an nahezu allerhöchster Stelle in der EU zuständig für den Bereich Kleine und mittlere Unternehmen (KMU), öffentliches Auftragswesen, und Binnenmarkt für Dienstleistungen – also für alles, was jeden Wirtschaftstreibenden interessieren muss.

Unter Dauerbelagerung

Und so wird die überaus herzliche, aber auch als resolut geltende   Top-Beamtin an diesem lauen Sommerabend von den steirischen Besuchern dauerbelagert. Manchmal sucht sie, um sich blickend, nach dem passenden Wort auf Deutsch – denn alles, was sie sonst tagsüber bespricht oder schreibt, läuft ausschließlich auf Englisch oder Französisch. „Es ist spannend“, erzählt sie und lacht, „man weiß nie, wenn ein Anruf herein kommt, in welcher Sprache man am Telefon antworten muss.“

Dass alles so kompliziert sei, dass Brüssel bei den Ausschreibungen und Förderungen so unendlich bürokratische Hürden aufbaue, klagt  der steirische Landeshauptmann.  Zu hören bekommt Schwimann auch immer wieder die Kritik an den billigen Arbeitskräften aus Osteuropa, die das heimische Lohnniveau drückten. Aber: „Ich kann keine österreichische Positionen einnehmen“, schildert die 58-jährige Spitzenbeamtin dem KURIER, „ich bin in einer europäischen Institution. Wir versuchen in der Kommission die bestmöglichen Wege für ganz Europa zu erarbeiten. Natürlich hat man seinen Rucksack und seine persönlichen Erfahrungen. Manches versteht man besser, weil es aus dem eigenen Land kommt. Das heißt aber nicht, dass man es immer automatisch gut findet.“
Als Diplomatin hat die Frau mit dem ungewöhnlichen Vornamen einst ihre Karriere begonnen. „Irmfried, das bedeutet so viel wie der beständige Frieden“, sagt sie, und das hat absolut nichts mit  Deutschtümelei zu tun. Vielmehr hatte der Vater von vier Söhnen seine einzige Tochter dem Namen einer offenbar beeindruckenden Anwältin gegeben, gegen die er als Anwalt Prozess geführt hatte. 

Diplomatie, Wirtschaft, Kommission

Sie  arbeitete zunächst in Delhi und auch einmal in Brüssel, ehe sie den Dienst im Außenministerium quittierte und in die Privatwirtschaft wechselte. Nach zehn Jahren bei der Bundesländer-Versicherung der nächste Sprung – nach Brüssel. Und zwar gleich mit Ehemann, drei kleinen Kindern und dem damals 85-jährigen Vater. „Ich bin sehr froh“, sagt sie, „dass er bis zum Schluss,  ehe er mit  94 gestorben ist, bei uns zu Hause war.“

Der übliche Zehn-Stunden-Tag

Und es war wohl auch ein familientechnisches Organisationskunstwerk, denn für aufstrebende Beamte in der Kommission gibt es keine 40-Stunden-Wochen. Egal, in welcher Abteilung der Kommission Schwimann tätig war, ob früher als Leiterin der Task-Force „Finanzkrise“ in der EU-Wettbewerbsbehörde oder nun im Bereich „Unternehmen und Industrie“ –  die Anforderungen sind immer Maximale. „Jedes Mal, wenn ich nicht auf einen Zehn-Stunden-Tag komme, denke ich mir: Heute hast du aber nicht so viel gearbeitet.“

Während der Finanzkrise 2008  habe sie praktisch jedes Wochenende durchgearbeitet, erinnert sich Irmfried Schwimann. „Ein Jahr lang kann man das durchhalten“, sagt die krisengestählte Vize-Generaldirektorin, „länger nicht“. Aber mit all den Kollegen von damals, mit denen sie sich pausenlos durch die Krise gerackert hatte, ist sie bis heute aufs Engste verbunden. „Jedes Jahr gehen wir seither gemeinsam schifahren. Heuer waren wir in Wagrain.“

Europäische Vielfalt

An die Tausend Menschen arbeiten in Schwimanns Generaldirektion. Aus allen EU-Staaten stammen sie, eine Vielfalt, die auch nötig sei, um ausgewogen zu sein und gesamteuropäische Lösungen zu erarbeiten. „Spaß macht, dass alle hier Super-Qualifikationen haben, dass alle unheimlich motiviert sind. Sie arbeiten auch alle für etwas, an das sie glauben.“ Irmfried Schwimann ist da nicht anders. Europa, das liegt ihr am Herzen, das ist jeden Moment ihre Lebens-Realität. Das ist nicht nur ein gemeinsamer Wirtschaftsraum, in der Schwimann die Regeln mitschreibt. Das ist auch auf  Freundes- und Kollegen-Ebene ein Zusammenwachsen zu einem europäischen Gemisch.
Umso mehr ärgert sie  unreflektiertes Schimpfen auf die EU. „Mit Kritik setzte mich mich jederzeit auseinander“, gibt sie sie schon auch mal streitlustig, „aber nur einfach auf die EU hinhauen, ist mir zu wenig.“ Aber auch von Seiten der Politik her spürt die Spitzenbeamtin derzeit mehr Brüssel-Skepsis entgegenwehen. „Momentan würden wir so etwas, wie es die Gründerväter 1957 mit  den römischen Verträgen, also den Grundverträgen der EU geschafft haben, nicht hinkriegen.“




Um zu beweisen, wie sehr sich das Leben innerhalb  Europas verändert hat, muss sich Schwimann nur kurz zurück erinnern: „Ich hab 1981 in Paris studiert. Um mir Geld zu überweisen, benötigte mein Vater eine Genehmigung der Nationalbank. Es gab keinen Euro: Geld wechseln und überweisen war sehr teuer. Von einem Anrechnen meines Studiums war kein Rede. Und ich habe ein Visum gebraucht, das ich alle drei Monate erneuern musste. Wenn ich das heute meine  Kindern heute erzähle, schauen sie mich nur fassungslos an.“ 
Sie hält kurz inne. „Ich bin mir nicht sicher, ob wir  diesen Weg nicht gerade wieder zurückgehen. Das fängt mit den Grenzkontrollen an. Wir sind so daran gewöhnt, dass man sich in Europa frei bewegen, überall arbeiten, studieren und leben kann. Aber das ist keine Selbstverständlichkeit.“