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Politik Ausland
01/02/2020

Das Ausland ist angetan von Türkis-Grün: "Felix Austria!"

Die deutschen Medien überschlagen sich wegen der neuen Koalition - Türkis-Grün „entspreche dem Zeitgeist“, wird gejubelt. In anderen Ländern hört man aber auch Skepsis.

von Evelyn Peternel

„Warum gelingt in Wien, was sich viele Deutsche auch wünschen?“

Diese Frage hätte man in Deutschland vor einigen Monaten wohl nicht stellen wollen. Österreich hatte da mit Bundeskanzler Sebastian Kurz zwar einen Regierungschef, den vor allem Konservative gut fanden – doch der Koalitionspartner? Der galt als so problematisch, dass man ihn in Berlin besser gar nicht erwähnte.

Jetzt hat sich das Blatt gewendet. Selbst die höchst konservative Welt blickt beinahe sehnsüchtig über die Grenze und stellt eben diese Fragen: „Felix Austria!“, jubelt da die Autorin; sie nennt die türkis-grüne Partnerschaft in Wien ein „progressives Projekt, das ganz dem Zeitgeist entspricht.“

 

Modellfall für Deutschland

Das entspricht in etwa dem Tenor, der Österreich derzeit von fast allen deutschen Medien entgegenschlägt. Klar, die Große Koalition ist ausgelaugt, und die Grünen erstmals in ihrer Geschichte in Kanzleramtsnähe; die Umfragen bescheren ihnen einen noch nie dagewesenen Höhenflug. Da ist es nur logisch, sich den Testfall Österreich genauer anzusehen. „Es ist klar, dass die Politik dieser Zeit starke grüne Impulse braucht“, kommentiert etwa der Spiegel. „Österreich setzt sich damit womöglich an die Spitze in den Bemühungen um eine moderne, zeitgemäße Politik.“ Auch die Süddeutsche ist ähnlich euphorisch-optimistisch: „Eine türkis-grüne Regierung passt perfekt in die Zeit“, schreibt die Zeitung. „Das Bündnis (…) kann Österreich verändern – und obendrein zum Modellfall werden, für Deutschland zum Beispiel.“

 

Frankreich reagiert skeptisch

Im restlichen Europa ist man da nicht ganz so sicher – vor allem in Frankreich nicht, wo Österreich traditionellerweise eher skeptisch gesehen wird. Ja, die Partnerschaft sei „beispiellos“ und „historisch“, attestiert etwa Le Monde. Das als linksliberal geltende Blatt lässt aber auch Skepsis durchblicken: Kurz habe „eine politische 180-Grad-Wende vollzogen“; gemeint ist dabei der Partnerwechsel von Blau auf Grün. Wie das gehen könne, fragt man sich in Paris.

Ähnlich sieht das Le Parisien: Die auflagenstärkste französische Zeitung nennt den Pakt einen „riskante Wette“, da beide Parteien komplett gegensätzlich seien. Kurz, ein „Populist“ übrigens, müsse mit dem Wechsel von „Rechtsextrem“ auf Grün „einen Spagat vollziehen“.

„Seltsame und unkomfortable Partnerschaft“

In Brüssel und London sieht man die neue Polit-Ehe weniger als Vorbild für Europa, sondern eher für Deutschland und die Schweiz. Der Guardian schreibt, dort werde man die Entwicklung der Koalition genauestens beobachten – auch bei den Eidgenossen fuhr die Ökopartei im vergangenen Oktober einen Wahlsieg ein. Zudem sei die neue Koalition ein Beispiel dafür, wie ideologisch entgegen gesetzte Parteien miteinander funktionieren: Nicht, indem man möglichst viel gemeinsame Basis sucht, sondern indem man "Superministerien" schaffe, um möglichst viel von der eigenen Ideologie umzusetzen.

Politico, angesiedelt in der EU-Hauptstadt, meint ohnehin trocken, Österreich sei zwar ein spannendes Versuchslabor, aber die Deutschen sollten besser nach Hessen blicken: Das Bundesland führe bereits vor, dass Schwarz-Grün funktioniere – seit sechs Jahren.

Einige Medien sehen die Koalition auch als Chance für Kurz, von seinem „rechten“ Image loszukommen: Der Independent attestiert ihm einen „Linksschwenk“, mit dem er sich ein „softeres Image“ geben könne; die New York Times, die immer schon einen höchst kritischen Blick auf die Freiheitlichen hatte, nennt Kurz sogar ein „politisches Chamäleon“.

Er habe mit der FPÖ-Koalition sogar das eigene Lager vergrätzt - diesen Makel könne er nun mit der neuen Koalition wettmachen, indem er „ideologische Kompromisse“ eingehe. Freilich, ganz geheuer ist dem US-Blatt die Koalition dennoch nicht: Die Partnerschaft sei „seltsam und unkomfortabel“, wird da geschrieben.

Mitarbeit: Paul Maier