Der Bürgermeister, der während Berlins Blackout Tennis spielte
Kai Wegner beim Besuch einer Notunterkunft in Berlin.
"Ich habe von 13 bis 14 Uhr Tennis gespielt, weil ich einfach den Kopf freikriegen wollte." Mit diesen Worten versuchte der CDU-Bürgermeister Kai Wegner, Kritik an seinem Krisenmanagement nach dem größten Stromausfall in Berlin seit dem Zweiten Weltkrieg auszubügeln – doch sie heizten die Missbilligung noch mehr an. AfD, FDP und BSW forderten den Rücktritt des Bürgermeisters, der in der Bundeshauptstadt mit der SPD regiert.
Von Samstagfrüh bis Mittwochabend kämpfte die 3,9-Millionen-Einwohner-Stadt mit einem riesigen Stromausfall, der einem Bekennerschreiben zufolge auf die linksextremistische "Vulkangruppe" zurückzuführen sein soll. Die Gruppe, benannt nach isländischen Vulkanen, die 2010 den Flugverkehr in Europa wochenlang lahmlegten, soll wiederholt Sabotageakte gegen Infrastruktur verübt haben, etwa gegen den Strommast der Tesla-Fabrik in Brandenburg 2024. Diesmal waren 40.000 Haushalte, 100.000 Menschen und einige Hundert Unternehmen betroffen, darunter Krankenhäuser, die an die Notstromgeneratoren mussten. Strom, Heizung, Internet, Handyempfang – alles war ausgefallen, und das bei Minusgraden. Notunterkünfte und Essensausgaben wurden eingerichtet.
Eine Wärmestube in Berlin.
Kritik an Abwesenheit
In diesen kritischen Stunden soll sich Wegner laut Medien und der Senatskanzlei eine Stunde lang mit seiner Partnerin, der Berliner Bildungssenatorin, auf einer Tennisanlage am Rand von Berlin aufgehalten haben – für Notfälle allerdings durchgehend erreichbar gewesen sein. Zu einer Zeit, als bereits bekannt war, dass der Stromausfall länger als ein paar Stunden dauern würde. Er sei an dem Tag seit acht Uhr früh mit dem Krisenmanagement in Kontakt gewesen, habe rund um die Uhr telefoniert, so der Bürgermeister am Mittwoch gegenüber Welt TV, und sei auch danach umgehend an seinen Schreibtisch zurückgekehrt.
Die Sache fällt ihm auch zur Last, weil ihm schon in den ersten Tagen des Stromausfalls vorgeworfen wurde, die betroffenen Stadtteile nicht besucht zu haben, sowie dem Krisenstab nicht anzugehören. "Was macht eigentlich der Regierende Bürgermeister so?", fragte die Süddeutsche schon am Sonntag. Dieser erklärte am selben Tag beim Besuch einer Notunterkunft, er sei am Samstag "im Homeoffice" und "den ganzen Tag am Telefon" gewesen. Am Mittwoch räumte Wegner ein, er hätte "rückblickend am Sonntag sagen sollen, was ich am Samstag gemacht habe".
In den sozialen Medien wurde der Spott in KI-generierte Bildern gegossen: Eines zeigt Wegner am Tennisplatz und im Tennisoutfit mit dem Handy am Ohr; ein anderes, wie er sich in einer zu einer Notunterkunft umgestalteten Sporthalle über eine Seniorin beugt – im Sportgewand und mit Schläger in der Hand. Die ehemalige Grünen-Chefin Ricarda Lang feixte: "Immerhin Kai Wegner hatte am Samstag Netz."
Die marode Bundeshauptstadt
Wegner, gelernter Versicherungskaufmann und ehemaliger Unternehmensberater, ist seit April 2023 Bürgermeister von Berlin. "Stadtrandkandidat" wurde er genannt, aufgewachsen im Westen Berlins, in Spandau, der für viele überraschend die CDU nach 22 Jahren SPD-Vorherrschaft in der Bundeshauptstadt zurück an die Spitze geführt hat. Das lag aber eher an den langjährigen Versäumnissen der sozialdemokratischen Führung der Bundeshauptstadt – das Schneckentempo der Bürokratie, kaum leistbarer Wohnraum, die Silvesterkrawalle mit Angriffen auf Polizisten und Rettungskräfte –, als an Wegners Charisma oder der ihm bescheinigten Kompetenzen.
Die notorisch als links eingestellt geltende Metropole, in der vieles nicht funktioniert, so lautet das schlechte Image Berlins. Die CDU-SPD-Koalition rühmte sich zuletzt mit sicherheitspolitischen Maßnahmen wie der Videoüberwachung an öffentlichen Plätzen mit überdurchschnittlich vielen Straftaten – wie am Wiener Praterstern – und mit einer Verwaltungsreform, die die Zuständigkeiten von Regierung und Bezirken klären soll.
Die letzten Umfragewerte stammen vom November des Vorjahres: Da lag die CDU mit 22 Prozent noch auf dem ersten Platz, jedoch mit einem Minus von sechs Prozentpunkten im Vergleich zum Wahlergebnis 2023. Die Koalitionspartnerin SPD liegt weit abgeschlagen bei 13 Prozent, während Linke (19 Prozent) und AfD (16 Prozent) Druck machen. Im September wird in Berlin gewählt.
Berlins Bürgermeister Kai Wegner (CDU).
Die Berliner CDU-Fraktion hat sich am Donnerstagfrüh zu Wegners Tennisspiel beraten und sich hinter ihn gestellt. "Er hat die Krise gut gemanagt, hat sich gekümmert, er war vor Ort", sagte ein Fraktionsmitglied. Die Stromkrise müsse nun aufgearbeitet und die notwendigen Lehren gezogen werden. Wegner, der angekündigt hat, die Stadt werde die Hotelkosten aller Betroffenen in diesen Tagen übernehmen, sieht dabei auch die Bundesregierung am Zug, kritische Infrastruktur besser zu schützen. Schließlich könne Ähnliches auch woanders in Deutschland passieren. Nur ist es in Berlin das zweite Mal in wenigen Monaten: Schon im September war das Berliner Netz von einem politisch motivierten Anschlag angegriffen worden, der sich gegen IT-, Sicherheits- und Rüstungsfirmen richtete. Schon damals dauerte es mehrere Tage, bis der Strom wieder lief.
"Die Reaktion auf einen Terroranschlag wird von allen zuständigen Behörden und Hilfsorganisationen gelegentlich geübt, nicht aber die Reaktion auf einen Blackout", lautet nicht nur die Kritik der Bild. Das Stigma über die marode Bundeshauptstadt hat Berlin auch unter CDU-Führung noch nicht abgelegt.
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