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Politik Ausland
11/22/2021

„Die Orangenbäume gibt es nicht mehr“ – Als Palästinenser in Jaffa zu Hause waren

Nadine Sayegh hat die Kindheit ihres Vaters in den 1940er-Jahren aufgeschrieben und will eine versunkene Welt zum Vorschein bringen

von Karoline Krause-Sandner

 Wer mit Arabern in Israel oder in der Region spricht, wird um das Wort „Nakba“ nicht herumkommen. Nakba, das heißt Katastrophe, Unglück. Und es ist bis heute Teil der Identität von Palästinensern innerhalb und außerhalb Israels. Etwa die Hälfte aller Einwohner Palästinas, rund 800.000 Menschen, sind zwischen 1947 und 1949 aus dem früheren britischen Mandatsgebiet Palästina vertrieben worden, Zehntausende getötet, bevor Israel dort gegründet wurde.

Einer war Nicolas Sayegh. Der arabische Christ verbrachte seine Kindheit mit seiner Familie zu dieser Zeit in Jaffa, heute Einzugsgebiet von Tel Aviv. Damals größte arabische Stadt in Palästina, bekannt für seinen Hafen und seine Orangenbäume. Sayegh ist heute 85 und lebt in Wien. Seine Tochter Nadine Sayegh hat seine Kindheit in ihrem neuen Roman „Orangen aus Jaffa“ niedergeschrieben.

Es gehe ihr nicht um Politik, sagt sie, es komme von Herzen, es sei ihr wichtig, eine „versunkene Welt“ zum Vorschein zu bringen, die ihr Vater noch kannte. „Orangen aus Jaffa“ ist die Geschichte des Vaters, aber gleichzeitig auch die Geschichte Palästinas. „Das Buch erzählt das bürgerliche Leben einer palästinensischen Familie im Jaffa der 1940er Jahre“, sagt die Autorin. Nicolas ist 11 Jahre alt. Immer wieder kommt er in Schwierigkeiten. „Klar“, meint der politisch sensibilisierte Leser, „ein Palästinenserkind in Jaffa, das birgt in sich schon viele Schwierigkeiten“. Man denkt an Checkpoints, Mauern, Kontrollen durch israelische Sicherheitskräfte, Radikalisierung. Doch das ist die Gegenwart. Die Vergangenheit in Jaffa sah sehr anders aus: Da ging es um heimliche Kinobesuche, unerlaubte Cowboyausritte auf Eseln, Nachbar Orangen klauen und Schabernack in der Schule.

Gute Nacht-Geschichten

Nadine Sayegh kennt diese Welt aus den Gute-Nacht-Geschichten des Vaters. In der Ich-Form aus dessen Sicht lässt sie den Leser eintauchen in sein – bis auf kleine Konflikte mit Gleichaltrigen – weitgehend sorgenfreies Leben in einer blühenden Stadt, mit blühenden Orangenbäumen. „Niemand spricht davon“, ärgert sie sich. „Es geht immer nur um den Konflikt.“

Sayegh ist in Beirut geboren, in Wien aufgewachsen. Das Land, in dem ihr Vater Nicolas aufgewachsen ist, gibt es nicht mehr. Als die erwachsene Tochter später mit ihm dort hingefahren ist, war wenig, wie es damals war. „Ein Hologramm“, nannte es ihr Vater, „ein anderes Jaffa“. In dem Elternhaus wohnt jetzt eine andere Familie. „Vieles schaut anders aus“, sagt Nadine Sayegh. „Die Orangenbäume gibt es nicht mehr.“

Sayegh wollte „die Erinnerung an eine Welt erhalten, die nicht mehr existiert“. Ihre Kinder, sagt die dreifache Mutter, sollen sich nicht unwohl fühlen mit ihrer Herkunft, so wie sie selbst das lange tat. Sie sollen stolz sagen können, Palästinenser zu sein. Und nicht automatisch „mit Sprengstoffgürtel und Stein“ in Verbindung gebracht werden.

Eine jüdische Bekannte von Sayegh will jetzt eine hebräische Übersetzung des Buches erwirken.

Karoline Krause-Sandner

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