Ägypten: Religiöse Gewalt gegen Christen nimmt wieder zu
Koptische Gläubige bei einem Gottesdienst (Symbolbild).
Zusammenfassung
- Im Dorf Tal al-Qibliya in Oberägypten kam es laut „Christen in Not“ erneut zu gewalttätigen Angriffen auf Christen, bei denen Kirchgänger attackiert, das Auto eines Priesters beschädigt und die Stromversorgung der Kirche unterbrochen wurde.
- Nach Angaben des Hilfswerks nehmen seit dem Ausbruch des Iran-Kriegs Anfeindungen gegen die koptische Gemeinschaft in Ägypten wieder zu, nachdem die religiöse Gewalt seit 2014 zunächst zurückgegangen war.
- CiN sieht in dem Vorfall ein Beispiel für ein anhaltendes Muster religiös motivierter Gewalt gegen Kopten und fordert vom ägyptischen Staat konsequenteren Schutz, Strafverfolgung und mehr Aufklärung.
Das Hilfswerk „Christen in Not“ (CiN) berichtet von gewalttätigen Ausschreitungen gegen Christen in Ägypten. Laut dem Hilfswerk, das sich auf Quellen bzw. Partner in der koptischen Kirche beruft, kam es im Dorf Tal al-Qibliya im Gouvernement Minya in Oberägypten zu den Angriffen. Laut einer Erklärung von Bischof Makarius von Minya folgte der jüngste Angriff auf frühere Vorfälle in demselben Dorf, über die die Kirchenleitung die lokalen Behörden mehrfach informiert hatte. Extremisten griffen demnach Kirchgänger an, demolierten das Auto eines Priesters und kappten den Strom zur örtlichen Kirche.
Nach dem Einschreiten der Polizei sei die Sicherheitslage inzwischen zwar wieder ruhig, zugleich aber auch sehr angespannt. Todesopfer wurden nicht gemeldet, es gab „lediglich“ Verletzte und Sachschaden. Unter der christlichen Bevölkerung herrsche aber große Angst. In der Region Minya war es in der Vergangenheit immer wieder zu gewalttätigen Ausschreitungen gegen Christen gekommen, so CiN. Das Hilfswerk betreibt in Minya in Zusammenarbeit mit örtlichen Kirchenvertretern Projekte wie etwa Alphabetisierungskurse für Frauen.
Seit Iran-Krieg mehr Anfeindungen
„Seit Ausbruch des Iran-Kriegs erleben wir eine deutliche Zunahme der Anfeindungen und Angriffe auf die christliche Gemeinschaft in Ägypten“, so CiN-Generalsekretär Martin Morawetz gegenüber Kathpress. Die Gewalt war mit der Machtübernahme Abdel Fattah al-Sisis 2014 und der Zerschlagung der Muslimbruderschaft zurückgegangen, doch „jetzt nehmen Gewalt und Angst vor weiteren Eskalationen wieder zu“.
Der erneute Angriff auf die koptische Gemeinschaft in Tal al-Qibliya sei kein Einzelfall, sondern Teil eines seit Jahren bestehenden Musters religiös motivierter Gewalt gegen Christen in Ägypten. Besonders alarmierend sei, so Morawetz, „dass sich unter den Angreifern inzwischen auch Kinder befinden, die Steine werfen oder Christen beschimpfen“. Sie würden offensichtlich von ihrem Umfeld zu Hass und Intoleranz erzogen.
Dass es trotz wiederholter Warnungen und dokumentierter Vorfälle erneut zu einem solchen Angriff kam, zeige den dringenden Handlungsbedarf, so der CiN-Generalsekretär: „Der ägyptische Staat muss entschlossen gegen religiös motivierte Gewalt vorgehen, die Täter strafrechtlich verfolgen und den Schutz aller Bürgerinnen und Bürger unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit gewährleisten.“ Gleichzeitig gelte es, die gesellschaftlichen Gräben zu überwinden und Bildung, Aufklärung sowie den interreligiösen Dialog zu fördern. Nur so lasse sich verhindern, „dass Hass weitergegeben und Gewalt zur Normalität wird“.
Als Kopten werden die einheimischen Christen Ägyptens bezeichnet. Die große Mehrheit von ihnen gehört der koptisch-orthodoxen Kirche an, daneben gibt es unter anderem koptisch-katholische und protestantische Kopten. Die koptisch-orthodoxe Kirche zählt zu den orientalisch-orthodoxen Kirchen und zu den ältesten christlichen Gemeinschaften der Welt. Nach kirchlicher Überlieferung wurde die Kirche von Alexandria im ersten Jahrhundert durch den Evangelisten Markus gegründet.
Wie viele Kopten heute in Ägypten leben, ist nicht genau bekannt. Je nach Quelle schwanken die Schätzungen erheblich. Häufig wird davon ausgegangen, dass Christen ungefähr zehn Prozent der ägyptischen Bevölkerung stellen; Kirchenvertreter nennen teilweise höhere Zahlen. Rund neun von zehn ägyptischen Christen gehören nach Angaben christlicher Vertreter der koptisch-orthodoxen Kirche an.
Die ägyptische Verfassung erklärt die Glaubensfreiheit für absolut. Das Recht, religiöse Riten auszuüben und Gotteshäuser zu errichten, wird darin jedoch ausdrücklich nur den Anhängern der abrahamitischen Religionen zugesprochen und gesetzlich geregelt. Menschenrechtsorganisationen berichten weiterhin von staatlicher und gesellschaftlicher Diskriminierung religiöser Minderheiten sowie von wiederkehrenden Übergriffen auf koptische Christen.
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