Politik | Ausland
21.07.2017

Brexit: Immer mehr Briten wollen irische Staatsbürgerschaft

Nachfrage nach Pässen stieg seit dem Referendum über den EU-Austritt um rund 50 Prozent – auch in Nordirland.

Am 27. Juni 2016, vier Tage, nachdem mehr als die Hälfte der Briten für den Ausstieg aus der Europäischen Union gestimmt hatte, gingen beim irischen Passamt in Großbritannien rund 4.000 Anträge ein. In Nordirland konnte das irische Amt keine Anträge mehr entgegen nehmen – alle Formulare waren vergriffen.

Die Nachfrage hat seither nicht nachgelassen, gab das irische Außenministerium nun bekannt. Im ersten Halbjahr 2017 wurden 100.000 irische Pässe von britischen Staatsbürgern beantragt. Im Vergleichszeitraum 2016 waren es 65.000.

Laut einem Bericht des Guardian sind die Anträge aus Großbritannien gegenüber dem Vorjahr um 44 Prozent gestiegen. Britische Staatsbürger schilderten, sie wollten so etwaigen Schwierigkeiten im Beruf vorbeugen und sicherstellen, auch nach dem EU-Austritt uneingeschränkt in Europa reisen zu können.

Doppelstaatsbürger

Anrecht auf einen irischen Pass hat jeder, dessen Eltern oder Großeltern in Irland geboren wurden. Großbritannien erlaubt doppelte Staatsbürgerschaften im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern.

In Nordirland ist die Nachfrage nach Pässen sogar um 59 Prozent gestiegen. Die Region hatte mit 55,8 Prozent für den Verbleib in der EU gestimmt. Nordirische Staatsbürger haben das Recht auf einen irischen Pass, wenn sie vor 2005 auf der Insel geboren wurden oder irische Wurzeln nachweisen können. Sogar Ian Paisley Jr., ein Vertreter der Pro-Brexit Democratic Unionist Party (DUP), forderte nordirische Bürger auf, einen zweiten Pass zu beantragen. "Mein Rat ist, wenn Sie zu einem zweiten Pass berechtigt sind, nehmen Sie einen", twitterte Paisley schon im Juni 2016.

Mehr als 500.000 Pässe wurden 2017 bereits ausgestellt, die irischen Behörden kommen mit der Bearbeitung kaum nach. Rund 2,1 Millionen weitere Personen haben Anrecht auf einen irischen Pass – in einem Land mit 4,7 Millionen Einwohnern.

Zwischenbilanz

Die erste durchgehende Verhandlungswoche bei den Brexit-Gesprächen in Brüssel hat indessen keine bahnbrechenden Fortschritte gebracht. Auf dem Plan war allerdings auch nur gestanden, die Positionen der EU-27-Staaten und der Regierung in London abzustecken. Dabei ist nach wie vor der Streit darüber, ob und wie viel das Vereinigte Königreich bei seinem Austritt zahlen muss, einer der schwierigsten Punkte. "Ein geordneter Austritt verlangt, dass Großbritannien seine Rechnungen zahlt", beharrte der EU-Chefunterhändler Michel Barnier am Donnerstag. Worauf sein britisches Gegenüber, David Davis klarstellte, London werde seine internationalen Verpflichtungen respektieren. "Aber wenn man jetzt enorme Summen fordert, ist das Erpressung." Ende August werden die Verhandlungen fortgesetzt.

- Nadine Zeiler und Ingrid Steiner-Gashi, Brüssel