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Politik Ausland
08/31/2019

Der unsichtbare Gegner der SPD

Brandenburg: Die SPD kämpft um ihr rotes Stammland und gegen eine Erzählung der AfD.

von Sandra Lumetsberger

Das Lebensmittelgeschäft in der Bahnhofsstraße soll schließen. Einige ältere Menschen, die auf der Bank vor der Eingangstür sitzen, treibt das um. Die Einkaufszeile gab es schon zu DDR-Zeiten, sie hat Kultcharakter – vor allem bei jenen, die hier einkaufen, weil sie es nicht zu den großen Supermärkten schaffen. Jene, die mobiler sind, fahren ins Autobahn-Einkaufscenter. „Wollen Sie eine tote Innenstadt sehen, dann kommen Sie am Samstag hierher“, sagt einer.

Hier, das ist in Königs Wusterhausen, kurz KW genannt, Berliner Randzonengebiet, aber schon Brandenburg. Seit 30 Jahren regiert die SPD das Land. Damit könnte es am Sonntag vorbei sein, sollte die AfD stärkste Kraft werden. Derzeit trennt sie nur ein Prozentpunkt.

Unmut

Was ist also los in Brandenburg? Das Lebensmittelgeschäft ist nicht alleiniger Grund für den Unmut. Da wäre etwa der BER-Flughafen, die Funklöcher und die Abwanderung. Aber es gibt auch Positives aus der Mark zu berichten: Die Arbeitslosigkeit ist gesunken, die Wirtschaft wächst und liegt im ostdeutschen Vergleich auf dem Spitzenplatz. Dennoch hört man immer wieder: Die Menschen sind unzufrieden.

Unheimlich ruhig ist die Stimmung an diesem Vormittag in der Bahnhofstraße von KW. Ein paar Meter vom Supermarkt entfernt steht ein rotes Lastenrad. SPD-Wahlhelfer verteilen Luftballone, Eis und Wahlmaterial. Ministerpräsident Dietmar Woidke ist mit seinen 1,94 Meter nicht zu übersehen. Einige gehen vorbei, manche stellen sich bei ihm an. „Ein Brandenburg“ heißt sein Slogan. Unterschiedlich sind aber die Anliegen der Menschen: Während es anderswo um Dürre, Ernteausfälle, Braunkohleausstieg und die Angst vor Arbeitslosigkeit geht, will man hier über Lärmschutzwände, Nahverkehr oder das Lebensmittelgeschäft reden. Woidke hört zu, schüttelt Hände, grüßt Vorbeigehende („Tach“). So vergeht eine Stunde: Etwas Diskussion, aber keine Trillerpfeifen oder Tiraden. Richtig Wütende kommen nicht, richtig überzeugen muss er niemanden.

Wie er sich die Stimmung erklärt? Die Ansprüche seien gestiegen. „Ich sag’ dir heut wat, und übermorgen muss es geändert werden“, sagt er dem KURIER. Der Breitband- und Bahnausbau gehe nicht über Nacht, was auch in Richtung Grüne gemeint sein könnte, die den Bahnverkehr ausbauen wollen.

Spiel mit Gefühlen

Sie sind aber nicht Woidkes Hauptkonkurrenten. Nein, sein Gegner ist komplizierter, und die AfD arbeitet mit ihm, etwa vor der Ortseinfahrt nach Königs Wusterhausen: „Hol dir dein Land zurück“ steht auf einem Plakat. Oder: „Vollende die Wende, werde Bürgerrechtler“. Auch an Willy Brandts Zitat „Mehr Demokratie wagen“ bedient sie sich. Mit dieser Kampagne knüpft die AfD an Erfahrungen an. Gleichzeitig verbindet sie sie mit der Erzählung, wonach in der BRD Zustände wie in der früheren DDR herrschten. „Dafür haben wir nicht die friedliche Revolution gemacht“, erklärte Björn Höcke bei einem Auftritt. Dass er die Wende als 17-Jähriger zu Hause in Nordrhein-Westfalen mitverfolgte, ist nicht Teil der Geschichte. Auch sein Brandenburger Statthalter Andreas Kalbitz, ein Bayer mit rechtsextremer Vergangenheit, spielt damit.

„AfD missbraucht 1989“

Jene, die damals um Freiheit kämpften, wehren sich mit einer offenen Erklärung: Wolfgang Thierse ist einer davon. Der Ex-Bundestagspräsident, DDR-Oppositionelle und SPD-Mitbegründer nach 1989, sitzt an einem Tag im August im Regierungsviertel vor Journalisten. Er bringt seinen Ärger auf den Punkt: „Die AfD missbraucht die Losung von 1989. Wir wollten ins Offene, Grenzen überwinden, Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat. Die AfD will so ziemlich das Gegenteil.“ Beim Ruf "Wir sind das Volk" sei es ihnen um Selbstermutigung gegangen, die AfD meine mit Volk "bloß nicht die anderen, die Ausländer, die Fremden". Er könne nur an die Menschen appellieren: „Schaut genau hin und hört genau hin, was die AfD euch verspricht.“

Zurück in König Wusterhausen, wo die DDR nicht nur wegen der Einkaufszeile präsent ist. Jürgen, 81 Jahre alt, beobachtet den SPD-Stand. Er ist in KW aufgewachsen und geblieben. Viele Freunde sind „nach drüben“. 25 Jahre später habe man sich getroffen: „Alle sagten, wir haben es schwer gehabt. Ich musste sagen, wir haben es auch nicht einfach gehabt“ – AfD wählt er trotzdem nicht.

Er glaubt, dass der Frust vieler unterschätzt wurde. Die Angleichung der Lebensverhältnisse spiele eine große Rolle, ebenso das gegenseitige Unverständnis. Er hat in der Nachwendezeit einmal einen Vorschlag gemacht: Man sollte einen aus dem Westen und einen aus dem Osten zusammensetzen. „Das haben die nicht verstanden.“

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