Geschäftsmodell Kidnapping: Wenn Hunderte Kinder entführt werden

Nehemiah Matthew (im Bild mit seinen Elten), einer der über 300 entführten Schüler, ist entkommen.
In Nigeria wurden zuletzt mehr als 325 Kinder entführt. Das Land ist überproportional von Geiselnahmen betroffen. Dahinter stecken – entgegen Trumps Aussage – vielmehr Ressourcenkämpfe als religiöse Motive.

"Ich dachte, ich sei tot. Dann wurde mir klar, ich kann noch denken, ich kann noch sehen. Also vielleicht bin ich nicht ganz tot." Folarin Banigbe steht in einem Fernsehstudio und redet über sein Buch. "Chroniken einer Entführung", lautet der Titel. Er spricht mit ruhiger Stimme. Sprechen kann er, Banigbe ist Pfarrer, erzählt von seinem Martyrium: Als er eines Nachts  Geräusche aus der Küche hörte, als Männer die Gitterstäbe vor den Fenstern durchschnitten und in sein Haus eindrangen, ihn niederschlugen und Schmuck und Elektrogeräte aus den Zimmern holten, ihn ins Auto schleppten und mit ihm wegfuhren.

Fünf Nächte war Banigbe in Gefangenschaft, bis seine Familie Lösegeld bezahlte. Wie viel, will er nicht sagen, jedenfalls mehrere Millionen Naira (eine Million Naira sind umgerechnet 600 Euro).

In den 1990er-Jahren steckten hinter Entführungen in Nigeria Öko-Aktivisten und lokale Gruppen, die den Rohstoffabbau  und  Landraub ausländischer Ölkonzerne im Süden des Landes, im Nigerdelta, sabotieren wollten. Doch längst finden die meisten Entführungen im Nordwesten und Nordosten des Landes, in den Regionen Zamfara, Borno, Katsina and Kaduna, statt. Mitte November wurden 25 muslimische Schülerinnen verschleppt, am 21. November 303 katholische Schüler und 12 Lehrer entführt – die schlimmste Massenentführung, die Nigeria je erlebt hat. Sie übertraf sogar die berüchtigte  Entführung von 276 Schülerinnen 2014, die  die Aufmerksamkeit der damaligen US-First-Lady Michelle Obama auf sich zog. Bis heute gelten 82 Mädchen immer noch als vermisst.

Kidnapping ist ein lukrativer Geschäftszweig geworden. Der Analysefirma SBM Intelligence zufolge wurden zwischen Juli 2024 und Juni 2025 mindestens 4.722 Menschen entführt und 2,56 Milliarden Naira (1,5 Millionen Euro) an Lösegeld gezahlt – weniger als verlangt und entgegen der Empfehlung der Regierung, auf Erpressungen nicht einzugehen. Doch selbst die Polizei rät insgeheim dazu. Eine andere Option als zu zahlen, haben Angehörige und Staat nämlich kaum.

Wie kann es sein, dass das bevölkerungsreichste Land Afrikas, nach Südafrika die größte Volkswirtschaft des Kontinents und das Land mit der zweitgrößten Filmindustrie weltweit – "Nollywood" – dieses kriminelle Businessmodell nicht in den Griff bekommt?

Die St. Mary's Catholic School wurde am 21. November überfallen, 303 Schüler und 12 Lehrer entführt.

Die St. Mary's Catholic School wurde am 21. November überfallen, 303 Schüler und 12 Lehrer entführt.

Folahanmi Aina, Experte für Sicherheit und Bandenkriminalität an der University of London, bestätigt: "Nigeria ist  überproportional stark von Entführungen betroffen." Er nutzt den Terminus "Entführung gegen Lösegeld": "Das verdeutlicht den wirtschaftlichen Hintergrund der Verbrechen."

Massenentführungen sind am auffälligsten, finden am häufigsten den Weg in die (internationalen) Medien. Jene von 2014 ging auf das Konto der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram, die im Norden Nigerias aktiv ist und vorrangig Mädchen als Sexsklavinnen und für Zwangsheiraten entführen. Doch die Krise trifft alle Altersgruppen und Geschlechter, sagt Aina, auch Reisende, Politiker, Geistliche, Geschäftsleute und den "durchschnittlichen" Nigerianer.

