Politik | Ausland
04.02.2018

Ein Bett für eine Nacht – Belgier beherbergen gestrandete Flüchtlinge

Hunderte obdachlose Flüchtlinge finden jede Nacht privat Unterkunft bei belgischen Familien. Der Staat peilt dagegen per Gesetz Hausdurchsuchungen an.

Justine steigt unablässig von einem Fuß auf den anderen, presst die Arme eng an den Körper. Es ist ungewöhnlich kalt, in diesen ersten Februartagen in Brüssel, nachts fällt die Temperatur unter Null Grad.

„Ich mag nicht einmal daran denken, wie es wäre, hier im Freien zu schlafen“, sagt die junge Belgierin. Und doch bliebe es Hunderten Flüchtlingen in der Hauptstadt Belgiens nicht erspart, würden sich nicht Nacht für Nacht Menschen in Brüssel und Umgebung finden, die die Gestrandeten bei sich daheim aufnehmen.

Für eine Nacht. Oder zwei. Manchmal auch wochenlang.

Die private Bürgerplattform „BLXRefugees“, gegründet von Studenten wie Adriana und dem ehemaligen Manager Mehdi Kassou, bringt sie jede Nacht zusammen: Die gestrandeten Flüchtlinge, die eigentlich alle nach Großbritannien weiter ziehen wollen, aber in Belgien hängen blieben. Und jene Bürger, die nicht tatenlos zusehen wollten, wie der Staat die Verantwortung für die illegalen Migranten zurückweist.

Treffpunkt: jede Nacht im Park Maximilien nahe Brüssels düsterem Nordbahnhof.

Wo ist Hanna?

Mit dicker Jacke und Pudelmütze stapft Adriana durch die wartende Menge, begrüßt jeden einzelnen Belgier und Flüchtling mit einem warmen Lächeln. „Hast du Hanna gesehen?“, wird die Studentin von Severine gefragt.

Die mehrfache Mutter kommt „mindestens zwei Mal die Woche hierher“, um Flüchtlinge mit nach Hause zu nehmen. Heute sucht Severine jene junge Frau aus Eritrea, die schon früher einmal bei ihr übernachtet hat. Doch keine Spur von ihr. „Vielleich hat sie es mittlerweile nach London geschafft“, mutmaßt Severine. Zwei Flüchtlinge wird sie heute Abend auf jeden Fall wieder mit heim nehmen „jeder hier in diesem Park braucht Hilfe.“

In mühevoller Organisationsarbeit haben die ausschließlich freiwilligen Helfer bei BLXRefugees über ihre Facebook-Seite die Informationen zusammengesucht: Welcher Flüchtling passt zu welchem Gastgeber? Wer fährt die Flüchtlinge zu Familien, die ihre Gäste nicht persönlich abholen kommen können? Wer möchte jemanden aufnehmen, der schon einmal bei ihm oder ihr war?

Es wird, wie jede Nacht im Park Maximilien, Stunden dauern, bis alle, oft mehrere hundert, Flüchtlinge ihrer privaten Bleibe zugeordnet sind. Ehepaare warten geduldig in der Kälte, bis ihnen ihre „Gäste“ vorgestellt werden.

Philippe hingegen ist allein gekommen. In seiner Wohngemeinschaft seien gerade ein paar Betten frei, meint er. Da sei es doch normal, zu helfen.

Bibbernd vor Kälte steht ein in dicken Schals eingewickelter Mann neben ihm. „Ich bin zum ersten Mal hier“, sagt er in gebrochenem Englisch. Aus Afghanistan sei er, und er bittet flehentlich: „Gibt es dort später irgendwas zu essen?“

Justine und ihre Freundin Brigitte sind heute, wie sie sagen „nur zum Chauffieren gekommen“. Beherbergt haben die beiden allein stehenden Frauen schon mehrmals Flüchtlinge. „Nie hat es Probleme gegeben“, schildert Justine, „aber ich gebe zu, die erste Nacht habe ich schlecht geschlafen.“

Zwei junge Eritreer waren mehrere Nächte bei ihr geblieben. „Sie waren so erschöpft, haben die ersten 24 Stunden praktisch durchgeschlafen.“ Einmal wieder ein Bett haben, sich waschen dürfen, gut essen und Menschen, die einen freundlich umsorgen – ein Luxus, den die meisten der gestrandeten Flüchtlinge hier seit Langem nicht mehr erlebt haben.

Über das Mittelmeer

Sie alle haben die lebensgefährliche Fahrt über das Mittelmeer hinter sich, haben monatelange Strapazen durchlebt. Nahezu alle Migrantinnen, die durch Libyen kamen, wurden sexuell missbraucht oder vergewaltigt, so viel haben zahlreiche unabhängige Berichte ermittelt.

„Sie erzählen wenig vom dem Schrecklichen, das sie erfahren haben“, schildert Severine ihre Erfahrungen mit den Flüchtlingen. „Sie denken fast alle nur an eines: Wie komme ich nach Großbritannien?“

Anspruch auf Unterkunft hat in Belgien ein Flüchtling nur, wenn er registriert ist. Das aber fürchten jene Migranten, die sich im Park Maximilien wieder finden. Nur nicht riskieren, zurückgeschickt zu werden. Nur es irgendwie nach Großbritannien schaffen, so ist es im Park überall von den Flüchtlingen zu hören. Denn dort, so glauben sie, „dort ist alles besser“.

Hausdurchsuchungen

Belgiens Regierung sind die nächtlichen Vorkommnisse im Park Maximilien ein Dorn im Auge. Doch als vor zwei Wochen die Polizei ausrückte, um die allnächtliche Flüchtlingsaufnahme zu verhindern, stellten sich Tausende Belgier den Sicherheitskräften entgegen.

Aber nicht wenige Bürger des Landes sehen den privaten Einsatz der Helfer für die Flüchtlinge mit Argwohn. Die Migranten seien schließlich illegal im Land, heißt es. Und sie daheim zu beherbergen bedeute nur, ihren Aufenthalt zu verlängern.

Nun bereitet die Regierung in Brüssel ein – höchst umstrittenes – Gesetz vor: Die Polizei soll unangemeldet Privatwohnungen durchsuchen dürfen, in denen sie illegale Migranten vermutet.

Justine, die heute zum ersten Mal in den Park gekommen ist, empfindet das Gesetz ebenso als Zumutung wie die Tatsache, dass Menschen in eisiger Kälte draußen bleiben müssen. Sie ist mit dem Auto da, will Flüchtlinge zur ihrer Gastfamilie bringen. Warum sie es tut? Sie zuckt ein wenig hilflos mit den Schultern: „Das muss man.“