60.000 an einem Tag: Woher kommt Ansturm der Migranten? Und wieso ausgerechnet jetzt?
Was ist passiert?
Binnen 24 Stunden sind am Donnerstag rund 60.000 Migranten in die spanische Exklave Ceuta gelangt. Die kleine Landzunge im Norden Marokkos gilt als EU-Außengrenze und ist hochgesichert, mit hohen Zäunen, Stacheldraht und Grenzpolizisten. Aufnahmen zeigen Migranten, die beim Betreten der Exklave „Es lebe Spanien“ rufen.
Zur Unterstützung der örtlichen Polizei schickte die spanische Regierung am Donnerstagabend auch 60 Soldaten und 200 Spezialkräfte der Polizei. Die marokkanischen Sicherheitskräfte hätten sich beim Eintreffen der Migranten zurückgezogen, berichtet die spanische Nachrichtenagentur EFE.
In Ceuta selbst leben nur circa 83.000 Menschen.
Betroffen ist auch Melilla, die zweite spanischen Exklave in Nordafrika. Auch dort überwanden Hunderte Migranten – berichtet wird von rund 400 – die Grenze.
Am Freitagnachmittag sollen bereits wieder 25.000 Migranten Ceta verlassen haben und zurück nach Marokko gebracht worden sein.
Wie viele sind genau gekommen?
40.000, 49.000 – am Freitagnachmittag hieß es schließlich sogar 60.000: Die Behörden korrigierten die Zahl der Migranten stetig nach oben. Die Situation vor Ort war lange unübersichtlich. Auch zur Zahl der Todesopfer gibt es unterschiedliche Angaben.
Die Behörden gehen davon aus, dass mindestens neun Menschen beim Versuch, auf EU-Territorium zu gelangen, starben. Unbestätigten Medienberichten zufolge sollen gar mindestens 40 Menschen ums Leben gekommen sein.
Woher kommen die Migranten?
Offizielle Angaben liegen derzeit nicht vor. Die Migranten machten sich in den vergangenen Jahren hauptsächlich aus Marokko, der Westsahara, Mauretanien, Senegal und Gambia auf den Weg.
Wieso Ceuta?
Die spanische Enklave trennt lediglich ein Zaun von Marokko und gilt seit Jahren als einer der wichtigsten Zugangspunkte für afrikanische Migranten nach Europa. Immer wieder versuchen Menschen, von Marokko aus schwimmend oder über die Grenzanlagen auf EU-Gebiet zu gelangen.
Aber auch der vermeintlich einfache Weg nach Ceuta ist lebensgefährlich. Wer die spanische Stadt und ihre Strände bei Benzú und Tarajal erreichen will, muss vom marokkanischen Staatsgebiet aus unter Umgehung der Absperreinrichtungen im Meer fast vier Stunden schwimmen, schreibt die SZ.
Dabei ertrinken immer wieder Migranten. In den vergangenen 24 Stunden mindesten neun.
Wieso ausgerechnet jetzt?
Der plötzliche Ansturm ist auf Gerüchte zurückzuführen, die von der Schleppermafia infolge eines aktuellen Gerichtsurteils in Spanien zur Einwanderung verbreitet worden sein soll. Das Gerichtsurteil besagt, dass Menschen, die Ceuta schwimmend erreichen, nicht zurückgeschickt werden dürfen. Diese Auslegung soll sich in Marokko dann wie wie ein Lauffeuer verbreitet haben. Spaniens Regierung kündigte deshalb am Freitag die Errichtung einer „physischen Barriere“ im Meer bei Ceuta an.
Einen Zusammenhang mit dem außerordentlichen Regulariserungsprogramm, das Hunderttausenden irregulär in Spanien lebenden Migranten einen Aufenthaltstitel verschaffen soll, wies die linke Regierung unter Premierminister Pedro Sanchez zurück.
Beobachter fühlen sich zudem an 2021 erinnert, als rund 10.000 Migranten in Ceuta ankamen. Hintergrund war damals ein Clinch Spaniens mit Marokko über die Westsahara - eine ehemalige Kolonie Spaniens, auf die auf Marokko Anspruch erhebt.
Wie reagiert die Politik?
Die Politiker im Rest der EU sind sich einig: Es liegt an Spanien, die Grenzen zu schließen – andernfalls drohte man sogar mit einem Ausschluss des Landes aus Schengen.
Auch Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) forderte, Spanien müsse „seiner europäischen Verantwortung“ nachkommen und sicherstellen, „dass kein einziger illegaler Migrant auf europäisches Festland gelangt“. Sollte Österreich Druck auf die eigenen Grenzen spüren, werde man alles tun, um sie zu schützen – „dazu gehören im Bedarfsfall auch temporäre Schließungen der Schengen-Grenzen“, so Stocker.
Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission, forderte am Freitag, dass die „gefährlichen Überfahrten“ gestoppt werden. „Wir können niemandem erlauben, in unsere Union zu kommen, ohne sich an unsere Regeln zu halten“, schrieb sie.
Was bedeutet die Situation für Schengen?
Das ist freilich noch unklar. Aber ein Ausschluss Spaniens von Schengen liegt am Tisch. Auch Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen forderte am Freitag, die EU müsse alle Optionen prüfen. „Es ist klar, dass die EU unverzüglich alle notwendigen Schritte unternehmen und alle Möglichkeiten in Betracht ziehen muss, einschließlich der Aussetzung der Schengen-Kooperation“, erklärte die Sozialdemokratin gegenüber der dänischen Nachrichtenagentur Ritzau.
Unkontrollierte Migration sei eine „Bedrohung“ für Europa. Frederiksen sprach nach eigenen Angaben bereits mit Italiens Regierungschefin Giorgia Meloni, die den Vorstoß als Erste ins Spiel gebracht hatte.
Wieso hat Spanien zwei Exklaven in Nordafrika?
Die an der Küste Nordafrikas gelegenen und von Marokko beanspruchten Städte Ceuta und Melilla sind seit Jahrhunderten unter der Kontrolle Spaniens. Beide gehen auf Gründungen der Phönizier zurück. Spanier und Portugiesen nahmen die Städte im 15. Jahrhundert ein – quasi als Fortsetzung der Reconquista (Rückeroberung), mit der die christlichen Heere die arabischen Herrscher von der Iberischen Halbinsel vertrieben.
Ceuta, auf einer Halbinsel an der Meerenge von Gibraltar gelegen, wurde 1415 von den Portugiesen erobert. Die Spanier übernahmen 1580 mit der Annexion Portugals die Herrschaft über die Stadt. Ceuta blieb auch spanisch, als Portugal 1640 die Unabhängigkeit zurückerlangte. Das rund 225 Kilometer weiter östlich gelegene Melilla wurde 1497 von den Spaniern erobert.
Beide Küstenstädte haben seit 1995 ein Autonomiestatut und sind auch Militärstützpunkte. Ihr jeweils kleines Territorium wird vom Mittelmeer und von Marokko eingeschlossen. Ceuta misst rund 18,5 Quadratkilometer und hat etwa 84.000 Einwohner, Melilla mit seinen rund 87.000 Einwohnern hat eine Fläche von etwa 12,3 Quadratkilometern – gut das Vierfache der Wiener Innenstadt.
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