Politik | Ausland
22.02.2018

Die Empathielosigkeit des Donald Trump

Seine Forderung, Lehrer zu bewaffnen, stößt auf Unverständnis und Entsetzen.

Justin Gruber hat sich herausgeputzt, weißes Hemd, schwarzes Sakko, weinrote Krawatte. Vor wenigen Tagen musste er durchmachen, was ihn noch auf Jahre nicht loslassen wird: Er war im Klassenzimmer, als einer seiner Schulkollegen auf der Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland, Florida, 17 seiner Mitschüler tötete. Jetzt sitzt er im Weißen Haus neben seinem Präsidenten, der in den vergangenen Tagen auf Twitter gegen das FBI, seinen Justizminister Jeff Sessions, seinen Vorgänger Barack Obama wetterte, aber kaum ein Wort über das Massaker von Parkland fand. Was er sagt, schockiert: "Ich bin in einer Welt aufgewachsen, in der ich Sicherheit und Frieden nie gekannt habe. Wir brauchen eine grundlegende Veränderung in diesem Land. Das darf nicht mehr passieren. Wir müssen uns sicher fühlen können in unseren Schulen."

"Meine Tochter sehe ich nur noch am Friedhof"

Aber: Er lebt. "Meine Tochter ist nicht hier", sagt Andrew Pollack, er trägt einen Stars&Stripes-Pin an seinem Revers. "Sie ist am King-David-Friedhof in Fort Lauderdale. Dort sehe ich jetzt meine Tochter." Es sind emotionale Szenen; die Trauer und Wut, die im Raum liegt, ist schwer zu ertragen. Dem Präsidenten scheint Empathie allerdings eher fern: Während des Treffens schlug er vor, mehr Waffen an Schulen zu bringen, Lehrer an Waffen zu schulen und sie im Klassenzimmer zu bewaffnen. "Wenn es einen Lehrer gegeben hätte, der sich mit Feuerwaffen ausgekannt hätte - dies hätte sehr gut dazu führen können, den Angriff sehr schnell zu beenden", sagte Trump inmitten der Schüler. "Dies wäre natürlich nur etwas für Leute, die sehr geschickt im Umgang mit Waffen sind", fügte er hinzu. Entsprechende Lehrer sollten die Waffen versteckt tragen. Etwa 20 Prozent der Lehrer kämen für ein solches Waffentraining infrage, sagte Trump.

"I hear you"

Dabei waren Trumps Mitarbeiter vorgewarnt und vorbereitet: Ein Fotograf hat Trumps Spickzettel für das Treffen mit den Überlebenden abfotografiert, fünf Punkte sind darauf vermerkt. Der erste Punkt: "Was würdet ihr mich gerne wissen lassen von dem, was ihr erlebt habt?" Wirklich entwaffnend ist der fünfte und letzte Punkt des Spickzettels: "I hear you", im Grunde: "Ich höre euch zu. Ich verstehe, was ihr mir sagt" - was eben sonst jeder automatisch sagen würde, der Überlebende eines traumatischen Ereignisses zuhört. Wer Trump die fünf Punkte aufgeschrieben hat, ist nicht bekannt.

Sheriff kritisiert TrumpBei einer Podiumsdiskussion in Florida erntete Trump Kritik für seinen Vorstoß. "Ich denke nicht, dass Lehrer bewaffnet werden sollten. Lehrer sollten unterrichten", sagte der für Parkland zuständige Sheriff Scott Israel. Auch eine Lehrerin, die das Massaker überlebt hatte, äußerte ihr Unverständnis. "Soll ich nun auch noch ausgebildet werden, um die Schüler nicht nur zu unterrichten, sondern auch zu beschützen?", fragte Ashley Kurth. "Soll ich eine Schutzweste tragen? Soll ich die Waffe am Bein tragen oder in meinem Schreibtisch verstauen?"

Auch strengere Kontrollen geplant

Versuche, das Waffenrecht einzuschränken, stoßen in den USA immer wieder auf breiten Widerstand. Das Repräsentantenhaus von Florida stimmte am Dienstag mit großer Mehrheit gegen ein Verbot von Sturmwaffen und große Magazine. In der Sitzung, die mit einem Gebet für die Opfer von Parkland begann, stimmten 71 Abgeordnete gegen ein Verbot und 36 dafür. Trump erklärte bei dem Treffen im Weißen Haus, es gebe "viele Ideen" für eine Reaktion auf die Bluttat an der Marjory Stoneman Douglas High School. Bei dem Massaker hatte ein 19 Jahre alter ehemaliger Schüler 17 Menschen erschossen.

Unter Druck

"Ich kann hier sein, viele andere meiner Klassenkameraden nicht, das bringt einen einfach um den Verstand", sagte Schülerin Julie Cordover, die das Massaker in Florida überlebte. "Kein Kind soll so etwas durchmachen müssen", sagte ihr Schulkamerad Matthew Blank. "Ich möchte einfach darum bitten, dass sich nun etwas ändert", sagte seine Mutter Melissa.

Trump steht nach den Toten von Parkland unter einigem Druck. Auf der anderen Seite ist seiner Anhängerschaft und sehr vielen Republikanern das Thema Waffen heilig. Sämtliche Vorschläge, die Trump in der emotional aufgeladenen Atmosphäre nach dem jüngsten Massaker nun genannt hat, müssten im Jahr der Kongresswahl durch Senat und Repräsentantenhaus. Das ist nicht sehr wahrscheinlich.

Protestierende Schüler

Am Mittwoch waren in Washington mehrere Hundert protestierende Schüler vom Kapitol vor das Weiße Haus gezogen. Auch in Florida gingen Hunderte auf die Straße. Sie sagten, sie wollten in ihrem Kampf für ein strengeres Waffenrecht nicht nachlassen.