Politik | Ausland | Deutschland hat die Wahl
24.09.2017

"Wenn die einen hätten wie Haider ..."

Riesenjubel bei der Feier im Nachtclub Traffic, Entsetzen bei den Demonstranten vor der Tür.

"Deutschland, Deutschland über alles", skandieren die Anhänger der AfD nur wenige Sekunden, nachdem die ersten Prognosen zum Wahlausgang über die TV-Schirme gelaufen sind. Es ist die erste, offiziell nie gesungene Strophe der deutschen Bundeshymne (gesungen wird heute die unter den Nazis verbotene dritte). Mit gut 13 Prozent zieht die AfD erstmals in den Bundestag ein.

Die Partei hat Anhänger und Journalisten in den Berliner Nachtclub Traffic unweit des Alexanderplatzes zur Wahlparty geladen. Während drinnen gejubelt wird, sammeln sich draußen die ersten Demonstranten. Spitzenkandidat Alexander Gauland setzt kurz nach 18 Uhr zur ersten Rede an. Er kündigt unter großem Jubel an, dass man "Merkel in der Regierung jagen wird" und sich "jetzt die Heimat und das Volk wieder zurückholen" werde.

Ein ältere Herr, der sich einfaches AFD-Mitglied nennt, spricht von einer neuen Ära in Deutschland, die jetzt beginne. Früher habe er die FDP gewählt, erklärt er, aber die Flüchtlingswelle habe ihn zum AfD-Mitglied werden lassen. Dass die Partei rechtsnationales Gedankengut transportiere, störe ihn dabei weniger. "Rechts und national, das passt doch wunderbar zusammen."

"Eine Schande"

Draußen vor dem Club protestieren unterdessen unter großem Polizeiaufgebot rund 300 bis 400 Demonstranten. "Nazis raus", hört man immer wieder. "Es ist eine Schande", sagt ein älterer aufgebrachter Herr. "Die Regierung hat nicht verstanden, was die Leute im Land wirklich bewegt." – "Merkel hat das Flüchtlingsthema komplett ausgeblendet, sie ist mitverantwortlich für den Aufstieg der AfD", mischt sich ein junger Student ein.

Dass künftig mehr als 80 rechtsnationale Abgeordnete, darunter ihr Spitzenkandidat Gauland, der die "Leistungen deutscher Soldaten" im Ersten und Zweiten Weltkrieg lobte, im Bundestag sitzen, betrachten Beobachter für das geschichtlich vorbelastete Deutschland als einen politischen Supergau. "Auch wir in Frankreich haben seit Jahren die extreme Rechte mit Le Pen, aber Deutschland war und ist ein spezieller Fall. Das ist ein Tabubruch", analysiert der Korrespondent eines französischen TV-Senders.

Wie sich die politische Arbeit im Bundestag mit der AfD künftig zeigen wird, können sich die Demonstranten am Alexanderplatz kaum vorstellen. "Sie werden sich im Bundestag in ihrer Schmuddelecke einrichten und Radikalopposition betreiben", befürchtet eine junge Ostberlinerin, die nicht verhehlt, die Linken gewählt zu haben.

Diskoklänge

Kurz vor 19 Uhr zieht unter Diskoklängen die Spitzenkandidatin Alice Weidel in den Nachtclub ein. Der Jubel hält sich überraschenderweise in Grenzen, vielleicht weil Weidel eher moderate Töne anklingen lässt und ankündigt, mit Demut in den Bundestag gehen zu wollen.

Draußen sinniert später ein Demonstrant, dass man eigentlich auch froh sein müsse, dass die Rechten keine Persönlichkeit an der Spitze haben. "Das sind doch lauter Luschen, die die haben", sagt er. "Wenn die einen hätten, wie früher euer Haider in Österreich einer war, dann wären die heute bei über 30 Prozent."

März 2013, eine Frau mit Bobfrisur sitzt selbstbewusst in der Bundespressekonferenz. Frauke Petry, damals 37, Mutter von vier Kindern, studierte Chemikerin, will Politik machen, sagt sie da; neben ihr: der Ökonom Bernd Lucke. Raus aus dem Euro, zurück zur D-Mark, predigen die beiden – manche denken da an einen Scherz. Eine Protestpartei, die schnell verschwinden wird, oder?

Mitnichten. Bei der Wahl 2013 scheiterte die AfD nur knapp, jetzt hat sie den Einzug fulminant geschafft – aber nicht als spröde Professorenpartei, sondern als Schreckgespenst der deutschen Demokratie: In dem Land, das sich als resistent gegen die Verführungen von rechts sah, sitzt von nun eine Partei im Parlament, die kaum etwas anderes tut, als von rechts zu verführen.

Dumpfes Gefühl

Wie konnte das passieren? Geht es nach Spiegel-Journalistin Melanie Amann, die die AfD schon lange verfolgt, gab es die Partei schon vor ihrer Gründung – als dumpfes Gefühl, dass etwas nicht stimme im Land. Einer, der dies erstmals aussprach ,war SPD-Politiker Thilo Sarrazin, Ex-Bundesbank-Vorstand: Seine migrationskritischen Thesen wirkten für manche wie ein Befreiungsschlag. Petry und Lucke dockten da an – nur als Zugpferd wollte Sarrazin ihnen nicht dienen: Als er gefragt wurde, lehnte er ab.

Es gehört zur Ironie der Geschichte, dass Sarrazin seither in der Versenkung verschwunden ist – kaum jemand interessiert sich für ihn, und das rührt wohl auch daher, dass die AfD den Anti-Establishment-Diskurs im Land massiv geändert hat.

Als erster Tabubruch galt, dass Parteichefin Petry sich mit Pegida-Vertretern in Dresden traf; man setzte bereits auf die migrationskritische Karte – und das kam an.

Jetzt, knapp zwei Jahre nach dem denkwürdigen Treffen, zeigt sich an Petry am besten, wie sehr sich die Partei gewandelt hat: Lucke, einst Gründervater der Partei, hat sich abgespalten, weil ihm Petry zu rechts wurde; sie selbst ist seit dem Frühling im Out, weil sie – trotz ihrer Aussagen, man müsse den Begriff "völkisch" wieder positiv besetzen – für einen weniger radikalen Kurs der Partei stand.

NS-Rhetorik

An der Spitze der Partei stehen nun zwei, die schon mal mit NS-Rhetorik kokettieren; Alexander Gauland, früher CDU-Politiker und mit seinem immer gleichen braun-karierten Sakko der Grandseigneur der Partei; und Alice Weidel, die offen homosexuell lebt, aber dennoch ein Problem mit Randgruppen hat. Hinter beiden steht der Erfurter Björn Höcke: der Geschichtslehrer gilt als das rechtsextreme Gesicht der Partei – er war es, der das Holocaust-Denkmal in Berlin als "Denkmal der Schande" bezeichnet hat.

Jetzt, wo man selbst zu den "Etablierten" gehört, wird der Richtungsstreit in der Partei wohl weitergehen. Dazu kommt, dass sich die AfD inhaltlich beweisen muss: Ein Konzept zum Thema Rente hat sie nicht, gab sie vor kurzem zu; und so ist es bei vielen anderen Themen. In den Landtagen setzt sie darum meist nur auf das Credo "Wir gegen alle" – fraglich wird, ob das auch im Bundestag reicht.