Dokument: Der syrische Bürgerkrieg, fotografiert aus einer israelischen Armeestellung am Golan.

© APA/EPA/ATEF SAFADI

Syrien
06/30/2014

Der Golan außer Kontrolle

Durch den Bürgerkrieg droht nun eine militärische Eskalation mit Israel.

von Wilhelm Theuretsbacher

Ein Bombenanschlag auf israelische Soldaten und eine Raketenattacke auf ein Fahrzeug am Sicherheitszaun am Golan in der Nähe der Stadt Quneitra brachte nun für israelische Strategen die unangenehme Erkenntnis: Sie haben – neben dem Libanon – auch an der Demarkationslinie zu Syrien eine weitere Front mit der vom Iran gesteuerten Hisbollah. Denn die Pufferzone zwischen Israel und Syrien ist völlig außer Kontrolle geraten. Und die 1250 UNO-Soldaten liegen im Kreuzfeuer.

Nusra-Front

Aus Jordanien im Süden kommend haben sich die vom Westen unterstützten Rebellen der Nusra-Front und andere Splittergruppen in der Zone verschanzt. Es kommt zunehmend zu Überfällen auch auf Beobachterpositionen der UN. Rebellen fahren nun mit blauen UN-Splitterschutzwesten und weißen UN-Fahrzeugen, die sie erbeutet haben, durch die Gegend. Mit den Nusra-Kämpfern haben die Israelis kein Problem. Im Gegenteil: Sie behandeln verletzte Nusra-Krieger in ihren Militärspitälern. Es missfällt ihnen nur, wenn sie von UNO-Beobachtern fotografiert werden, wenn sie die Rebellen durch den Sicherheitszaun schleusen.

Assad-Armee

Ein großes Problem hat aber die syrische Armee mit der Offensive aus dem Süden. Sie fährt ganz ungeniert mit schweren Panzern in die demilitarisierte Zone, um die Aufrührer zu bekämpfen – und bricht damit den Waffenstillstandsvertrag von 1974. Dieser erlaubt nur die Anwesenheit von leicht bewaffneter Militärpolizei. Die UN-Soldaten können das nicht verhindern, sie können es nur nach New York melden.

Drusen

Im Norden haben Drusen lokale Milizen gebildet, die sich aufseiten des Assad-Regimes Gefechte mit den regimefeindlichen Sunniten-Milizen der Nachbarorte liefern. UNO-Beobachter sind dabei unerwünscht.

Hisbollah

Sehr zum Missfallen der Israelis marschieren aber aus dem Libanon kommend immer stärkere Verbände der Hisbollah durch das Drusengebiet nach Süden. Sie wollen an der Seite des Assad-Regimes die Nusra-Krieger bekämpfen. Gleichzeitig nutzen sie aber die Chance, Raketen auf das verhasste Israel abzufeuern. Denn hier, von der syrischen Seite, müssen sie nicht mit den heftigen Vergeltungsschlägen der Israelis auf ihre Stellungen und Dörfer im Libanon rechnen.

Die unvermeidbaren Gegenschläge der Israelis mit Panzern, Artillerie und Luftwaffe treffen schließlich die syrische Armee. Denn sie wird für alle Taten der verbündeten Hisbollah verantwortlich gemacht. Der letzte Luftangriff gegen Stellungen der 90. Syrischen Brigade im Raum Khan Arnabe erfolgte vergangene Woche. Nach syrischen Angaben wurden dabei vier Menschen getötet und neun verletzt.

Israel hat nun zusätzlich zu den bereits dort stationierten Panzer- und Infanterieverbänden die 210. Bashan-Division als Verstärkung am Golan in Stellung gebracht. Dies sei nötig, weil es in den südlichen Golan-Regionen keine staatliche Souveränität Syriens mehr gäbe, erklärte ein israelischer Armee-Sprecher.

Abziehen wie die Österreicher

Es ist die Meldung zum Tag: Soeben hat der UNO-Sicherheitsrat das Mandat für die Truppentrennungszone am Golan um ein weiteres halbes Jahr verlängert. Vorher warnte der Sicherheitsrat in einer Resolution, dass die Kämpfe ernste Auswirkungen auf das Waffenstillstandsabkommen aus dem Jahre 1974 haben könnten.

General Günther Greindl, ehemals Österreichs höchstrangiger UNO-Offizier, sieht trotz der angespannten Lage gute Gründe für die Aufrechterhaltung der Beobachtermission. Denn sowohl die Israelis als auch die Syrer, so Greindl zum KURIER, hätten kein Interesse an einem großen Krieg. Darüber hinaus hätte auch der Westen kein Interesse an einem israelisch-arabischen Konflikt.

Zur weiteren Aufrechterhaltung des Waffenstillstandsabkommens sei die UNO-Mission erforderlich. Allerdings wäre dieses UN-Mandat nur ein „Feigenblatt“ zur Aufrechterhaltung des Waffenstillstandsvertrages, einzelne lokale „Strafaktionen“ könne das Mandat aber nicht verhindern.
StrafaktionenStrafaktionen der Israelis gegen unbotmäßige syrische Militärs hat Greindl auch schon während seiner Zeit als Kommandant am Golan in den 1980er Jahren erlebt – wenn auch nicht in diesem Ausmaß.

Für die UNO stellt sich aber immer mehr das Problem, Truppen für die höchst gefährliche Mission zu finden. Soldaten, die nur leicht bewaffnet im Hexenkessel beobachten und melden. So hat Irland derzeit 117 Soldaten bei UNDOF (United Nations Disengagement Observer Force) stationiert. Als ein irischer Konvoi unter Feuer geriet und sogar Ziel einer Bombe wurde, löste das in der irischen Öffentlichkeit eine heftige Kontroverse aus. Die Regierung wurde aufgefordert, bei den USA zu protestieren, weil die Nusra-Angreifer von diesen ausgerüstet würden. Und in Postings wurde gefordert: „Irland sollte einfach abziehen, so wie es die Österreicher und andere getan haben.“

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