Politik | Ausland
13.04.2017

Der Krisenherd Korea und die Sorge vor der Bombe

Die Furcht vor einer Eskalation auf der Halbinsel hat zugenommen. Die Sorge in Südkorea ist, dass ein unvorhergesehener Zwischenfall außer Kontrolle geraten oder ein gezielter Angriff der USA auf nordkoreanische Militäreinrichtungen verheerende Vergeltungsschläge provozieren würde.

Wer in der südkoreanischen Zehn-Millionen-Metropole Seoul eine Schutzeinrichtung sucht, wird meist schnell fündig. Die U-Bahn-Stationen sind so tief in die Erde gebaut, dass sie der Bevölkerung im Fall eines Kriegs mit dem kommunistischen Nordkorea fürs erste als Zufluchtsort dienen sollen.

In Südkorea mag sich derzeit niemand einen zweiten Korea-Krieg vorstellen - der Bruderkrieg von 1950 bis 1953 hat drei Millionen Menschen das Leben gekostet. Doch die Furcht vor einer Eskalation auf der Halbinsel hat zuletzt zugenommen. Die Führung im Norden strebt trotz internationaler Ächtung den Bau von Atomwaffen mit großer Reichweite an - womöglich bis in die USA. Zuletzt gab es mehrere Raketentests, ein Atomwaffentest könnte bald bevorstehen.

Die Sorge in Südkorea ist nun, dass ein unvorhergesehener Zwischenfall rasch außer Kontrolle geraten oder ein gezielter Angriff der USA auf nordkoreanische Militäreinrichtungen verheerende Vergeltungsschläge provozieren würde. Die kommunistische Führung in Pjöngjang selbst, die den USA eine feindselige Politik unterstellt, droht immer wieder mit Erstschlägen.

"Akute April-Krise"

Eine Serie von Ereignissen hat in Südkorea zuletzt Gerüchte über eine akute "April-Krise" nach sich gezogen. Dazu gehörte auch die Entsendung eines Verbands von US-amerikanischen Kriegsschiffen um den Flugzeugträger "USS Carl Vinson" in Richtung Korea. US-Präsident Donald Trump hat mehrmals mit einem Alleingang im Streit um Nordkoreas Atomprogramm gedroht - das heißt, notfalls auch ohne China, die traditionelle Schutzmacht Nordkoreas.

"Übetriebene Einschätzungen der Lage"

Südkoreas Regierung versucht, den Gerüchten um eine Sicherheitskrise entgegenzutreten. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums mahnte, "übertriebene Einschätzungen der Lage" nicht zu glauben. Auch geht Seoul davon aus, dass die USA ohne eine "enge Kooperation" keinen Militärschlag gegen Nordkorea starten würden. Auch gibt es derzeit keine Anzeichen dafür, dass die USA ihre Landsleute in Südkorea, deren Zahl auf mehr als 200.000 geschätzt wird, zurückrufen.

Experten: Im Ernstfall "große Verluste unvermeidlich"

Einig sind sich Beobachter, dass ein Militärschlag gegen Nordkorea extreme Risiken birgt. Seoul, das nur 50 Kilometer von der Grenze entfernt liegt, ist in Reichweite nordkoreanischer Artilleriegeschütze und Kurzstreckenraketen. Südkorea schätzt, dass der Norden mehr als 13.000 Artilleriegeschütze hat, von denen die meisten entlang der vier Kilometer breiten entmilitarisierten Zone (DMZ) stehen. Selbst wenn Südkorea mit Hilfe der im Land stationierten US-Truppen die Artillerie Nordkoreas ausschalten könnte, wären im Ernstfall "große Verluste unvermeidlich", befürchten Experten.

Krieg könnte Südkorea um Jahrzehnte zurückwerfen

Nordkoreas Regierung weiß, dass sie mit einem Angriff ihr Überleben aufs Spiel setzt, doch ein Krieg würde auch das wirtschaftsstarke Südkorea um Jahre, wenn nicht Jahrzehnte zurückwerfen. "Trotz fehlender Ressourcen und veralteter Ausrüstung könnte Nordkorea durch sein großes, nach vorne positioniertes Militär mit kurzer oder keiner Warnung einen Angriff starten", hieß es einem Bericht des US-Verteidigungsministeriums an den Kongress über Nordkoreas Militärfähigkeiten 2015. "Das Militär verfügt über die Fähigkeit, Südkorea bedeutenden Schaden zuzufügen, besonders in der Region von der DMZ bis Seoul."

Daneben können Nordkoreas geschätzte 1.000 Scud- und Rodong-Raketen fast jedes Ziel in Südkorea treffen. Seoul schätzt, dass nordkoreanische Musudan-Mittelstreckenraketen mit einer Reichweite zwischen 2.500 und 4.000 Kilometern zudem nicht nur Ziele in Südkorea oder Japan treffen, sondern auch den US-Militärstützpunkt auf Guam im Westpazifik erreichen können.

