Boris Johnson, 54, ante portas: Sollte er Tory-Chef und Premier werden, käme es zu einer Senkung der Einkommenssteuer

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Politik Ausland
06/10/2019

Brexit-Boris ist der klare Favorit für Tory-Chef-Posten

Am Montag endete die Nominierungsfrist für die May-Nachfolge als Parteivorsitzende und Premierministerin.

von Walter Friedl

Zehn Kandidaten und Kandidatinnen also wollten in den Ring steigen  – einer oder eine aus dieser Gruppe wird Großbritannien wohl aus der EU führen. Und es gibt einen Favoriten für den Job als Parteichef der Tories, der dann auch Premierminister wird: Ex-Außenminister Boris Johnson, eine der Galionsfiguren der Brexit-Bewegung.

Johnson ließ sich sogar die Haare schneiden

"Ich möchte Begeisterung für konservative Werte entfachen", warb der 54-Jährige vor Ablauf der Nominierungsfrist am Montag um 18 Uhr (MESZ) in eigener Sache. Betont zurückhaltend und moderat gab sich der sonst so polternde Exzentriker zuletzt, um sich eine breite Basis zu sichern. Sogar seine wilde Mähne hatte er sich schneiden lassen. Zudem sagt er von sich, dass er der Einzige sei, der Nigel Farage, der mit seiner Brexit-Partei bei den EU-Wahlen stimmenstärkste Gruppierung wurde (33 Prozent), in dessen "Kiste zurückzwingen" könne. Die Tories landeten bei diesem Urnengang mit neun Prozent Zustimmung abgeschlagen auf Platz fünf.

Ein Spaziergang wird das Auslese-Verfahren für Johnson freilich nicht. Denn wie formulierte dessen Parteikollege Steve Norris so treffend: "Jeder mag Boris, außer die, die ihn kennen." Und so setzte der Ex-Chefdiplomat am Wochenende einen Akzent, der bei den Brexiteers gut ankommen dürfte: Er würde die vereinbarten britischen Zahlungen an die EU in der Höhe von 44 Mrd. Euro zurückhalten. Auch eine Senkung der Einkommenssteuer stellte er den Briten in Aussicht.

"Koks-Kandidat"

Schärfster Konkurrent Johnsons war zuletzt Umweltminister Michael Gove. Doch der nahm sich de facto selbst aus dem Spiel – weil er zugeben musste, vor 20 Jahren Kokain konsumiert zu haben. Und so rückte Außenminister Jeremy Hunt in die zweite Position auf, die Nachfolge von Theresa May anzutreten.

Neuer Tory-Chef bis Ende Juli

Ab jetzt sind jedenfalls die Parlamentsabgeordneten der Konservativen am Zug. In mehreren Wahlgängen wird die Kandidatenschar auf zwei begrenzt. Diese stellen sich dann den rund 80.000 Tory-Mitgliedern der Urwahl.

Im Anschluss daran (Ende Juli) wird die Queen den neuen Parteichef oder die neue Parteichefin mit der Regierungsbildung beauftragen. Ein neuer Premier muss sich im Parlament einer Abstimmung unterziehen, wo die Tories die Mehrheit haben.

JEREMY HUNT, 52

Der Außenminister ist bekannt für seinen Ehrgeiz. Er wandelte sich von einem EU-Befürworter zu einem Brexit-Fan. Die EU verglich er  einmal mit der früheren Sowjetunion.

MICHAEL GOVE, 51

Der Umweltminister und frühere „Times“-Journalist mit guten Verbindungen zum Trump-Verbündeten Rupert Murdoch musste kürzlich eine Koks-Affäre zugeben.

DOMINIC RAAB, 45

Der ehemalige Brexit-Minister trat wegen des von Premierministerin May ausgehandelten Deals zurück, für den er eigentlich zuständig war. Auch er gilt als überaus ehrgeizig.

ANDREA LEADSOM, 56

Die Brexit-Hardlinerin trat erst kürzlich aus Mays Kabinett  aus. Bereits vor drei Jahren wolle sie Tory-Chefin werden, zog aber gegen Theresa May den Kürzeren.

RORY STEWART, 46

Der Entwicklungshilfe-Minister und Karriere-Diplomat ist eigentlich eine EU-Befürworter, akzeptiert aber den Volksentscheid. Er gab den  Prinzen William und Harry Privatunterricht.

SAJID JAVID, 49

Als Innenminister zog er eine strenge Law-and-Order-Politik durch. Als  Sohn pakistanischer Einwanderer ist er der erste Muslim, der sich um den Vorsitz der Tories bewirbt.

MATT HANCOCK, 40

Der Gesundheitsminister lehnt eine Loslösung von der EU ohne Deal  ab. Für Aufregung sorgte er, als er Labour-Chef Jeremy Corbyn mit Adolf Hitler verglich.

ESTHER MCVEY, 51

Die Ex-Arbeitsministerin verspricht ein Kabinett, das ausschließlich mit Brexit-Befürworten bestückt sein soll. Sie beharrt auf einen Austritt Ende Oktober – notfalls auch ohne Deal.

MARK HARPER, 49

Der Ex-Staatssekretär für Immigration sieht sich selbst als  Außenseiter. Er plädiert für eine Fristverlängerung, um mit der EU einen Austrittsdeal verhandeln zu können.