Politik | Ausland
21.08.2017

Angela, die Alternativlose? Woran Merkel noch scheitern kann

Der Vorsprung ist groß, der Gegner wirkt lahm. Doch fix ist nichts: Auf Merkel warten noch viele Stolpersteine.

Nein, siegesgewiss ist hier niemand. "Ich möchte wieder Bundeskanzlerin sein", sagt Angela Merkel, irgendwie wirkt sie dabei fast demütig. Sie mache "Angebote", möchte "besser werden", sagt sie; und: Man werde sehen, "was die Wahl bringt".

Wie sich die deutsche Kanzlerin jetzt auf RTL und Bild.de gezeigt hat, wirkt wie ein Widerspruch. Liegt ihre CDU nicht 15 Prozentpunkte vor SPD, strampelt sich Martin Schulz nicht ab, ohne dass ihm etwas gelingt? Und ist nicht schon klar, dass Merkel weitere vier Jahre an ihre zwölf dranhängen wird?

Vorsicht in der CDU

Nun ja, so einfach ist das nicht. Genau dieser Vorsprung lässt Merkel und ihr Team nämlich zweifeln: Zwar weiß man, dass der deutsche Wähler gern strukturkonservativ wählt – Deutschland hatte seit 1945 sieben Regierungschefs, Österreich 13, das spricht Bände –, doch man ist lieber vorsichtig. Merkel lag ja schon einmal in Umfragen weit vorne und verlor dann fast; 2005, als Gerhard Schröder sie beinahe ihren Sieg kostete. Jetzt ist die Ausgangslage ähnlich, ein Scheitern ebenso denkbar.

Worüber Merkel stolpern könnte? Da ist die Furcht, dass die SPD noch ein Thema findet, das zündet – bisher gelang ihr das weder mit dem Fokus auf soziale Gerechtigkeit noch mit Angriffen auf die CDU-Rüstungspläne; ausgeschlossen ist das aber nicht. Dazu kommt die Angst, der CDU könnte ein Lapsus unterlaufen wie der SPD mit Schröder: Ein Skandal, wie er ihn mit seinem Rosneft-Job lieferte, würde Merkel ins Straucheln bringen. Nicht umsonst versucht die SPD, Belastendes über den Gegner zu finden: Dass Merkel Angestellte des Kanzleramts per Minijob im Wahlkampf beschäftigt, riecht für die Genossen reichlich verboten; sie lässt das nun prüfen.

Für die CDU scheint das noch ungefährlich, sie hat sich zuvor juristisch abgesichert. Problematischer wird es aber bei Dingen, die Merkel nicht in der Hand hat – wie die AirBerlin-Pleite: Die hat sie zwar mit dem 150-Millionen-Kredit bis über die Wahl hinaus vertagt, doch wie Brüssel und die Wettbewerbsbehörde das sehen, muss sich erst weisen. Ähnlich unsicher ist die Lage beim Dieselskandal, der Merkel ja schon eine Delle in ihrer Beliebtheitskurve bescherte: Ist sie in den kommenden Wochen dabei zu lax, wird der Wähler ihr das nachtragen.

Amtsinhaber-Malus

Noch schwieriger wird es, wenn sich einAttentat wie in Barcelona in Deutschland wiederholt – da käme dann der Amtsinhaber-Malus zum Tragen. Den könnte sie auch in ihrem einzigenTV-Duellspüren. Die direkte Konfrontation ist nicht Merkels Stärke; und im Zweifel hat der Amtsinhaber mehr zu verlieren als der Gegner. Dass sie zwar in 50 Städten wahlkämpft, aber nur ein direktes Duell erlaubt, ist darum mehr als verständlich – schließlich lebt in der SPD die Hoffnung, das Duell könnte Schulz’ letzte Chance sein. Ihm hat man bisher auch mehr Redetalent undBürgernähe attestiert als ihr.

Dass das nur mehr bedingt stimmt, hat Merkel selbst bewiesen. Bei ihren jüngsten Auftritten gab sie die "Kanzlerin zum Angreifen" – als eine Alleinerzieherin sie auf RTL mit ihren Problemen konfrontierte, setzte sich Merkel kurzerhand zu ihr ins Publikum – das funktionierte. Dass sie sich daneben demütig gab, gefiel ebenso: Dass man mit zu viel Siegesgewissheit keine Siege einfährt, ist Merkel bewusst – und ist für offenbar ein guter Weg zum Erfolg.