"Niemand ist darauf vorbereitet, einschließlich Nordkorea. Auch die USA sind nicht bereit dafür"

China fürchtet die unkalkulierbaren Risiken eines US-amerikanischen Militärschlages, der auch das große Nachbarland schwer treffen könnte - besonders bei einer nuklearen Eskalation. Einige Beobachter gehen davon aus, dass Chinas Streitkräfte auf eine Intervention vorbereitet sein dürften, um unter Umständen möglichst rasch Kontrolle über die nordkoreanischen Atomwaffen gewinnen zu können. "Ein Land hat immer Krisenpläne", sagt der Nordkorea-Experte und Professor Jin Qiangyi von der Yanbian Universität in der Provinz Jilin. Aber er warnt auch: "Niemand ist darauf vorbereitet, einschließlich Nordkorea. Auch die USA sind nicht bereit dafür." Die Situation eskaliere gerade. "Wenn Nordkorea jetzt einen Atomversuch oder einen Raketentest unternimmt, wird die Lage sehr ernst. Wenn sie sich zurückhalten, kann die Krise vorbeiziehen."

Das nordkoreanische Atomprogramm

Nordkoreas Atomprogramm bereitet der internationalen Gemeinschaft seit Jahrzehnten Sorgen. Jüngste Schätzungen beziffern die Anzahl von Atombomben auf zwischen zehn (südkoreanisches Verteidigungsministerium vom Jänner 2017) und 21 (US-Organisation Institute for Science and International Security vom Juni 2016).

In den 1960er-Jahren wurde das Atomzentrum in Yongbyon errichtet. Etwa 20 Jahre später begann das kommunistische Land mit der Entwicklung von Atomwaffen. 1994 zog Pjöngjang seine Mitgliedschaft in der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) nach 20 Jahren zurück.

Februar 2005: Nordkorea bekennt sich erstmals zum Besitz von Atomwaffen. Es verpflichtet sich im September zwar zur Aufgabe seines Nuklearprogramms, stellt die Vereinbarung aber wenig später wieder infrage.

Oktober 2006: Nordkorea startet den ersten unterirdischen Atomtest. Die Vereinten Nationen verhängen Sanktionen gegen Nordkorea, die nach weiteren Tests in den Folgejahren immer wieder verschärft werden.

Mai 2009: Das abgeschottete Land unternimmt einen zweiten Atomtest.

Februar 2013: Pjöngjang startet einen dritten Atomtest.

Jänner 2016: Das Land zündet nach eigenen Angaben erstmals erfolgreich eine Wasserstoffbombe, deren Sprengkraft üblicherweise um ein Vielfaches stärker ist als bei einer Atombombe. Experten in Südkorea und anderen Ländern bestätigen den vierten Kernwaffentest, bezweifeln aber, dass eine Wasserstoffbombe detonierte.

September 2016: Pjöngjang testet zum fünften Mal einen Atomsprengkörper. Südkoreas Militär spricht von der bisher stärksten Explosion bei einem nordkoreanischen Atomversuch. Ende November verhängt der UNO-Sicherheitsrat seine bisher schärfsten Sanktionen gegen Nordkorea.

Der Personenkult um die Herrscherfamilie in Nordkorea

Der frühere nordkoreanische Staatschef Kim Il-sung ist auch 23 Jahre nach seinem Tod im Alltag der Nordkoreaner allgegenwärtig - ob als übermenschengroße Statue, auf Wandmalereien, Briefmarken oder Bildern in den Wohnungen und Büros.

Über den "ewigen Präsidenten" und als Staatsgründer verehrten Kim wie um seinen Sohn Kim Jong-il sowie seinen Enkel und jetzigen Machthaber Kim Jong-un wird ein intensiver Personenkult betrieben.

Die Leichen Kim Il-sungs und seines Sohnes, der Ende 2011 starb, liegen einbalsamiert in einem Mausoleum in Pjöngjang und können dort von den Nordkoreanern und ausländischen Besuchern angeschaut werden. Kim Il-sungs Geburtstag, der sich am Samstag (15. April) zum 105. Mal jährt, wird als "Tag der Sonne" bezeichnet. Er ist der höchste Feiertag des Landes.

Der Kult um die Kims hat in dem autoritären System Nordkoreas einen großen propagandistischen Stellenwert. Trotz weitverbreiteter Armut und Nahrungsmittelknappheit werden die Leistungen der Machthaber in den Staatsmedien als genial und unvergleichlich beschrieben. Ihnen werden mythische Kräfte zugeschrieben, um sie über alle anderen zu erheben.

Zweck der Heroisierung ist es auch, die innere Einheit zu stärken und die dynastische Machtfolge zu erklären. Seinen Sohn hat Kim Il-sung jahrelang auf die Nachfolge vorbereitet. Kim Jong-il wiederum erkor seinen Sohn zum Nachfolger aus.

Die runden Geburtstage von Kim Il-sung werden pompös gefeiert. An seinem 100. Geburtstag fand eine Militärparade statt. Oft nimmt die Führung die Geburtstage Kim Il-sungs oder andere Feiertage zum Anlass, militärische Stärke zu demonstrieren.

Auch im Vorfeld von Kims Geburtstag wird in Südkorea spekuliert, dass Nordkorea einen neuen Atomversuch oder einen Raketentest unternehmen könnte. Zwei Tage vor dem 100. Geburtstag Kim Il-sungs war allerdings der Start einer Weltraumrakete, die nach nordkoreanischen Angaben einen Satelliten ins All befördern soll, fehlgeschlagen.