Politik | Ausland
21.04.2018

Duell und Duett: Erstmals führen zwei Frauen Deutschland

Andrea Nahles und Angela Merkel führen die Traditionsparteien SPD und CDU. Wie sie es anlegen werden

Wenn Andrea Nahles am Sonntag zur ersten weiblichen Parteivorsitzenden in der 153-jährigen Geschichte der SPD gewählt wird und nun mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) die Regierungsparteien anführt, ist das ein historisches Novum in der Bundesrepublik: Erstmals stehen zwei Frauen an der Spitze des Landes.

Ob die Große Koalition funktioniert, hängt auch vom Zusammenspiel der beiden ab, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Laut und impulsiv gegen leise und nüchtern.

Was sie eint, ist ein Ziel: das mühsam zusammengezimmerte Bündnis der schwächelnden Volksparteien stabil zu halten.

Ihre Motive: Angela Merkel will ihren Abgang selbst bestimmen, und Nahles, die deren Nachfolge anstrebt, muss die SPD zusammenhalten und erneuern – dazu braucht es auch Erfolge in der Koalition. Sie werde ein Kraftzentrum außerhalb der Regierung bilden, kündigte ihr Generalsekretär an, also eine Art Gegenkanzlerin sein?

„Streitbarer Mensch“

Gegensätzlich verlief bereits ihr Aufstieg. Andrea Nahles, geboren 1970 in der Eifel als Tochter eines Maurermeisters, katholisch geprägt, gründete mit 18 einen Ortsverein in ihrer Heimatgemeinde bei Koblenz.

Mit 26 stand die Germanistikstudentin an der Spitze der SPD-Nachwuchsorganisation Jusos und beteiligte sich dann am Putsch mehrerer Partei-Größen (Rudolf Scharping, Gerhard Schröder).

Oskar Lafontaine nannte sie ein „Gottesgeschenk an die SPD“. Nach dem Sturz von Franz Müntefering gab die zur Generalsekretärin aufgestiegene Nahles zu: „Ich bin ein streitbarer Mensch.“

In ihren Zwanzigern hatte Merkel, evangelische Pastorentochter und Physikerin, eine Stelle am Zentralinstitut für Physikalische Chemie in Ost-Berlin. Erst mit 35 Jahren näherte sie sich der Politik, lernte das Handwerk in den Neunzigern im Schatten von Helmut Kohl.

Ihre Emanzipation vom CDU-Patron folgte via Gastbeitrag in der FAZ, nachdem er sich in einen Parteispendenskandal verstrickt hatte: Sie schrieb, dass der Langzeitkanzler der „Partei Schaden zugefügt“ habe. Sie müsse nun „laufen lernen, sich zutrauen, in Zukunft auch ohne (...) Helmut Kohl (...) den Kampf mit dem politischen Gegner aufnehmen“.

Ein mutiger Schritt von einer, die bisher kaum auffiel, und der sie zur „Nestbeschmutzerin“ machte.

In den Augen vieler Unionspolitiker war sie ohnehin nur „Übergangskandidatin“. Wie sie sich doch täuschen sollten.

Merkel entwickelte ein untrügliches Machtgespür, stach viele Rivalen aus oder servierte erfolglose Mitstreiter ab, seither hält sich das Narrativ von der „Männermörderin“.

Vielleicht liege es aber auch an den Männern selbst, denen so etwas passiere. „Sie sollten sich fragen, was sie falsch gemacht haben?“, stellt eine junge Konservative fest.

„...oder er killt dich“

Vielleicht denkt Martin Schulz manchmal darüber nach. Aus einem Gespräch mit Spiegel-Reporter Markus Feldenkirchen, der den Aufstieg und Fall des einst gehypten SPD-Vorsitzenden dokumentierte (Die Schulz-Story), ist dieser Satz überliefert: „Entweder du killst ihn, oder er killt dich.“

Gemeint war Außenminister Sigmar Gabriel, der Satz stammt von Nahles. Also griff Schulz nach dessen Amt, das ihm in den Augen vieler nach all den Schlenkern nicht zustand. Schulz trat zurück, Andrea Nahles übernahm. Doch die Rochade warf kein gutes Licht auf sie. Sie sei zu sehr in der Partei verästelt, stehe für keinen Neuanfang, unkte die Basis.

Diese Argumente wird sie auch am Parteitag hören, vielleicht sogar von ihrer Gegenkandidatin Simone Lange. Die Flensburger Bürgermeisterin gilt derzeit als Sprachrohr der Unzufriedenen, die den Erfolg der SPD in einem Linkskurs sehen.

Aber Nahles versteht es, Widerspenstige einzuhegen. Dass die SPD für Koalitionsgespräche stimmte, geht auf ihr verbales Inferno zurück. So viel Leidenschaft brachte ihr auch schon Häme ein, als sie im Bundestag das Pippi-Langstrumpf-Lied krähte oder als frisch gekürte Fraktionschefin der Union den Marsch blies („Jetzt gibt’s auf die Fresse“).

Sprüche, die undenkbar wären für die nüchterne Theoretikerin Merkel. In Höchstform neigt sie eher zu flapsigen Sätzen („Das war ein Knaller“).

Bei Problemen bleibt sie im Hintergrund, will als überparteilich gesehen werden und versucht, zu moderieren – was bei den Jamaika-Verhandlungen nicht klappte.

Und bei Konflikten? Den Feind zum Freund machen. So band Merkel ihren Widersacher Jens Spahn in die Kabinettsdisziplin ein: Er kann sich nun als Gesundheitsminister beweisen. Für internen Frieden musste sie seinen Vorgänger, den loyalen Hermann Gröhe, opfern. Dafür kürte Merkel mit Annegret Kramp-Karrenbauer eine ihrer engsten Vertrauten zur Generalsekretärin.

„Brücken bauen“

Nahles setzt wiederum auf Männer, die wie sie einst Juso-Vorsitzende waren. Ob Kevin Kühnert, der als Koalitionsgegner bei der Basis ebenfalls einen Hype entfachte, auch einmal in diese Riege kommt? Er soll eine Arbeitsgruppe leiten, bestätigt Generalsekretär Lars Klingbeil dem KURIER. Über welche, werde nach dem Parteitag entschieden.

Und auch Andrea Nahles arbeitet schon an ihrer neuen Rolle. Nach Merkels Regierungserklärung setzte sie in ihrer Rede deren Sprech fort („Wir wollen Brücken bauen“). Gleichzeitig fordert sie seit Tagen ein Machtwort von der Kanzlerin im Streit der Union mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron um dessen EU- Reformpläne.

Bei allen Differenzen – die Kanzlerin schätze Nahles, hört man. Als Arbeitsministerin habe sie bewiesen, dass sie nicht nur flott Sprüche klopft, sondern auch fleißig ist. Dafür gab es Unterstützung. Nur bei der Mindestrente für langjährig Versicherte stand Nahles alleine da – obwohl die Reform im Koalitionspakt stand.

So etwas dürfe nicht noch einmal passieren, ist man sich in der SPD einig. Generalsekretär Klingbeil: „Wenn sie ein Ziel erkennt, setzt sie viel durch, auch bei Widerstand des Koalitionspartners.“

Nun muss sie nur noch dem Widerstand in der eigenen Partei standhalten. Bei der SPD, die sich immer nach Lichtfiguren sehnt, löst Nahles am Sonntag jedenfalls sicher keinen Hype aus. Vielleicht bringt ihr aber genau das mehr Glück als ihren Vorgängern.