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29.08.2017

Freilassing: Grenzerfahrung im Grenzort

Die bayerische Grenzstadt galt als Nadelöhr: Viele zogen 2015 durch, wenige sind geblieben – ein Lokalaugenschein.

Die Bilder könnten nicht unterschiedlicher sein: Wo im September 2015 tausende Menschen über die Saalachbrücke von Österreich nach Deutschland zogen, weder Zug noch Auto fahren konnten, rollt heute wieder der Verkehr. Nur Bundespolizisten halten ihn sporadisch an. Auch am Bahnhof im bayerischen Freilassing wird kontrolliert.

Vor knapp zwei Jahren herrschte hier Ausnahmezustand. Bettina, Reisebürokauffrau, die in Salzburg arbeitet, kann sich noch gut erinnern. Über Wochen hinweg brauchte sie für die fünf Kilometer-Strecke fast eineinhalb Stunden hin- und retour. Der Anblick der Menschen hat viel in ihr ausgelöst: "Ich bin im Auto gesessen und musste heulen, das war so fuchtbar." In den vergangenen Jahren hat sie alles miterlebt: Die Not der Flüchtlinge, die Angst der Einheimischen und den Mut der Helfer, die nachts in die Wälder gingen, um den Menschen Essen zu bringen. "Es war schon eine tolle Stimmung" – alle wollten helfen, sagt die Frau mit den blonden, kurzen Haaren. Sie hält inne, wirkt nachdenklich. Jetzt sei die Enttäuschung auf vielen Seiten groß: Helfer, die sich nach der Erstversorgung um die Integration der Flüchtlinge bemühten, müssen zusehen, wie Menschen abgeschoben werden – "das ist unmenschlich, für beide Seiten", sagt sie und schüttelt den Kopf.

Bettina spricht aus eigener Erfahrung. Sie hat einem Afghanen beim Deutsch lernen geholfen: "Er hat so viele Fortschritte gemacht, sogar ein Praktikum absolviert. Wir haben doch genug Arbeit hier? Ich verstehe das nicht...Die Menschen bemühen sich und müssen nach zwei Jahren wieder weg?" Nachsatz: "Ich weiß nicht, ob das mit der Willkommens-Kultur so eine gute Idee war. Wir haben sie willkommen geheißen und schieben sie wieder ab."

Mehr Abschiebungen

Seit Beginn der Flüchtlingskrise hat sich die rechtliche Situation in Deutschland stark verändert: Abschiebungen werden forciert, die Balkanstaaten als sichere Herkunftsstaaten eingestuft. In Freilassing leben derzeit 160 Menschen mit unterschiedlichem Status, berichtet Quartiermanager Michael Schweiger.

Ein Kreis von etwa 20 Menschen kümmert sich aktiv um sie, hilft beim Deutsch lernen, etwa im Sprachcafé Lingua. Erfolgsbeispiele gibt es viele: Amar aus Syrien, der im Reformladen neben der Kassa auch elektrotechnische Arbeiten übernimmt. Oder Razeq aus Afghanistan, der auf eigene Faust Arbeit suchte und sie in einem KFZ-Betrieb fand.

Was sie alle eint: Sie sprechen sehr gut Deutsch. Der Schlüssel zu allem sei eben die Sprache, sagt Claudia, eine Helferin aus Freilassing: "Ohne Deutsch gibt es keine Arbeit und damit keine Wohnung." Sie sieht sich als eine Art Fürsprecherin der Menschen und hilft ihnen eine Wohnung zu finden: "Manche Vermieter sind ängstlich und skeptisch, das verstehe ich auch." Unglaublich sei es, wie sehr sich manche Flüchtlinge bemühen, erzählt sie. Vor allem "ihre Gruppe" aus Eritrea tut alles, um sich einzuleben. "Am Palmsonntag waren sie sogar mit uns in der Kirche – das sorgte für erstaunte Blicke", erinnert sie sich und lacht. "Der Eritreer meinte: Gemeinsam beten ist etwas Schönes. Das hat mich sehr berührt."