Die Entführer sind divers – von eigenständig agierenden kriminellen "Banditen", die auf einen entmachteten, alten Landesherren hören über IS-Ableger bis zu "Schutzgruppen", die mitunter von ausländischen Geldgebern finanziert werden, um den illegalen Abbau von Rohstoffen zu schützen, und mit Entführungen ihren Lohn aufbessern. Vor allem chinesische Firmen stehen in der Kritik, mit lokalen kriminellen Netzwerken zusammenarbeiten.

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Lösegeld als Einkommensquelle

Einer Analyse von Aina zufolge hat in den vergangenen Jahren in jenen Regionen, in denen wertvolle Rohstoffe wie Gold gefunden wurden, die Gewalt zugenommen. Im Vorjahr richtete Nigeria eine Spezialeinheit zur Bekämpfung illegaler Bergbauaktivitäten ein, der Erfolg blieb bisher überschaubar.

Die Armut im ländlicheren Norden des Landes ist weitaus größer als im Süden mit seinen Metropolen Lagos, Ibadan und Port Harcourt. Im ländlichen Raum ist der Staat weitgehend abwesend – all das führt dazu, dass Entführungen und Überfälle – nicht selten auch auf Rinderherden – für manche die einzige Überlebensquelle sind. 

Folarin Banigbe schreibt in seinem Buch auch über seine Peniger – einer davon sei während seiner Gefangenschaft in die Schule gegangen, um eine Abschlussprüfung zu schreiben. "Er hat mir gesagt, dass er Anwalt werden will. Für ihn war die Entfühung nur ein Job, und vermutlich die einzige Möglichkeit, an Geld zu kommen", sagt Banigbe.

Ein Zeitungsstand in der Hauptstadt Abuja.

Ein Zeitungsstand in der Hauptstadt Abuja. 

Elite kauft sich Polizeikräfte

Das Land hat aufgrund seines Rohstoffvorkommens eine kleine, extrem reiche Elite hervorgebracht – als reichster Afrikaner gilt der Nigerianer Aliko Dangote, der dank Zement, Zucker und Erdöl gemeinsam mit den drei anderen reichsten Männern des Kontinents mehr Vermögen besitzt als die Hälfte der Bevölkerung in Afrika (rund 1,5 Milliarden Menschen). Diese Elite kauft sich Polizisten, die sie rund um die Uhr beschützen. Für die ist diese Tätigkeit weitaus lukrativer als der Staatsdienst, mindestens 100.000 Beamte – mehr als ein Viertel der gesamten Polizeikräfte – sollen mit dem Schutz von Einzelpersonen beauftragt sein. Diese wiederum fehlen dem Staat, um gegen  kriminelle  Banden vorzugehen. Auch bei den letzten Überfällen ist nicht bekannt, welche Gruppierungen dahinterstecken. Die Regierung hat den nationalen Notstand ausgerufen und angekündigt, zusätzliches Personal zu rekrutieren.

"Die Täter handeln eher aus opportunistischen und wirtschaftlichen Gründen als aus religiösen Motiven", sagt Aina. Dass die christliche Bevölkerung, die in Nigeria nach Schätzung des Pew Research Center 43,4 Prozent ausmachen (56,1 Prozent sind Muslime), besonders gefährdet sei, wie US-Präsident Donald Trump behauptet und deswegen mit einer Militärintervention gedroht hat, stimmt nicht. NGOs betonen sogar, dass die meisten Opfer Muslime sind, da die meisten Angriffe im mehrheitlich muslimischen Norden des Landes stattfinden. In Zentralnigeria kommt es zwar immer wieder zu Gewalt zwischen – muslimischen – Hirten der Ethnie der Fulani und anders ethnischen, meist christlichen Bauern, die sei jedoch nicht religiös motiviert.

"Sicherheit gibt es für den durchschnittlichen Nigerianer nicht", sagt der einst entführte Folarin Banigbe. "Es trifft uns alle, egal welcher Religion oder Ethnie man angehört."

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