Politik | Ausland
05.12.2011

Christen in Ägypten stark unter Druck

Für die Christen hat die Revolution die Lage noch schwieriger gemacht. Sie kämpfen mit Intoleranz, Diskriminierung und Gewalt.

Wenn Marco davon zu sprechen beginnt, kann er kaum noch aufhören, dann verliert sich der 38-Jährige in Bildern der Gewalt, den Fußtritten der Polizei, den Steinen, den Prügeln mit den Holzknüppeln, den herumrasenden Armeeautos, die einfach über die Menschen drüberfahren.

Das alles ist bald zwei Monate her, doch der junge Kopte wird noch lange damit zu kämpfen haben. Seit der Protestmarsch der Christen am 9. Oktober in einem Blutbad endete, kann er kaum gehen und sieht auf einem Auge fast nichts. Er hat überlebt, 20 Demonstranten starben. Ägyptens wackeligem Frieden versetzte dieses Massaker den schwersten Schlag seit dem Abgang von Präsident Mubarak.

Zerstörung

Der lange schwelende Konflikt zwischen der muslimischen Mehrheit und der christlichen Minderheit, die etwa zehn Prozent beträgt, war eskaliert. "Es gab schon lange Probleme, jetzt aber gibt es Gewalt und Zerstörung", beschreibt Ezzat Boulos von der koptischen Internet-Plattform coptsunited.com die Situation.

Tatsächlich haben in den letzten Monaten in ganz Ägypten Kirchen gebrannt, wurden Gläubige attackiert. Viele vermuten dahinter die Salafisten, die Radikalste unter den islamistischen Bewegungen. Finanziert durch Geld aus Saudi-Arabien, sind sie schnell stärker geworden, populär vor allem unter den Armen, denen sie mit Lebensmitteln und ärztlicher Betreuung helfen.

Auch die Behörden machen der koptischen Gemeinde das Leben schwer. "Wenn man eine Kirche bauen oder renovieren will, wartet man Jahre auf die Genehmigung", erklärt ein koptischer Geschäftsmann: "Und bevor du anfängst zu bauen, steht die Moschee schon dort, auch wenn es mitten in der Wüste ist."

Abwehrhaltung

Unter den Kopten wächst die Abwehrhaltung. Während ihre geistliche Führung verzweifelt versucht, den Konflikt mit beschwichtigenden Worten unter der Decke zu halten, denken viele der Wohlhabenderen ans Auswandern. 100.000 sollen seit Mubaraks Ende Ägypten verlassen haben.
Den Armen, wie Marco, bleibt nur der Protest auf der Straße und eine für viele Kopten eigentlich ungewohnte Kämpferhaltung. Es gibt auch unter ihnen immer mehr Fanatiker, die die traditionelle "Nur nicht auffallen"-Grundhaltung nicht mehr akzeptieren wollen. Schon werden die Toten des 9. Oktober als Märtyrer verehrt, werden Kalender mit ihren Bildern gedruckt und in den Wohnungen aufgehängt. Doch viele Kopten sind irritiert, sich so klar von der muslimischen Mehrheit zu distanzieren. Schließlich wohnt man ja, anders als andere christliche Minderheiten im Orient, Haus an Haus mit den Muslimen.

"Wir sind einfach nebeneinander aufgewachsen", schildert Marco seine Jugend als Kopte im Shoubra-Viertel von Kairo: "Was aber wird passieren, wenn die Salafisten in der Regierung mitreden? Was, wenn die normalen Muslime das jeden Freitag in der Moschee zu hören bekommen?"

Saat der Feindseligkeit

Immer häufiger geht diese Saat der Feindseligkeit in den gemischten Stadtvierteln auf. "Auf einmal werden viele nicht mehr von ihren Nachbarn akzeptiert", schildert der Journalist Ezzat Boulos die Erfahrungen: "Da heißt es: ,Das Kreuz stört mich'. Da werden Frauen beschimpft, weil sie natürlich nicht verschleiert sind." In vielen Kirchen herrscht Angst, will man lieber nicht mit einem Fremden über die Probleme reden. Gerüchte über salafistische Prügelgarden, deren sich das Militärregime bedient, gehen um.

Optimistisch sei man nach der Revolution gewesen, sagen viele Kopten, jetzt fühle man sich gefährdet wie noch nie. Trotzdem engagieren sich viele auch jetzt auf dem Tahrir-Platz - etwa mit einem koptischen Mediziner-Team. "Wir sind eine Stütze für die liberalen Muslime und sie für uns. Vielleicht hört man auf uns gemeinsam."

Verfolgt: Acht Millionen Kopten
Alte Ägypter
Rund ein Zehntel der 80 Millionen Ägypter sind koptische Christen. Sie stammen von den alten Ägyptern ab, vom Wort "Aigyptos" stammt auch ihr Name ab.
Der prominenteste Vertreter ist Ex-UNO-Generalsekretär
Boutros Boutros-Ghali.

Flucht
Seit dem Sturz von Präsident Mubarak wurden vermehrt Angriffe auf Kopten in Ägypten gemeldet. Dutzende wurden dabei getötet. Aus Angst wandern viele Kopten ab. 100.000 sollen seit März Ägypten verlassen haben.