Politik | Ausland
05.11.2018

"Die gute alte Zeit" - Nostalgie spielt Populisten in die Hände

Zwei Drittel der Europäer sehen laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung die Vergangenheit positiver als die Gegenwart.

Früher war alles besser: Dieser Meinung sind immerhin zwei Drittel der Europäer. Besonders nostalgisch empfinden dabei die Italiener (77 Prozent). Auffallend ist: Nostalgisch eingestellte Europäer sehen sich selbst häufiger rechts der politischen Mitte als die Nicht-Nostalgiker. Sie äußern sich außerdem meist deutlich kritischer gegenüber Einwanderung. Das sind die Ergebnisse der jüngsten Umfragereihe „eupinions“, mit der die deutsche  Bertelsmann Stiftung europaweit Bürger befragt.

Ein wenig überraschendes Ergebnis der Studie zeigt auch: Je älter die Befragten, desto eher erfreuen sie sich "der guten alten Zeit". Jugendliche unter 25 sind am wenigsten empfänglich für nostalgische Gefühle (52 Prozent), während es bei den 56- bis 65-Jährigen über zwei Drittel der Befragten sind (70 Prozent). Über alle Altersgruppen hinweg sehen Frauen (47 Prozent) die Vergangenheit seltener durch eine rosa Brille als Männer (53). 

„Nostalgie ist auch ein Indiz für ein hohes Maß an Verunsicherung in der Gesellschaft“, sagt  Isabell Hoffmann, Europaexpertin der Bertelsmann Stiftung und Mitautorin der Studie. "Nostalgie ist nichts Negatives, aber im politischen  Rahmen kann sie negative Effekte haben, wenn sie zur negativen Mobilisierung genutzt wird"; führt Hoffmann gegenüber dem KURIER aus. "Diese Stimmungslage kann man nicht weg diskutieren. Man muss nur als Politik der Mitte Wege finden, damit umzugehen."

Derzeit aber machten sich Parteien die Nostalgie zunutze, die mit Referenzen an die Vergangenheit, Verunsicherung und Ängste bei den Wählern schüren möchten: „Der Blick in die USA und Großbritannien zeigt, dass interessanterweise gerade jene, die eine Rückkehr zu alter Größe und Stabilität versprechen, bisher vor allem Unruhe und Auseinandersetzungen ausgelöst haben“, so Hoffmann.

Skepsis gegenüber Einwanderung bei Nostalgikern

Klar zeigt sich auch bei den Anhängern der vermeintlich besseren Vergangenheit: Sie sind kritischer gegenüber der EU und deutlich ablehnend gegenüber Einwanderung. Die Mehrheit der Nostalgiker (53 Prozent) ist überzeugt, dass Migranten den Einheimischen „Jobs wegnehmen“ und nur 45 Prozent von Ihnen sind überzeugt, dass „Einwanderung gut für die Wirtschaft ist. 

Bei Nicht-Nostalgikern fällt das Ergebnis genau umgekehrt aus: Nur eine Minderheit  von 30 Prozent geht davon aus, dass durch Zuwanderung Jobs für Einheimische verloren gehen, und die große Mehrheit (63 Prozent) ist der Meinung, dass Einwanderung grundsätzlich gut für die Wirtschaft sei.

"Sie halten an der EU fest"

Beim Thema Europäischen Union treffen sich die Einstellungen der beiden Lager. "Hier sieht man, dass europapolitische Themen bei weitem nicht das Agitationspotenzial haben, wie es in der öffentlichen Debatte den Anschein hat"; sagt Isabell Hoffmann. "Die Leute halten an der EU fest. Sie sind massiv für die EU, sehen aber, dass es derzeit nicht so gut läuft." Eine deutliche Mehrheit der Befragten, unabhängig von Nostalgieneigungen, wünscht sich demnach mehr politische und ökonomische Integration, aber auch eine aktivere Rolle der EU auf der Weltbühne.

Am stärksten unterscheiden sich die Werte für einen Verbleib des eigenen Landes in der EU: 82 Prozent der Nicht-Nostalgiker unterstützen die EU-Mitgliedschaft ihres Landes. Bei den Nostalgikern sind es auch noch 67 Prozent.

Die Befragung ist mit 10.885 Befragten repräsentativ für die EU und die fünf größten Mitgliedstaaten: Deutschland, Frankreich, Italien, Polen und Spanien. In Österreich wurde nicht befragt. Die Studie finden Sie unter www.eupinions.eu