Politik | Ausland 02.02.2012

Die Revolution wird entsorgt

Entwicklungen in Ägypten sind ein Trauerspiel.

Manchmal verläuft die Geschichte unbarmherzig und gnadenlos. Da stellten sich vor einem Jahr junge Menschen auf dem Kairoer Tahrir-Platz mit dem Mute der Verzweiflung dem alten, verhassten Mubarak-Regime entgegen und schafften tatsächlich das scheinbar Unmögliche: Der Langzeit-Regent wurde in kurzer Zeit gestürzt. Der Traum der Revolution wurde wahr, schien es. Mitnichten. Dem sozial-romantischen Taumel folgte das böse Erwachen – in doppelter Hinsicht.

Zuerst bei den Parlamentswahlen. Die jungen Wilden spielten keine Rolle und gingen sang- und klanglos unter. Ihre Welt, die von Facebook und Twitter, ist eben nicht die der großen Mehrheit der Ägypter. Die kämpft täglich ums nackte Überleben – und wandte sich zu 75 Prozent islamischen oder gar radikal-islamischen Parteien zu. Frei nach dem Motto: Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan (indem er den ersten freien Urnengang ermöglichte), er kann gehen. Das ist zwar nicht fair, aber Dankbarkeit ist keine politische Kategorie.

Schlag gegen „Tahrir-Miliz“

Die blutigen Ereignisse im Stadion von Port Said können als nächster Schlag gegen die Demokratiebewegung gewertet werden. Denn egal, wer dahintersteckt, ob alte Mubarak-Cliquen oder der regierende Militärrat, der sich als Retter im Chaos präsentieren will, fest steht eines: Im Zentrum der Attacken standen die Mitglieder eines zugegebenermaßen nicht zimperlichen Fanklubs des Kairoer Fußballvereins Al-Ahli. Die „Ultras“ hatten sich auch politisch engagiert, sie waren, wenn man so will, die „Kampftruppe“ der Tahrir-Aktivisten, der nun die Schneid abgekauft werden sollte – die Sicherheitskräfte schauten (auf wessen Befehl?) weg.

Politisch geschlagen, „militärisch“ zunächst einmal aufgerieben, stehen die jungen Revolutionäre jetzt mit zwar hehren Idealen, aber leeren Händen da. Dass sie das Match um die Zukunft Ägyptens nochmals drehen können, scheint fast aussichtslos.

Umgekehrt: Es wurden schon andere Kaliber vom Feld geschossen.

( Kurier ) Erstellt am 02.02.2012