© EPA/CLEMENS BILAN

Porträt
06/18/2020

CDU-Nachwuchshoffnung in Lobby-Affäre verstrickt: Anständig sein, ist schwer

Philipp Amthor galt als etwas, das in der CDU rar ist: Ein junger Hoffnungsträger. Dem 27-Jährigen gelang ein rasanter Aufstieg, nun könnte ihn eine Lobby-Affäre bremsen.

von Sandra Lumetsberger

Veralbert, verachtet, manchmal auch verniedlicht - es hat gedauert, bis Philipp Amthor, 27 Jahre, Hornbrille und akkurater Seitenscheitel, politisch ernst genommen wurde. Als er mit 24 Jahren ein Direktmandat in seinem Wahlkreis in Vorpommern gewann, war das mehr als eine Meldung. Richtig bekannt wurde er aber mit einem  Auftritt im Bundestag im Februar 2018. Da stand der damals jüngste direkt gewählte Abgeordnete am Pult und hielt eine Gegenrede zum Burka-Verbotsantrag der AfD. Wobei er ebenfalls gegen das Tragen der Burka ist, ein entsprechendes Gesetz aber im Rahmen der Verfassung sein muss, so Amthor. "Hören Sie mir mal zu, dann können Sie noch etwas lernen über die Verfassung", lautete der vielzitierte Satz des jungen Juristen. Das Video wurde im Netz vielfach geklickt.

Der junge CDU-Politiker avancierte zum gern gesehenen Talkshow-Gast. Dort saß er dann auf der Couch, angezogen wie Opa, und gab sich klug, eloquent und konservativ. Die "Heute Show" nannte ihn den "ältesten 26-Jährigen der Welt". Und "Zeit"-Reporter Moritz von Uslar, der ihn für ein Porträt zwar in eine Bar locken konnte, aber nichts aus ihm herausbekam, als Sätze wie "konservative Politik fuße auf Werten, nicht auf Ideologie", schwärmte: "So herrlich unlocker".

Vermutlich war es am Anfang unfreiwillig, aber Amthors Makel ist zur Marke geworden. Der Account Philipp-Amthor-Memes hat auf Instagram mehr als doppelt so viele Fans wie die echte Seite des Politikers. Sie wird von Menschen betrieben, die wenig mit seinen wertkonservativen Vorstellung zu tun haben, ihn aber irgendwie mögen oder kultig finden. Vielleicht hat genau das seine Karriere bisher am meisten gepusht.

"Zu konservativer Politik gehört auch, sich anständig zu benehmen"

Dieser Tage sollte jedenfalls der nächste Karriere-Schritt folgen. Er strebt den CDU-Landesvorsitz in seiner Heimat Mecklenburg-Vorpommern an - ein schwieriges Terrain mit vielen AfD-Wählern, wo er sich beweisen könnte. Auch deshalb wird er mit Blick auf den 31-jährigen österreichischen Bundeskanzler gerne als "Kurz des Nordens bezeichnet". Ein junger Konservativer, der in Interviews oder Talkshows gerne erklärt, was Konservativsein bedeutet. Amthor sagt dann meistens so etwas wie: "Zu konservativer Politik gehört auch, sich anständig zu benehmen." Ein Satz, der seit den Recherchen des "Spiegels" nicht besonders authentisch klingt.

Denn wie bekannt wurde, warb Philipp Amthor im Herbst 2018 in einem Brief an den Bundeswirtschaftsminister um politische Unterstützung für die IT-Firma Augustus Intelligence. Ein US-Unternehmen, das von Deutschen gegründet wurde und Konservative wie den Ex-Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen, früheren Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und eben CDU-Nachwuchshoffnung Amthor dazuholte.

