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Politik Ausland
09/15/2012

Blutiger Winter nach Arabischem Frühling

Das Verhältnis des Westens zur islamischen Welt ist von Wunschdenken bestimmt.

von Peter Rabl

Wieder einmal werden die westlichen Demokratien Opfer ihrer Illusion, mit ihren Werten und Zielen die ganze Welt prägen zu können. Was im arabischen Frühling als Aufbruch zur Demokratie bejubelt wurde, entpuppt sich als Auftakt zu einem blutigen islamistischen Winter in Nahost.

Ein in den USA produzierter, unsäglich dummer und schlechter Film voll primitivster Verunglimpfungen des Propheten Mohammed genügte, in vielen islamischen Staaten mörderische, von Islamisten gesteuerte Massenproteste auszulösen. Die neuen Regime sind dagegen weitgehend machtlos, so sie nicht insgeheim die Wut teilen. Im Iran fachen die Mullahs den antiwestlichen Furor ganz offen an. Und als Financier der radikalen Moslems mischt nicht nur in Nahost der angeblich engste arabische Partner der USA, Saudi-Arabien, kräftig mit an der Eskalation.

„Clash of Civilizations" – der Zusammenstoß der Kulturen – ist mehr als ein berühmter Buchtitel. Nüchterne Analyse statt Wunschdenken hätte längst so klare Fakten wie die seit 1990 gültige islamische Version der Menschenrechte ernst nehmen müssen. In dieser sogenannten „Kairoer Erklärung" der islamischen Staaten werden alle Rechte den Gesetzen der Scharia unterworfen. Das steht in weiten Teilen den angeblich global gültigen Menschenrechten diametral entgegengesetzt gegenüber.

Unüberbrückbare Gegensätze

Es geht aber um weit mehr als um Deklarationen. Entscheidend sind die auf langer Sicht unüberbrückbaren gesellschaftlichen Gegensätze zwischen aufgeklärten westlichen Demokraten und den vielen Millionen teils fanatischen Anhängern eines von Alters her überkommenen, alles dominierenden Islam. Letzteres verstärkt durch extrem rückständige soziale Regeln und über die Jahrhunderte regiert von repressiven Regimen.

Dass auf diesem fanatisch religiösen und rückständigen sozialen Humus über ein paar Monate Volksaufstand funktionierende Demokratien nach unserem Muster entstehen würden, erweist sich einmal mehr als blanke Naivität. Nicht einmal die große Mehrheit der vielen Jungen in den Frühlings-Revolutionen sieht in westlichen Systemen ein Vorbild, sondern sucht statt dessen in einem strengen Islam Halt.

Niemand hat jetzt ein Patentrezept, wie man mit dem aggressiven Islam der Massen und ihren fragwürdigen neuen Politikern zurechtkommen soll. Amerikanische Kriegsschiffe vor den Küsten des Nahen Ostens sind bestenfalls hilflose Machtdemonstrationen. Kritischer Realismus ist angesagt im Verhältnis zu den islamischen Staaten. Und ausgeprägte Vorsicht gegenüber radikal-islamistischen Umtrieben unter den im Westen millionenfach lebenden Moslems. Arroganz ist nicht angebracht. Vor 200 Jahren sei die katholische Kirche stehen geblieben, sagte der kürzlich verstorbene reformfreudige Mailänder Kardinal Martini. Wie gut, dass die Kirche längst ohne Macht ist.

 

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