Regierungsnahe Milizen kämpfen sich nahe der vom IS besetzten Stadt Sirte mühsam nach vorne.

© REUTERS/GORAN TOMASEVIC

Libyen
08/02/2016

"Das ist die Entscheidungsschlacht um Sirte"

US-Luftangriffe auf die vom IS besetzte Hafenstadt im Mittelmeer / Libysche Anti-IS-Milizen rücken vor.

von Ingrid Steiner-Gashi

Nur ein Bruchteil ihrer einst 135.000 Einwohner lebt heute noch in Sirte. Denn als die Kämpfer des "Islamischen Staates" (IS) im Februar des Vorjahres die libysche Hafenstadt am Mittelmeer eroberten, floh, wer immer sich absetzen konnte. Sechs Monate nach der Tyrannei des IS regte sich in der Stadt erster Widerstand – den der IS mit unfassbarer Gewalt niederschlug: Fünf Tage wüteten die Mörder, kreuzigten Aufständische an Metallgerüsten, hängten Leichen Exekutierter über Brücken, zündeten ein ganzes Krankenhaus mit vermeintlichen Feinden darin an.

Damit war jegliche Revolte in der Stadt erstickt. Für die Dschihadisten herrschte fortan in ihrer libyschen Hochburg Grabesruhe – bis die der libyschen Einheitsregierung nahestehenden Milizen vor bereits zwei Monaten die Offensive zur Rückeroberung Sirtes eröffneten. Ziel dieser Operation ist explizit nicht die Vertreibung der rund 1000 in der Stadt vermuteten Kämpfer, sondern deren Vernichtung.

Entsprechend entschlossen ist der Widerstand der Dschihadisten, um jeden Meter Boden bereits in den Außenbezirken der Hafenstadt wird erbittert gekämpft. "Bei den regierungsnahen Milizen gab es sehr hohe Verluste, Schätzungen gehen bereits von bis zu 500 Toten aus", schildert der Libyen-Kenner und österreichische Sicherheitsexperte Wolfgang Pusztai dem KURIER. Den USA, die seit Dezember immer wieder Spezialeinheiten in Libyen im Einsatz hatten, sei klar gewesen, sagt Pusztai, "dass die Milizen am Boden ihren Kampf gegen den IS in Sirte alleine nicht gewinnen können".

Fortgesetzte Luftschläge

Einem offiziellen Gesuch der libyschen Einheitsregierung kam die US-Luftwaffe sogleich nach. Sie bombardierte in der Nacht auf Dienstag mit einem Kampfhubschrauber und unbemannten Drohnen IS-Stellungen rund um die belagerte Stadt. Anders als bei ihren bisher zweimaligen Luftangriffen in Libyen, einmal im November und einmal im Februar, werden die USA dieses Mal ihre Luftschläge fortsetzen, bis die regierungsnahen Milizen Sirte endgültig befreit haben. "Man kann es so sagen", führt Pusztai aus, "das ist die Entscheidungsschlacht um Sirte."

Für den "Islamischen Staat" wäre der Verlust seiner Hochburg in Libyen, 450 Kilometer östlich der Hauptstadt Tripolis, ein schwerer Schlag. Besiegt wäre er damit noch nicht. Auf 5000 bis 6000 Mann wurde die Zahl der IS-Kämpfer bis vor wenigen Monaten noch geschätzt. Militärische Erfolge und Rückeroberungen durch die regierungsnahen Truppen aus der Stadt Misrata aber haben die Dschihadisten-Truppen stark dezimiert. Die Überlebenschancen für verwundete IS-Kämpfer bezeichnet Pusztai als "bescheiden". Wer verwundet sei, könne nicht damit rechnen, medizinisch behandelt zu werden. Etlichen IS-Kämpfern sei es dennoch gelungen, in andere Teile Libyens zu fliehen.

Dienstagabend kamen bei einem Selbstmordanschlag in der libyschen Stadt Bengasi nach Angaben von Krankenhausmitarbeitern mindestens 15 Soldaten ums Leben. 16 weitere Soldaten seien bei dem Attentat am Dienstagabend verletzt worden. Niemand bekannte sich zunächst zu der Tat. Zunächst war von 22 Toten die Rede. Das US-Militär hatte am Montag erstmals Stellungen der Terrormiliz Islamischer Staat in der IS-Hochburg Sirte angegriffen.

Kein Rückzug

Ziel der internationalen Anti-IS-Koalition ist allerdings: Den fanatisierten Kämpfern des IS sollen keine sicheren Rückzugsräume geboten werden. In Syrien und im Irak hat die US-geführte Allianz gegen den "Islamischen Staat" bereits an die 14.000 Angriffe geflogen. Die letzte schwere militärische Niederlage mussten die radikal-sunnitischen Dschihadisten bei der Rückeroberung der Stadt Falludscha im Juli durch die irakische Armee hinnehmen. Die früheren Bewohner stehen vor der nächsten Katastrophe: Nahezu kein Haus steht mehr, die Stadt gleicht einem Trümmermeer. Sirte droht ein ähnliches Schicksal.

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