Besonders heikel: Der junge Abgeordnete aus einfachen Verhältnissen stammend, aufgewachsen bei einer alleinerziehenden Mutter - so erzählt er seine Geschichte - erhielt einen Direktorenposten und Aktienoptionen. Obendrauf gab's Urlaubsreisen und teure Hotels, unklar ist, wer dies bezahlte. Aus einem Mailverkehr der Augustus-Leute geht hervor: "So ein geiler Typ, wir müssen uns echt bei ihm bedanken."

"Fehler", aber kein Rücktritt

Als das Ganze nun aufflog, räumte Philipp Amthor "Fehler" ein und stellte klar: "Ich bin nicht käuflich". Sein Engagement habe rückblickend nicht seinen eigenen Ansprüchen an die Wahrnehmung seiner politischen Aufgaben entsprochen, schrieb er auf Facebook. Aber Rücktritt? Davon ist keine Rede.

Amthor hat in der Union einige Menschen, die seine Karriere befördert haben. Er wurde als Wahlkampfhelfer eingeladen, stand neben Ministern wie Horst Seehofer und Jens Spahn. Oder saß im Untersuchungsausschuss des Bundestags zum Terroranschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz. Diesen Posten wird er nun zurücklegen.

Der Nimbus des Hoffnungsträgers scheint angekratzt - was wird nun von ihm bleiben? Der gescheiterte junge Konservative, der nach einer Pause geläutert auf die Talkshowcouch zurückkehrt? Oder bloß ein kultig-konservatives Maskottchen? In der Parteinachwuchsorganisation Junge Union, wo er als Schatzmeister wirkt, haben ihn einige auch deswegen immer etwas skeptisch beäugt. Bei der Wahl des neuen Vorsitzenden 2018 fiel nicht unbedingt gleich sein Name. "Hast du gesehen, wie der aussieht?", sagte einer mit Verweis auf Amthors Signature Look: Anzug, Krawatte, und Pin mit Deutschlandfahne am Revers.

Kultig, aber knochenhart

So kultig er damit rüberkommen mag, so knochenhart wirken wiederum seine Positionen als Vertreter einer Partei der Mitte. Wie ein Mann aus einer anderen Zeit fiel er vor einem Jahr im Talk bei Anne Will auf. Da fand sich der junge Mann in einer Diskussionsrunde um den umstrittenen Abtreibungsparagrafen wieder. Dieser verbietet Ärztinnen und Ärzten über Schwangerschaftsabbruch zu informieren. Amthor, in der Rolle des Konservativen, sprach sich in der Frauen-Runde bestehend aus einer Ärztin, Frauenrechtsaktivistin und SPD-Familienministerin, klar dafür aus. Mit seiner Unterstützung in einem einschlägigen Verein konfrontiert ("Fürs Leben, nicht fürs Töten werben"), wollte er dann schnell klar stellen, dass er gar kein "Abtreibungsgegner" sei. Und gab, nachdem er seine Positionen rausgehauen hatte, zu, dass hier in der Runde zu sitzen, nicht einfach sei - "als junger Bundestagsabgeordneter, der männlich ist und noch keine Kinder hat".

Zuletzt kursierte auch ein Video im Netz, das ihn mit einigen grauhaarigen Männern die Nationalhymne singend zeigte. Dann hört man ihn, wie er sagt "ist keiner von uns Moslem, der das jetzt nicht singen kann". Amthor erklärte seinen Spruch später für "mehr als unglücklich", entschuldige sich immer wieder. Irgendwann war es vergessen.

Ob für seine Lobby-Arbeit am Ende auch das "Sorry" reicht, um glimpflich aus der Affäre zu kommen? In der Union will man den Fall transparent prüfen lassen. Da geht es etwa darum, ob er seine Spesenzuwendungen und Anteilsoptionen auch als Einkünfte hätte deklarieren müssen. Ein CDU-Parteikollege wird von der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" so zitiert: "Er ist eben noch jung, und da trifft man im Überschwang noch leichter falsche Entscheidungen." Für einen, der lange nicht ernst genommen wurde, könnten solche Sätze schon die größte Strafe sein.

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