Politik | Ausland
26.11.2018

Die letzte Hoffnung ist die Brexit-Langeweile

May startet Kampagne. Premierministerin will Pro- und Anti-Europäer für sich gewinnen, viele haben genug von der Debatte

BOB heißt das neue durch die sozialen Medien irrlichternde Lieblingskürzel der ohnehin Kürzel-verliebten Briten: „Bored of Brexit“ („vom Brexit gelangweilt“) hat es im Eiltempo auch in die Kommentarspalten renommierter Medien geschafft. Dort ist man sich einig, dass die am Sonntag erzielte Einigung mit der EU eine Formalität war und die richtige Schlacht erst jetzt beginnt. Am 12. Dezember wird die Abstimmung im Londoner Unterhaus über den Brexit-Deal von Theresa May erwartet. Galt das Nein bisher als beschlossene Sache, gibt man jetzt der Premierministerin erstmals sogar eine Chance. Der Grund: Nach zwei Jahren durchgehender politischer Schlammschlacht haben die Briten schlicht genug von dem Thema.

 

„Schluss damit“

Das Grundgefühl „lasst uns endlich weitermachen“ („let’s get on with it“) schlägt sich inzwischen sogar schon in den Meinungsumfragen nieder. In einer aktuellen Umfrage meinten 60 Prozent der Befragten: Es sei ihnen egal, wie und wann man die EU verlasse, Hauptsache es sei endlich erledigt. Und dieses Grundgefühl hat sowohl EU-Befürworter erfasst, die lieber in der Union bleiben wollen, als auch die Anhänger eines kompromisslosen EU-Austritts. Die haben sogar schon zu 75 Prozent genug von der ganzen Sache.

Etwas mehr als zwei Wochen sind es noch bis zur Abstimmung – und die verbringt die Premierminister in einer an Wahlkampf-Zeiten erinnernden Tournee durch das Land. Ihre Botschaft machte sie am Wochenende deutlich: „Die Briten wollen nicht mehr Zeit damit vergeuden, über den Brexit zu streiten.“

 

Zwischen einem Dutzend Auftritte packt May noch eine TV-Debatte mit dem Chef der Labour-Opposition Jeremy Corbyn. Beide haben in ein solches Duell inzwischen eingewilligt.

Doch auch wenn sowohl die Premierministerin als auch ihr Herausforderer versuchen, das Land und die Menschen für sich zu gewinnen, die jetzt anstehende Entscheidung trifft das Parlament. Dort aber scheint es zumindest möglich, eine Mehrheit für den Brexit-Deal zusammenzukratzen.

Zwei Gründe sind dafür ausschlaggebend. Erstens ist auch kein anderer Ausweg aus dem Chaos in Sichtweite, der eine solche Mehrheit erzielen könnte. Jene, die in der EU bleiben wollen und auf eine zweite Volksabstimmung drängen, sind in Mays konservativer Regierungspartei ebenso vertreten wie in der Labour-Opposition.

Im Ernstfall stellt man sich doch lieber hinter die eigene Parteiführung. So haben etwa Vertreter der britischen Industrie – bisher die stärkste Stimme für den Verbleib in der EU – signalisiert, sich mit dem Deal abzufinden. Man wolle endlich Sicherheit, um zukünftige Geschäfte planen zu können. Auch in den Regionen in Südengland, denen nach einem harten Brexit ein Lkw-Verkehrschaos drohen würde, freunden sich Abgeordnete inzwischen mit dem ungeliebten Deal an. Die politische Kehrtwende und der Verbleib in der EU erscheint ihnen derzeit zu weit entfernt.