Für Claudia waren nicht nur die Einzel-Schicksale der Menschen Grund, um zu helfen. Sie wollte etwas für den Ort tun. "Für mich stellte sich die Frage: Wie soll Freilassing das schaffen? Es sind viele Männer gekommen, sie brauchen Arbeit, damit sie keine frustrierten Arbeitslosenempfänger werden."

Natürlich gebe es Fälle, wo es nicht funktioniert. Besonders tragisch sei es, wenn sich Einzelpersonen etwas zu Schulden kommen ließen und dann alle über einen Kamm geschert würden, sagt die Fotografin Gisela, die sich ebenfalls engagiert. "Das macht alle Bemühungen zunichte."

Um den Menschen Sicherheit zu vermitteln, werde regelmäßig kontrolliert, auch die Bundespolizei trete verstärkt auf, die Bürger nehmen das aber positiv auf, sagt Bürgermeister Josef Flatscher (CSU): "Lieber einen Polizisten mehr, als einen zu wenig". Es sei ein Ausnahmezustand gewesen, "wenn einmal 160.000 Menschen durch eine 16.000-Einwohner-Stadt gehen", sagt er heute. Für Freilassing hatte dies - und besonders die Kontrollen - auch wirtschaftliche Folgen: Die Einkäufer aus Salzburg blieben aus – nur langsam erhole man sich davon. An den Grenzkontrollen will Flatscher aber weiter festhalten: "Solange die EU-Außengrenzen nicht sicher sind." In puncto Integration sei er zufrieden - "die Dinge laufen gut, wenn ich in der Fußgängerzone gehe und mit den Leuten rede, dann ist das kein Thema mehr."

Vereinswesen hilft

Dass die Stimmung in der Bevölkerung nicht kippte, dafür sorgten vor allem die Helfer – sowie die Vereine. Khidane, 31 Jahre, ist gerade auf dem Weg zum Fußballplatz. Der Eritreer spielt im Mittelfeld beim örtlichen Verein – und hat dort Anschluss gefunden. Er hofft, dass es ihm dies auch beruflich gelingt. Er möchte eine Ausbildung zum Altenbetreuer machen. "Ich will anderen Menschen helfen", sagt er und drückt den Ball an sich.
Auch Ibrahim will etwas zurückgeben. Der 17-Jährige hat eine zweite Familie gefunden. Ein evangelisches Ehepaar mit vier Kindern hat ihn aufgenommen. Das sei das größte Glück für ihn, sagt er in nahezu perfektem Deutsch: "Ich sehe sie als Mama und Papa, sie mich als Sohn." Seine Familie in Afghanistan musste er verlassen. Taliban rekrutieren in seinem Dorf Kinder ab 10 Jahren - und lassen ihnen keine Wahl. Mit elf Jahren floh Ibrahim daher zu seinem Onkel nach Pakistan, der sein Grundstück verkaufte, um den Buben nach Europa zu schicken. Monatelang waren sie unterwegs, berichtet Ibrahim, der zu den Jüngsten gehörte. 28 Stunden mussten sie einmal zu Fuß gegangen - ohne Essen oder Trinken. In der Türkei war vorerst Schluss. Ibrahim, keine 14 Jahre alt, hatte kein Geld mehr. Der Schlepper verschaffte ihm Arbeit in einer Textilfabrik, wo er schuftete und schlief. Als er seinen Lohn wollte, musste er gehen. Erst durch einen Cousin seines Vaters kam er vor zwei Jahren nach Deutschland.

Heute ist er Klassensprecher in der Berufsschule und macht eine Ausbildung zum Krankenpfleger. Im Sprachcafe hat er auch seine Freundin kennengelernt, seit eineinhalb Jahren sind sie nun ein Paar, gehen ins Kino, fahren auf Urlaub. Was Ibrahim gelungen ist, würden sich viele wünschen - es sei alles eine Sache der Einstellung und Motivation, sagt der 17-Jährige: "Es kommt darauf an, wie du auf die Leute zugehst, ist man interessiert, dann öffnen sich auch die anderen für dich."