© Jana Patsch

Afrika-Reise
12/16/2018

Durch Westafrika auf eigene Faust

Niger, Burkina Faso, Benin, Togo.Weite Teile Afrikas lassen sich gut bereisen, wenn man Offenheit mitbringt

von Jana Patsch

Am Beginn unserer Reise durch Niger, Burkina Faso, Benin und Togo empfängt uns Amadou, ein exzellenter Fahrer, der allerdings keine Karten lesen kann und die Strecke erst einmal – vor sechs Jahren – gefahren ist. Ausgestattet mit einem A4-Blatt, auf dem für jeden Reisetag fünf Tipps aufgelistet sind, und passablen Französisch-Kenntnissen (immerhin bereisen wir ehemalige französische Kolonien), brechen wir in Richtung Süden auf.

Die Fahrt ist ein einziges Ausweichmanöver. Amadou fährt Slalom um alle Schlaglöcher im Asphalt. Viele Lastwägen mit Anhängern sind unterwegs. Ausgeplünderte Auto-Wracks liegen im Straßengraben.

„Ahh, Autriche“

Zeitraubende Sicherheitskontrollen stellen unsere Geduld auf eine harte Probe. An einem der Checkpoints werden wir unvermutet gefragt, ob es Deutsch sei, was wir miteinander sprechen. Unsere Antwort löst Begeisterung aus: „Ahh, Autriche, Österreich! Einem Österreicher habe ich meine Berufskarriere zu verdanken“, sagt der Mann. Er hat in Burkina Faso die von der österreichischen Jungarbeiterbewegung (ÖJAB) eingerichtete Schule besucht und wurde dort zum Techniker ausgebildet. „Es ist mein großer Traum, einmal am Grab von ÖJAB-Gründer Bruno Buchwieser zu beten.“ Eine berührende Begegnung, die uns ein wenig stolz auf Österreich macht.

Erst nach 14 Fahrstunden gibt es etwas zu essen. Amadou nimmt einen großen Umweg in Kauf, um uns in ein bestimmtes Restaurant zu bringen, weil „die anderen Restaurants Weißen unzumutbar sind“. Schon am nächsten Tag muss er sein Klischee von Europäern nachhaltig revidieren: Wir essen unkompliziert, meist auf Märkten, herrliche Bananen, Baguette, Reis und Gemüse.

Die karge Savanne wird grüner, bald prägt Regenwald die Landschaft. Der achte Halt ist die Grenzkontrolle zu Benin. Das Hotel in Natitingou übertrifft unsere Erwartungen. Wir versorgen den schwer verkühlten Rezeptionisten mit Mitteln aus der Reiseapotheke. Er revanchiert sich mit Papaya und Mango.

Der Norden Benins ist touristisch unberührt. Die Dörfer der Sombas erinnern an Afrika-Bilderbücher: Lehmbauten auf zwei Ebenen mit kegelförmigen Strohdächern. Fetische sollen das Böse abhalten. Wir sind willkommen, der Dorfälteste nimmt einen Obolus, alle freuen sich.

Wir begegnen einer Französin, die überrascht ist, erstmals Touristen in der Gegend zu sehen. Sie arbeitet an einem Agrarprojekt: „Hier hat keiner Hunger, das Problem ist die einseitige Ernährung mit Hirse und Ziegenmilch.“ Auch die nächsten Weißen, die wir treffen, sind Franzosen. Sie forschen im Bereich Bildung und erklären: „Die Analphabetenrate bei den Über-15-Jährigen liegt bei 63, bei Frauen gar 73 Prozent.“

 

 

In Dassa kehren wir unangemeldet im Königspalast ein. Der Hausherr sitzt auf einem Thron im Freien und freut sich sichtlich über den Besuch. Zur Begrüßung müssen wir uns niederknien, und der Monarch, der eine rein repräsentative Funktion hat, segnet uns mit einem Kuhschwanz.

 

Voodoo-Hochburg

Früher waren die lokalen Könige mächtig und grausam. Im Palast von Abomay, der ehemaligen Hauptstadt von Dahomey, steht der Thron auf menschlichen Schädeln. In dem ausladenden Lehmbau, der zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört, ist ein historisches Museum untergebracht.

Benin ist Hochburg des Voodoo-Glaubens. Fast alle Bewohner hängen dieser Ur-Religion an und nennen sich parallel dazu auch Christen oder Muslime. Die Kirchen – ob eine Kathedrale oder ein überdachter Sandplatz – sind übervoll. Die Messen werden meist in Französisch und einer der lokalen Sprachen gelesen und dauern Stunden. Es wird gesungen, getrommelt und geschäkert.

Treten jedoch ernsthafte Probleme auf, gehen die Einheimischen zum Voodoo-Meister. Er hält eine Zeremonie ab, und alles wird gut. Unsere kostet umgerechnet 50 Euro: für Opfergaben, drei lebende Hühner, eine Flasche Gin, mehrere Orangenlimonaden und Palmöl, sowie für das Honorar. Drei Gottheiten – mit einer Blut-Öl-Mischung bepinselt und Federn beklebt – werden angebetet, Orakel gedeutet. Helfer trommeln und singen dazu.

Unser Anliegen, wieder heil nach Hause zu kommen, wird erhört. Die einzige Panne haben wir, als der Fahrer zum Trocknen ausgelegte Fischernetze übersieht und sich die Räder unseres Autos darin verheddern.

Gegen die Schikanen der Polizei hilft der Voodoo-Zauber nicht. Mehrmals werden wir angehalten – angeblich nicht angegurtet oder nicht rechtzeitig geblinkt. Amadou zahlt immer ohne Widerrede.

Deutsches Erbe

Nach zehn Tagen erreichen wir die großen Atlantik-Städte Cotonou mit dem größten Markt des Landes und die neue Hauptstadt Benins, Porto-Novo. Dort findet man auch gute Restaurants und Cafés. Das kleine Hotel Grand Popo in französischem Besitz überrascht mit einem schönen Strand, allerdings sind die starken Ozeanströmungen gefährlich.

Togo war einmal auch eine deutsche Kolonie. In Lomé, der 1,7 Millionen Einwohner zählenden Hauptstadt, sind noch Relikte wie der Gouverneurspalast oder die stillgelegte Eisenbahntrasse zu sehen. An der Küste wurde ein einstiges Luxushotel der Deutschen in ein großes Lager für Flüchtlinge aus Côte d’Ivoire (Elfenbeinküste) umgewandelt. Sie sind Opfer des Bürgerkriegs von 2007. Gerade werden die Zuwendungen des UNHCR gekürzt, die Befreiung vom Schulgeld wird gestrichen. „Ich habe drei Kinder, das Geld reicht aber kaum für zwei“, klagt eine Mutter. Wir kommen wieder und bringen ihr Lebensmittel.

Für die geplanten Strandtage bleibt nach 14 Tagen und mehr als 3000 Kilometern keine Zeit. In Afrika gibt es einfach zu viel zu erleben, zu erfahren, zu erspüren – und das ist auch auf eigene Faust möglich.

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