Politik | Ausland
09.09.2017

Der Islam in Deutschland: Willkommen in der Parallelwelt

Die Bundesrepublik fremdelt mit dem Islam. Wieso? Spurensuche beim größten Muslime-Treffen des Landes.

Die gefühlte Parallelwelt beginnt am Bahnhof. "Frauen hinten, Männer vorn", ruft ein Mann und fuchtelt mit den Armen. Die Meute pariert: Im Bus, der zum Messegelände fährt, herrscht strikte Geschlechtertrennung. "Das ist ja wie am Basar!", schimpft eine Frau mit badischem Akzent irritiert.

"Das ist ganz normal"

Willkommen in Karlsruhe, Baden-Württemberg. Hier am westlichsten Rand Deutschlands, wo es sonst immer ruhig und beschaulich zugeht, ist heute alles ein bisschen anders: Die deutsche Ahmadiyya-Bewegung trifft sich einmal im Jahr hier, und am Bahnhof wimmelt es nur so von fremden Gewändern, Gerüchen und Sprachen. 40.000 Menschen, wird es später heißen, sind angereist; alles Ahmadis, Muslime mit Wurzeln in Pakistan, sie wurden oft verfolgt und leben in der Diaspora.

Die Autobahn ist jedenfalls ihretwegen verstopft, in den stickigen Bussen zur Halle wird Haltung bewahrt: "Das mit der Geschlechtertrennung ist ganz normal bei uns", sagt ein junges Mädchen im Bus, rings um sie Frauen, nur ihr Bruder sitzt auf ihrem Schoß. Wie, bei uns? "Ich bin aus Stuttgart", sagt sie. "Und aus Pakistan. Irgendwie beides."

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Eine Frage der Wurzeln

Das ist nicht nur bei ihr so. 4,7 Millionen Menschen aus muslimischen Ländern leben in Deutschland; und wie viele von ihnen sich als Deutsche fühlen, wie viele ihre Heimat in der Ferne sehen, darüber wird im Wahlkampf viel und gern geredet. "Also, ich bin gebürtig aus Hessen", sagt Khola Maryam Hübsch dann in der Messehalle , sie lächelt und nimmt das Kopftuch ab. Wir sind gerade vom Männer- in den Frauenraum gewandert, hier tummeln sich Tausende Frauen mit offenem Haar, Kinder spielen, es ist laut. Nebenan im Männer-Raum ist die Predigt zu hören. Hübsch, 36, Journalistin, ist eines der bekanntesten Gesichter der Ahmadiyya-Gemeinde, und sie ist wohl auch das beste Beispiel für diese Gratwanderung zwischen konservativ-muslimischen Einstellungen und gelebter Offenheit: Ihr Vater, ein Chemnitzer Alt-68er, war der erste deutsche Ahmadiyya-Imam, und sie muss sich in Talkshows oft dafür verteidigen, dass sie trotz säkularen Lebens ein Kopftuch trägt. "Das gehört dazu", sagt sie. Wieso? Weil es im Koran stehe, sagt sie. "Aber es gibt keinen Zwang."

Weil es eben im Koran steht, das hört man hier noch oft; und es ist auch der Satz, an dem sich wohl die Geister in Deutschland am meisten scheiden. Die Ahmadis gelten als gut integriert, plädieren für eine sehr liberale Auslegung des Korans, deshalb laden sie auch wie heute Nicht-Muslime zu ihren Konferenzen ein. Sie stellen ihr Tun unter das Motto "Liebe für alle, Hass für keinen", verurteilen Dschihadisten als "frustrierte Leute", die den Islam nicht verstanden hätten, wie Kalif Mirza Masroor Ahmad dann sagt. Dennoch ist die Bewegung aber höchst konservativ: Nicht nur die Geschlechter werden hier getrennt, auch die Hand wird einer Frau hier nicht gegeben. "Einen orthodoxen Rabbi fragen Sie auch nicht, warum er einer Frau nicht die Hand gibt", sagt der Kalif später bei der Pressekonferenz. Nachsatz: "Das wäre ja antisemitisch – oder?"

Ist der Islam deutsch?

Damit trifft er gerade in Deutschland einen Punkt. In dem Land, das noch immer mit seiner dunklen Geschichte ringt, ist der Grat zwischen Kritik und Ausländerhass so schmal, dass auch in der politischen Diskussion die Grenzen verwischen. Wenn der Kalif von seinen Zehntausenden Zuhörern verlangt, sie müssen sich den Rechten und Gepflogenheiten des Landes anpassen; während hinter ihm die Deutschlandflagge hängt, wenn er sagt, sie seien ein "Teil von Deutschland", ist das ausreichend? Oder muss mehr Anpassung her, wie die CSU es fordert, die Angela Merkels "Der Islam gehört zu Deutschland" nicht unterschreiben will? Oder hetzt das die Leute nur auf?

"9/11 war der erste Wendepunkt, die Flüchtlingskrise der zweite", sagt Khola Maryam Hübsch. Jetzt sei es die AfD, die es den Muslimen schwer mache; und das befeuere die ohnehin Irren: In Erfurt wurden vor einer Ahmadiyya-Moschee Schweinekadaver aufgespießt, in Husum Nazi-Symbole auf ihr Gebetshaus geschmiert. "Die Leute sind enthemmter geworden", sagt Hübsch, die Schuld dafür gibt sie aber auch manchen Muslimen selbst. Dass viele einer "orthodoxen, fundamentalistischen Ideologie" anhängen, sei problematisch ; die Ahmadis versuchen sich darum bewusst abzugrenzen. "Wir suchen bewusst das Gespräch mit jenen, die für Offenheit sind", sagt sie und setzt sich das Kopftuch wieder auf.

Am Bahnhof, wo es am Ende des Tages wieder ruhig ist, steht noch immer die Frau, die sich wie im Basar gefühlt hat; sie verkauft hier Getränke. "Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht", sagt sie, "aber für mich sind die hier fremd." Vielleicht muss doch noch mehr geredet werden.