Politik | Ausland
08.08.2017

Mit Nichtstun ins Umfragehoch: Wie Merkel Schulz ausbremst

Schulz rackert im Wahlkampf, Merkel ist im Urlaub – und gewinnt dennoch hinzu. Ihre "Sie kennen mich"-Taktik geht auf.

Ein Termin nach dem anderen, Händeschütteln da, Schulterklopfen dort. Martin Schulz macht Wahlkampf, wie man Wahlkampf macht, er tourt, redet, arbeitet.

Und Angela Merkel? Die ist im Urlaub. Zuerst in Bayreuth, dann in Südtirol, zuletzt in Salzburg; der Wahlkampf liegt da in weiter Ferne. Der VW-Skandal? Scheint sie nicht zu tangieren. Der Dieselgipfel? Ist bei ihren Mitarbeitern gut aufgehoben.

Enttäuscht von Schulz

Man würde meinen, die Effekte seien klar: Der, der arbeitet, gewinnt; die, die sich ausruht, verliert. Doch sieht man sich die jüngsten Umfragen an, verhält es sich genau andersrum: Laut dem Institut Yougov scheint es der deutschen Kanzlerin sogar zu helfen, wenn sie nichts tut – ihre Zustimmungswerte sind in den vergangenen Wochen gestiegen.

42 Prozent der Wähler würden sie jetzt direkt wählen, Schulz hingegen ist auf den tiefsten Wert seit Amtsantritt abgesackt, bei ihm sind es nur mehr 22 Prozent. Selbst die Anhänger der eigenen Partei sind nicht mehr überzeugt: Die Mehrzahl der Wähler ist von ihm "gelangweilt" und "enttäuscht".

In der Gabriel-Zone

Sieben Wochen vor der Wahl ist die SPD mit ihrem einstigen "Messias" wieder da, wo sie mit Sigmar Gabriel war; denroten VW-Skandal in Niedersachsennoch gar nicht eingerechnet. Dass Schulz das an die Nieren geht, ist allzu verständlich: Am Montagabend sprach er bei einer Veranstaltung erstmals offen davon, dass er die Wahl möglicherweise nicht gewinnen wird. "Mittlerweile weiß auch der Letzte im Land: Ich kann nicht über Wasser laufen", sagte er da etwas resigniert. Dennoch denke er im Fall der Niederlage nicht an Rücktritt. "Es wäre doch unlogisch, dieses Mandat nicht anzunehmen", sagte er.

Das klingt nicht nur selbstbeschädigend, sondern ist es vermutlich auch – und zeigt den Grad der Verzweiflung. Denn was auch immer Schulz angreift, scheint ihm zu misslingen. Nicht nur, dass ihm strategische Fehler unterliefen – zu oft war er zu wenig präsent, zu wenig konkret –, und dass sein Team durch den krankheitsbedingten Ausfall seines Vertrauten Markus Engels geschwächt ist – auch seine geschickten Schachzüge tragen keine Früchte. Dass er Merkel kürzlich zur Abstimmung über die "Ehe für alle" zwang, nutzte eher ihr als ihm. "Obwohl sie selbst dagegen stimmte, führte ihre Politik zu einem Ergebnis, das SPD- und Grünen-Wähler befürworten", sagt Peter Mannott von Yougov – die vertrauen ihr nun deutlich mehr als zuvor.

"Weiter so" funktioniert

Sie attestieren ihr laut der Umfrage nun sogar Gefühle wie "warm", "fröhlich" oder "erleichtert" – Worte, die das Herz von Merkels Leuten höher schlagen lassen. Denn genau so will man sie inszenieren. Wenn sie im selben beigen Outfit wie vergangenes Jahr durch dieselben Berge wie immer wandert, wenn sie mit Ehemann Joachim die Salzburger Festspiele im selben Kleid besucht, das sie schon vor 23 Jahren trug, soll das eines vermitteln: Die Kanzlerin ist unprätentiös, vertrauenswürdig, unumstößlich. Bei ihr weiß man, was man hat, lautet die Botschaft – das also, was ihre Kritiker ihr "Weiter so" nennen.

Zweitbesetzung Schulz

Freilich: Dass diese Strategie aufgeht, war selbst der CDU lang nicht klar. Angesichts der Nachwehen der Flüchtlingskrise und des Schulz-Hypes schien eine Neuauflage des 2013er-Wahlkampfes undenkbar; damals holte Merkel unter dem Motto "Sie kennen mich" 41,5 Prozent.

Jetzt, da die Welt mit Donald Trump umgehen muss, profitiert Merkel natürlich von ihrem "Fels in der Brandung"-Image, da fällt auch nicht ins Gewicht, dass die CDU kaum Inhaltliches präsentiert hat. Auch, dass die Wirtschaftsdaten besser sind als damals, scheint ihr "Weiter so" für den Wähler interessant zu machen. Das ist es auch, was Schulz letztlich ausbremst. Seine Politik ist von ihrer schwer zu unterscheiden, ihr Angebot an den Wähler aber vertrauter. Und dass er ihr auch im Auftreten ähnelt, staatstragend und bescheiden ist, macht es noch schwieriger. Selbst die linke taz urteilte da kürzlich, er wirke wie die "zweite Besetzung, weil die Hauptdarstellerin keine Zeit hat". Das schmerzt.