Politik | Ausland
25.10.2017

Der Paukenschlag des Jungstars

Künftiger König legt sich mit dem konservativen Klerus an und will Reformen sowie mehr Freiheiten.

"Offen gegenüber der Welt und allen Religionen" – so solle künftig der Islam in seiner Heimat sein. Ein moderater Islam, kein ultra-konservativer, wie er derzeit Saudi-Arabien prägt. Die Worte des Kronprinzen Mohammed bin Salman schlugen im Öl- und Wüstenstaat, aber auch im Ausland ein wie eine Bombe. Rütteln sie doch an der jahrzehnte-, ja jahrhundertelangen Dominanz des extrem orthodoxen Klerus. Ein nicht ungefährliches Unterfangen. Doch daran, dass es ihm ernst ist, ließ der erst 32-jährige Jungstar aus dem Hause Saud keine Zweifel: "70 Prozent der Saudi-Araber sind jünger als 30 Jahre. Ganz ehrlich, wir werden keine 30 Jahre unseres Lebens verschwenden, um uns mit extremistischen Ideen zu beschäftigen", sagte er bei der Präsentation eines Mega-Bauprojektes (siehe unten), "wir werden sie heute und sofort zerstören".

"Manifest für Wandel"

Mit der Rede vom Dienstag präsentiert sich "MbS", wie die arabische Presse den charismatischen Mann meist nennt, offen und endgültig als Reformer, der das Land wirtschaftlich auf neue Beine stellen und gesellschaftlich liberalisieren will. Beides hatte der royale Spross, der de facto bereits die Geschicke Saudi-Arabiens lenkt (sein 81-jähriger Vater, König Salman, leidet angeblich an Demenz), Anfang 2016 in seinem "Manifest für Wandel" niedergeschrieben. Und wenig später in seiner "Vision 2030" präzisiert. Tenor: Die Abhängigkeit von Öl reduzieren, den privaten Arbeitsmarkt ankurbeln, ausländische Investoren anlocken.

Auch seine eigene Vision verfolgte der als intelligent und hart arbeitend beschriebene junge Mann zielstrebig. Nachdem sein Vater 2015 an die Macht gekommen war, wurde "MbS" Hüter der heiligen Stätten Mekka und Medina, Verteidigungsminister, später Vize-Regierungschef. In familiärer Eintracht ließ das Führungsduo den einzigen Rivalen um den Thron, Kronprinzen Mohammed bin Naif, über die Klinge springen.

Rückhalt hat der Shootingstar bei den Jungen. "Er spricht ihre Sprache", sagt Hoda al-Helaissi vom Shura-Rat, dessen Mitglieder den Monarchen beraten, "das Land hat zu lange durch die Linsen der älteren Generation geschaut, jetzt müssen wir schauen, wer die Fackel zur nächsten Generation trägt."

Nun, diese Frage scheint geklärt. Frühzeitig schon erkannte der Modernisierer, der im Gegensatz zu vielen seiner Landsleute nur mit einer Frau verheiratet ist (zwei Söhne und zwei Töchter), die zentralen Probleme seiner Heimat: Für die teils auch an britischen und amerikanischen Unis top-ausgebildeten jungen Männer und auch Frauen fehlen die adäquaten Jobs. Unter dem antiquierten und verstaubten Regelwerk des alten Königshauses und Klerus brodelt es.

Um zumindest kurzfristig den Druck aus dem Kochtopf zu nehmen, will der 32-Jährige das Unterhaltungsangebot für die Untertanen erweitern: Angedacht sind Comedy-Shows, Monster-Truck-Rennen, sogar ein (bis dato verbotenes) Kino soll eröffnet werden.

"Nur ein erster Tropfen"

Langfristig aber, analysiert ein führender Geschäftsmann gegenüber dem Guardian, sei eine fundamentale "soziale Transformation" nötig, die mit einer wirtschaftlichen einhergehen müsse: "Du erreichst das eine nicht ohne das andere."

Auch hier hat der künftige König schon einen viel beachteten Akzent gesetzt. Ab 2018 sollen in Saudi-Arabien erstmals auch Frauen Auto fahren dürfen. Diese Entscheidung "war nur ein erster Tropfen, mit dem der Regen beginnt", meint eine Ikone der "#women2drive"-Kampagne, "wir wollen nicht weniger als die volle Gleichheit zwischen Mann und Frau". Eine Forderung, die dem konservativen Klerus wie ein Sakrileg vorkommen muss. Doch deren alleinige Deutungshoheit scheint zu schwinden – durch das beherzte Auftreten des royalen Jungstars.

Saudis planen Stadt der Superlative

"Das ist ein Ort für Visionäre, ein Ort für Menschen, die Neues für die Welt erschaffen möchten." Mit diesen Worten stellte der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman sein neues Mega-Projekt vor: die futuristische Stadt "Neom".

Auf mehr als 26.000 Quadratkilometern soll diese Stadt errichtet werden – eine Fläche, die so groß ist wie Kärnten und die Steiermark zusammen. Umgerechnet 425 Milliarden Euro lässt sich Saudi-Arabien das Prestigeprojekt kosten, das dem Land einen alternativen Wirtschaftszweig schaffen soll. Konkret will das saudische Königshaus mit "Neom" neun Wirtschaftsbereiche fördern – darunter Biotechnologie, Energie und Wasser sowie digitale Technologie. Saudi-Arabien will sich dadurch vom Öl unabhängiger machen.

Erneuerbare Energien

Strom soll durch Solar- und Windenergie direkt vor Ort produziert werden. "Wir haben die Ressourcen hier. Wir können diese riesige Stadt versorgen, ohne dabei CO₂ ausstoßen zu müssen", sagte Salman.

Die Zukunftsstadt würde komplett neue Technologien einsetzen, etwa automatisierte Drohnen zum Personentransport, neue Wege des Anbaus von Nahrung.

Unterstützt wird das ehrgeizige Vorhaben von Investoren und Unternehmern aus aller Welt – darunter auch durch den früheren Siemens-Chef Klaus Kleinfeld, der Geschäftsführer des Projektes sein soll.

"Techniker aus aller Welt werden in ,Neom’ zusammenkommen und eine völlig neue Generation an Robotern erschaffen. Es wird die erste Stadt der Welt sein, die mehr Roboter als Menschen beherbergen wird", sagte der Unternehmer Masayoshi Son, der als der reichste Mann Japans gilt.

"Die Stadt befindet sich in einer perfekten Lage. 70 Prozent der Weltbevölkerung können ,Neom’ innerhalb von acht Stunden Flugzeit erreichen. Außerdem verbindet Neom die drei Kontinente Europa, Asien und Afrika und liegt an einer wichtigen Route für den Ressourcenhandel", sagte Kleinfeld. Die Verbindung zwischen Asien und Afrika soll durch den Bau einer gigantischen Brücke über das Rote Meer sichtbar gemacht werden.

Das Areal im Nordwesten von Saudi-Arabien soll als unabhängige Wirtschaftszone über einen eigenen Rechtsrahmen und eigene Steuern verfügen. Eine eigene Souveränität soll "Neom" jedoch nicht bekommen. Bis 2025 soll die erste Bauphase beendet sein.