Dutzende Gläubige bei Ostermesse entführt: Die Gewalt in Nigeria nimmt keine Ende

Im Nordwesten von Nigeria stürmten bewaffnete Angreifer am Ostersonntag eine Kirche. Sie töteten mindestens 5 Menschen und entführten 31 weitere. Ihr Verbleib ist unklar.
FILE PHOTO: Armed bandits abducted worshippers from two churches in Nigeria's Kaduna state

Es ist kurz nach acht Uhr, als sich Gläubige in Ariko, einem Dorf im nordwestnigerianischen Bundesstaat Kaduna, vergangenen Sonntag zum Ostergottesdienst versammeln. Der Pastor - so schildert er es später in lokalen Medien - liest gerade aus der Bibel, als er draußen eine Gestalt bemerkt. "Dann hörte ich jemanden ‚Banditen‘ rufen – und alle begannen zu fliehen."

Kurz darauf stürmen bewaffnete Angreifer, die auf Motorrädern kamen, die Kirche und eröffnen das Feuer. Innerhalb weniger Minuten werden laut Behörden fünf Zivilisten getötet. Kirchenvertreter sprechen sogar von Angriffen auf zwei Kirchen und insgesamt sieben Toten während der Osterfeierlichkeiten. Mindestens 31 Menschen werden verschleppt.

Wo sind die Entführten?

Um deren Schicksal ist inzwischen eine Debatte entbrannt. Nach Angaben der Armee seien die Entführten nämlich bereits befreit worden. Soldaten hätten sich ein „heftiges Feuergefecht“ mit den Angreifern geliefert und diese zur Flucht gezwungen, berichtet die BBC; die Geiseln sowie die Leichen der Getöteten seien zurückgelassen worden.

Lokale Kirchenvertreter widersprechen jedoch. Joseph Ariko, Vorsitzender des Gemeindevereins, erklärte gegenüber News Central TV, dass weder Armee noch Polizei eine Rettungsaktion durchgeführt hätten. "Alle Entführten befinden sich nach wie vor in der Gewalt der Entführer.

Entführungen stehen an der Tagesordnung

Der Angriff ist Teil einer lang anhaltenden Gewaltspirale in Nigeria. Seit dem Aufstand der dschihadistischen Gruppe Boko Haram im Jahr 2009 (später schlossen sich Splittergruppen wie der Islamische Staat Westafrika, ISIS-WA, an) wird das Land von Anschlägen, Entführungen und Überfällen erschüttert.

Vor allem im Norden gehören Attacken durch islamistische Terrorgruppen und kriminelle Banden, die dort als "Banditen“ bezeichnet werden, zum Alltag. Sie operieren aus schwer zugänglichen Waldgebieten, überfallen Dörfer, zerstören Infrastruktur und entführen Menschen, um Lösegeld zu erpressen. Sicherheitskräfte gelingt es bislang nicht, die Lage unter Kontrolle zu bringen.

Nach Angaben von Hilfsorganisationen wurden seit 2009 mehr als 40.000 Menschen getötet und rund zwei Millionen vertrieben. Tausende von Schulen und Gesundheitszentren wurden zerstört und weite landwirtschaftliche Gebiete unzugänglich gemacht.

250 ethnische Gruppen

Nigeria mit seinen mehr als 250 ethnischen Gruppen ist religiös geteilt: ein überwiegend muslimischer Norden und ein stärker christlich geprägter Süden. Dennoch hat die Gewalt häufig weniger religiöse als vielmehr wirtschaftliche Ursachen. Extremistische Gruppen wie Boko Haram und ISWAP richten sich auch gegen muslimische Zivilisten, die ihre Ideologie ablehnen.

"Die überwiegende Mehrheit der mehr als 40.000 Menschen, die im Rahmen des Aufstands getötet wurden, sind Muslime“, sagte etwa UN-Koordinator Mohamed Malik Fall im Jänner. Damals sorgte die Verschleppung von mehr als 170 Gläubigen während einer Messe für internationales Aufsehen. 

Trump warnt vor Christenverfolgung

International wächst der Druck auf die Regierung in Abuja. Die USA äußerten zuletzt Bedenken hinsichtlich der Behandlung von Christen und stuften Nigeria als „Land von besonderer Sorge“ ein. US-Präsident Donald Trump drohte sogar mit militärischen Konsequenzen, sollte die Regierung „weiterhin die Tötung von Christen erlauben“.

Die Regierung weist den Vorwurf eines „christlichen Völkermordes“ jedoch entschieden zurück. Muslime, Christen und Menschen ohne Glauben seien gleichermaßen Opfer der Gewalt, heißt es. Die Sicherheitskräfte gingen gegen alle bewaffneten Gruppen vor, unabhängig davon, wen sie angreifen.

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