AFD

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Politik | Ausland
09/08/2016

Der "Gefühlspartei" AfD ausgeliefert

Paradoxon: Obwohl der AfD eigentlich nicht vertraut wird, verlieren CDU und SPD immer mehr Anhänger an sie.

Gegen das Gefühl der Unsicherheit, da kann man nicht viel ausrichten, sagt Guido Reil. "Alle Ängste, Nöte und Befürchtungen, die die besorgten Bürger hatten, sind ja eingetreten", meint der 46-Jährige in der ARD-Sendung "Hart aber fair"; auf die Entgegnungen der anwesenden Politiker und Experten, dass sich das nicht mit Fakten untermauern lasse, schüttelt er den Kopf. "Jeden Tag gibt es Probleme mit Flüchtlingen im Schwimmbad", sagt er, und beim Stadtteilfest in seiner Heimat Essen habe es "noch nie so viele sexuelle Übergriffe wie dieses Jahr" gegeben. Dazu, sagt er, hapere es bei der Unterbringung, allein in Essen fehle es an 16.000 Wohnungen.

Menschen wie Guido Reil gibt es viele in Deutschland. Sie vertrauen dem diffusen Gefühl des Unbehagens mehr als Sätzen wie "Wir schaffen das", machen ihr Kreuz deshalb nicht mehr bei CDU oder SPD, sondern bei der AfD. Reil könnte für sie nicht symbolischer stehen: 26 Jahre lang war der Bergarbeiter Mitglied der SPD, war Betriebsrat und Gewerkschafter, "mehr SPD kann eigentlich nicht sein", sagt er selbst. Dennoch schlägt sein Herz seit Juli für die AfD. Weil ihm in der SPD niemand zugehört habe, weil die AfD die einzige Partei sei, die sich nicht der Realität verschließe, habe er das Parteibuch gewechselt, so der 46-Jährige.

Paradoxe Stimmung

Nicht nur bei Wahlen sieht man diese Stimmung. Sie lässt sich auch wissenschaftlich erheben, inklusive einer großen Paradoxie: Den Deutschen geht es nämlich derzeit so gut wie lange nicht, zeitgleich sind sie aber so pessimistisch wie zuletzt bei der Finanzkrise 2008. Nicht mal jeder Fünfte sorgt sich um seinen Job, mehr als die Hälfte stuft ihre Lage als "sehr gut" oder "gut" ein; zugleich ist man aber voller Sorge wegen der Flüchtlingskrise und des internationalen Terrors, hat das Allensbach-Institut nun im Auftrag der SPD eruiert.

Das ist nur eine von mehreren bitteren Erkenntnis für die Volksparteien. Denn auch die Lösung dieser Krisen wird keiner Partei zugetraut – die CDU steht mit mageren 13 Prozent Vertrauen noch an der Spitze, bei der SPD sind es gerade mal sechs. Spannend ist dabei, dass auch der AfD kaum Lösungskompetenz zugestanden wird. Ihr Wählerzustrom erklärt sich vielmehr damit, dass sie als "Denkzettelpartei" fungiert – 46 Prozent der Befragten sympathisieren mit AfD-Wählern, weil sie CDU und SPD aufgeschreckt hätten.

Angela Merkel, die ja seit der Wahl imZentrum der Kritik steht, scheint diese Botschaft durchaus verstanden zu haben. In der Haushaltsdebatte im Bundestag, die sich am Mittwoch fast ausschließlich mit der Flüchtlingsfrage beschäftigte, gab sie sich selbstkritisch und setzte zugleich eine Warnung an jene ab, die sich politisch in die Nähe der AfD begeben: "Wenn wir anfangen, uns sprachlich und tatsächlich an denen zu orientieren, dann verlieren am Ende wir die Orientierung", sagte sie – eine klare Ansage nach Bayern. Wichtig seien jetzt Fakten, und sonst nichts. "Sorgen ernst zu nehmen und das Erläutern von Fakten, das sind zwei Seiten ein- und derselben Medaille", so Merkel.

Ein neuer Merkel-Satz

Das verpönte "Wir schaffen das" hörte man diesmal nicht. Es war ein anderes Mantra, das sie wiederholte: " Deutschland bleibt Deutschland", auch so in Gefühlssatz, allerdings einer, der sich an die AfD-Abtrünnigen richtet. Fragt sich nur, ob sie damit gegen das Unbehagen ankommt, das die AfD so gern vermittelt – denn der sind die Fakten dabei oft zweitrangig. Wie etwa, dass 16.000 Wohnungen für Flüchtlinge in Essen fehlen, wie Guido Reil sagt – das scheint bei insgesamt 5000 Asylwerbern in den städtischen Herbergen doch etwas übertrieben.