Politik | Ausland
10.07.2017

"Das ist ein Ort des Todes"

Der Irak feiert den Sieg über die Terrormiliz IS, doch nach wie vor ist das Leid der Zivilbevölkerung groß.

Er taumelt, kann sich fast nicht auf den Beinen halten, besteht nur noch aus Haut und Knochen. 20 Tage soll sich der Bub in den Trümmern Mossuls versteckt haben. 20 Tage Hunger und Angst, während rund um ihn ein verheerender Straßenkrieg tobte. Wie viele andere Zivilisten wird er von Einsatzkräften aus den rauchenden Trümmern geborgen, doch es wird noch eine Weile dauern, bis er feiern kann.

Offiziell ist die Stadt befreit – am Montag erklärte der irakische Premier Haider al-Abadi den Sieg über die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) in der einstigen Millionenstadt. In vielen irakischen Städten feiern die Menschen ausgelassen auf den Straßen und schwingen irakische Flaggen. Vor allem in West-Mossul, das bereits im Jänner befreit wurde, ist die Freude groß .

Gefechte halten an

Bis zuletzt tobten in Mossul vereinzelte Gefechte zwischen den irakischen Sicherheitskräften und Widerstandsnestern des IS.

"Das ist ein Ort des Todes", sagt ein geflüchteter Mann. "Nie wieder wird Mossul das sein, was es einmal war. Wenn einmal die Angst in Dein Herz gepflanzt ist, kannst Du sie nicht mehr loswerden."

Wegen der US-Luftangriffe und IS-Scharfschützen versteckten und verstecken sich hunderte Familien in ihren Kellern, an eine Flucht war lange Zeit nicht zu denken. "Der IS hat uns nicht hinausgelassen. Scharfschützen hatten uns im Visier. Plötzlich war da ein Luftangriff und die (irakische) Armee gab uns ein Zeichen. Wir flohen mitsamt unseren Toten im Schutz der Armee", sagt die Zivilistin Amira gegenüber Al Jazeera.

Selbst wenn es jemandem gelingt, aus der Todeszone zu fliehen, warten im sicheren Hinterland mehr als 900.000 Vertriebene, die dringend humanitäre Hilfe benötigen. "Nach wie vor ist unsere größte Angst, dass viele es nicht aus den umkämpften Gebieten schaffen. Die, die bereits von uns versorgt werden, brauchen noch viel mehr Unterstützung – unter anderem psychologische Betreuung", sagt der Einsatzleiter von " Ärzte ohne Grenzen" (MSF) im Irak, Vittorio Oppizzi, den der KURIER telefonisch in Mossul erreichte: "Viele Menschen mussten ihre eigenen Verwandten begraben oder zusehen, wie sie starben. Das kann zu schweren Traumata führen."

Viele Krankenhäuser wurden zerstört oder sind schwer beschädigt. Im modernsten Krankenhaus West-Mossuls hatte der IS eine regelrechte Bombenfabrik unterhalten, die Patienten als menschliche Schutzschilde missbraucht.

Bedarf an Hilfsmitteln

Die durch die irakische Regierung bereitgestellten Hilfsmittel reichen laut Oppizzi nicht aus, um die Versorgung der Menschen auf Dauer sicherzustellen. "MSF und andere Hilfsorganisationen versorgen die Zivilisten nach Kräften, doch der Nachschub an Unterstützung wird auch in Zukunft ein wichtiges Thema sein", sagt Oppizzi.

Nun, da der IS aus Mossul vertrieben ist, hält er nur noch wenige Gebiete im Irak, hauptsächlich Wüste. Auch in Syrien steht die Terrormiliz vor dem Fall – die Stadt Rakka ist umzingelt (siehe rechts), während die syrische Armee täglich weite Gebiete zurückerobert. Doch selbst wenn der IS als Kalifat zerschlagen ist, wird er noch lange nicht besiegt sein.

Der IS dürfte auf die Guerilla-Taktik setzen, die er schon seit seiner Gründung anwendet, und vermehrt Anschläge durchführen. Auch in Europa und anderen Ländern droht das Risiko durch Anschläge, die von Heimkehrern verübt werden. Doch auch im Irak ist die Gefahr eines Wiedererstarkens des IS noch nicht gebannt: Ein Grund, warum die Terrormiliz so stark Fuß fassen konnte, war die Unterdrückung der sunnitischen Minderheit durch die schiitische Regierung – und da könnte es für die Zukunft des Landes düster aussehen: Milizen aus dem schiitischen Süden verüben schon jetzt Rachemassaker an der sunnitischen Bevölkerung im Norden. Der Samen für einen weiteren Religionskrieg ist gesät, bevor die Schreckensherrschaft des IS überhaupt beendet wurde.