© Ole Bader

Overtourism
09/19/2019

Berlin: Urlaub mit Müllsack und Greifzange

Städte geraten in puncto Touristen oft an ihre Grenzen. In Berlin sammeln sie jetzt Müll – freiwillig

von Sandra Lumetsberger

Dicke Regenfäden prasseln auf den Boden, die Köpfe und die Schirme der Menschen. Teresa Thompson lässt sich davon nicht beirren, zieht die Kapuze zurecht und macht weiter: Mit einer Holzgreifzange pickt die 71-Jährige Kronkorken und Zigarettenstummel auf – hier im Ernst-Thälmann-Park am Prenzlauer Berg. Ein Viertel, das Touristen wie Neu-Berliner anzieht.

Die Neuseeländerin war zuletzt 1969 mit dem Rucksack in Ostberlin („so grau und trist“) – nun wollte sie am Weg zu ihrer Tochter in London die Stadt wiedersehen. Warum sie nun einen Tag vor ihrer Abreise mit dem Mann Müll sammelt, hat mit einer Aktion zu tun, die es schon in anderen europäischen Städten gibt – seit kurzem auch in Berlin. Zuerst bekommen die Menschen eine Führung, etwa über das geteilte Berlin – auf Spanisch, Englisch und Deutsch – danach räumen sie in einem der Parks auf. Angeboten wird das von der Firma Sandemans in Zusammenarbeit mit dem Bezirk Pankow.

Touris, die Gutes tun

Man reagiert damit auf eine Entwicklung, die man in anderen europäischen Städten beobachtet hat: Ressentiments gegen Touristen. Aus Sicht von Anwohnern würden diese in Massen in ihrer Stadt und zunehmend in ihrem Alltag auftauchen – Stichwort „Overtourism“: zu viele Touristen an einem Ort. „Reisen und Tourismus soll Menschen zusammenbringen, das wird vergessen, weil die Touristen als Belastung wahrgenommen werden“, erklärt Lisa John von Sandemans. Die Aktion soll zeigen, Besucher machen nicht nur Müll, sie tun auch Gutes. Tatsächlich habe man festgestellt, dass dieses Bedürfnis bei Urlaubern wächst. Sie wollen in einem Land nicht nur Sightseeing machen, sondern Sinnstiftendes tun oder erleben.

So wie die Australierin Betty. Die Seniorin fährt gerne in Länder, wo sie Englischunterricht geben kann. Die Aufräumaktion findet sie gut, um die Stadt von einer anderen Seite kennenzulernen. Ong Wei Young, ein Student aus Singapur, macht mit, um etwas Neues zu erleben. Er trägt eine Warnweste, weiß aber noch nicht, was er mit der Greifzange tun soll. „Berlin ist eigentlich sehr sauber. Andere Städte hätten so etwas dringender nötig.“

Die Aktion soll sicher nicht die Stadtreinigungsbetriebe ersetzen, sagt Bezirksstadträtin Ronja Tietje (SPD). Sie hofft auf mehr Sensibilisierung. Am Prenzlauer Berg haben sie es im stark frequentierten Mauerpark neben Müll mit Anwohnerbeschwerden wegen der Karaoke-Konzerte zu tun. Dennoch sei man weit davon entfernt, was in Städten wie Barcelona passiert, wo Bewohner ihren Ärger auf Transparenten am Balkon sichtbar machen („Tourists go home“).

Von Touri-Beschimpfung hält eine Anwohnerin, die im Ernst-Thälmann-Park ebenfalls sauber macht, nichts. Für den Müll sind die Berliner mitverantwortlich. Sie könnten sich ein Beispiel nehmen an den Touristen, „die müssten das ja nicht machen“.

Teresa Thompsons Müllsack ist am Ende gut gefüllt. „Es ist doch schön, wenn man als Gast kommt und einen Ort sauber hinterlässt“, sagt sie zufrieden und völlig durchnässt. Ihr Mann, der neben ihr pickt, sieht darin keine große Sache. Community Cleaning sei in Neuseeland weit verbreitet. „Das machen wir daheim regelmäßig.“

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