Das geheime Gefängnis Hohenschönhausen ist heute eine Gedenkstätte

© /Evelyn Peternel

Erbe der DDR
10/02/2016

Gefangen im Stasi-Land

26 Jahre nach dem Ende der DDR leben viele Täter von damals unbehelligt. Die Opfer müssen damit leben.

von Evelyn Peternel

Ein paar der grauen Männer sind noch immer da. Dort, wo sie schon vor 26 Jahren saßen, als die DDR gerade im Untergehen war, sieht man sie noch heute: Das Stammcafé bei der Haltestelle in Berlin-Hohenschönhausen ist das gleiche geblieben, ebenso wie die Gedankenwelt, in der sie leben.

"Sie trinken dort ihr Bierchen und trauern vor sich hin", sagt Gilbert Furian, und ein spöttisches Lächeln huscht über sein Gesicht. Er sieht sie oft, die einst stolzen Stasi-Offiziere. Viele von ihnen leben noch immer hier, im ehemaligen Sperrbezirk rund um das Gefängnis Hohenschönhausen, und das völlig unbehelligt. Sie sind die alt gewordenen Gesichter jenes Apparats, der Biografien von Menschen wie Gilbert Furian auf ewig veränderte: Ein halbes Jahr saß der heute 72-Jährige im berüchtigtsten Gefängnis der DDR, in jenem Nicht-Ort, den es auf keiner Landkarte gab, in dem über die Jahre dennoch gut 12.000 Menschen einsaßen. Wo er war, wusste er selbst nie, sagt Furian, aber immerhin kam er wieder raus: Manche Insassen verschwanden einfach, vor allem in den 1950ern, als die Stasi mit ihren Verhören begann.

Im Hotel zu ewigen Lampe

"Sie nannten es Hotel zu ewigen Lampe, weil das Licht nie ausging", sagt Furian, er deutet auf den mausgrauen Bau hinter ihm. Heute hat er seinen Frieden gemacht mit dem Ort, der ihn fast verrückt werden ließ, er arbeitet als Zeitzeuge und erklärt jenen, die die Zeit nicht miterlebt haben, wie es war, in einem unmenschlichen System zu überleben.

Der Grund, warum man ihn 1985 vor den Augen seiner Kollegen verhaftete, wirkt heute fast lächerlich. "Auch im Osten trägt man Westen", lautete der Titel des Heftchens, das er verfasst hatte, eine Beobachtung der Punk-Szene in Ost-Berlin. "Es war nicht mal konspirativ", sagt er, heute es reichte aber damals aus, um ihn ein halbes Jahr nach Hohenschönhausen und zwei Jahre in andere Strafanstalten zu bringen. "Ich hatte Glück, dass ich in die psychologisch orientierte Verhörepoche gefallen bin."

Physische Gewalt ersetzte man in den 1980ern durch Überwachung und Isolation. "Es gab eine vorgeschrieben Schlafhaltung, man musste auf dem Rücken liegen, den Kopf zum Spion, die Hände auf der Decke", sagt Peter Erler, der als Historiker die Stasi erforscht. Auch Gymnastik war verboten, ständig wurde man durch das Guckloch kontrolliert. "Es wurde permanent Druck erzeugt", sagt Erler; oft wurden die Gefangenen mehrmals täglich zum Verhör geholt.

Kaum einer wurde bestraft

Furian zwang sich, nicht nachzudenken. "Ich war in Stand-by-Haltung", sagt er, "anders hätte ich nicht überlebt." Was hinter ihm liegt, sieht man ihm kaum an; er ist ruhig, wenn er über die Zeit spricht. Viele andere tun sich nicht so leicht damit, haben psychische Probleme, auch , weil viele Rädchen des Apparats unbehelligt blieben. Nur 131 Verfahren gab es gegen Stasi-Leute, und nur drei Täter des Systems, das über die Jahre 250.000 Mitarbeiter hatte, wurden verurteilt.

"Natürlich ist das unbefriedigend", sagt der 72-Jährige, der sich während der Wende selbst politisch engagierte. Den Grund dafür sieht er in den Umbrüchen, den schwierigen politischen Rahmenbedingungen damals. Gram darüber ist ihm trotzdem fremd. Das habe viel mit seinem Vernehmer zu tun, sagt er. "Nach der Wende habe ich ihn in einem Kaufhaus am Alexanderplatz wiedergesehen. Er stand am Wühltisch, und als ich ihn ansprach, sagte er: ,Hallo Gilbert!". Wie ein alter Freund." Furian schüttelt den Kopf. Wie es ihm dabei ging? "Jahre zuvor hatte ich noch Angst- und Gewaltfantasien", zu dem Zeitpunkt wollte er aber nur mehr wissen, warum.

Zweimal im Jahr trafen sich die beiden von da an, und Erklärungen lieferte ihm sein Vernehmer einige. "Er hatte eine tiefe Überzeugung", sagt Furian; "aber war eine eklatante Ausnahme." Zwar habe er sich gerechtfertigt, dass er nie Menschenrechte verletzt habe, aber so "borniert und selbstgerecht" wie viele andere sei er nicht gewesen. "Er sagte, dass er Schuld auf sich geladen habe. Irgendwann mal habe ich ihm dann vergeben."

Angst vor dem grauen Netzwerk

Seinen Namen wollte sein ehemaliger Vernehmer aber nie öffentlich machen. "Er hatte Angst vor seinen ehemaligen Vorgesetzen", sagt Furian, denn das Netzwerk der grauen Männer existierte auch nach der DDR. Sichtbar ist es bis heute, nicht nur in den Cafés beim Gefängnis. "Manche haben sich in Vereinen organisiert und gingen protestieren", sagt Historiker Erler; etwa gegen die Strafrenten, die ihnen aufoktroyiert wurden.

Hie und da mischen sich die alten Herren auch in Furians Führungen. "Ich frage sie dann einfach offensiv aus", sagt Furian, er beginnt zu lächeln. Sie so vorzuführen, das ist seine subtile Form der Rache.

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